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Aus: Ausgabe vom 08.06.2019, Seite 15 / Geschichte
Verbrechen der SS

Gipfel der Greueltaten

Vor 75 Jahren verübten deutsche Soldaten in Oradour-sur-Glane das größte Massaker an Zivilisten in Westeuropa während des Zweiten Weltkrieges
Von Martin Seckendorf
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Mordeinheit: Die 2. SS-Panzerdivision »Das Reich«, Aufnahme von 1943

Seit Ende 1943 rechnete die deutsche Führung mit alliierten Großlandungen in Frankreich. Als ein gewichtiger Störfaktor bei den Vorbereitungen zur Abwehr der alliierten Invasion erwies sich die französische Widerstandsbewegung. Diese konnte infolge der seit 1943 erfolgten dramatischen Veränderungen der Kriegslage zuungunsten der Nazis erheblichen Zulauf verzeichnen. 1944 kämpften in der Résistance etwa 100.000 Bewaffnete. Vielfach mit den Alliierten abgestimmt, wurden Einheiten der Besatzer und der Kollaborateure angegriffen sowie Anschläge gegen Kommunikations- und Verkehrsanlagen ausgeführt. Der Nachschubverkehr der Besatzer wurde erheblich gestört. Die ökonomische Ausbeutung Frankreichs und die massenhafte Deportation von Arbeitskräften, beide für die deutsche Kriegswirtschaft von herausgehobener Bedeutung, wurden stark behindert. Die Widerstandsbewegung brachte besonders in den Alpenregionen, in Mittelfrankreich und in der Bretagne zeitweise größere zusammenhängende Gebiete unter ihre Kontrolle. Günther Blumentritt, Chef des Generalstabes des Oberbefehlshabers West, sprach von »einer strategischen Gefahr im Rücken der deutschen Front«.

Eskalierender Terror

Zur Bekämpfung der Résistance wurden neben Kräften der Polizei und des Sicherheitsdienstes zunehmend auch militärische Großverbände eingesetzt. Einer dieser Verbände war die 2. SS-Panzerdivision »Das Reich«, die als Elitetruppe galt. Sie hatte in den Kämpfen im Südteil der deutsch-sowjetischen Front seit Sommer 1943 schwere Verluste erlitten. Im Februar 1944 wurde der Verband zur Auffrischung nach Mittelfrankreich verlegt und sollte durch Zuführung von Rekruten und neuen Waffen wieder auf den alten Stand gebracht werden.

Die verstärkten und schwerbewaffneten Kampfgruppen gingen auf der Grundlage verbrecherischer Befehle mit einer im besetzten Frankreich bis dahin nicht gekannten Brutalität gegen Partisanen und Bevölkerung vor. Die deutschen Militärbehörden machten aus der Radikalisierung der Unterdrückungsmethoden auch gegenüber den französischen Kollaborationsdienststellen keinen Hehl. Als sich der Regionalpräfekt von Toulouse über die sich häufenden Massaker – zaghaft – beschwerte, antwortete die zuständige deutsche Dienststelle: »Bei der Bekämpfung des Terrorismus muss und wird die deutsche Wehrmacht sämtliche zu ihrer Verfügung stehenden Mittel und sogar für Westeuropa neue Kampfmethoden anwenden.«

Mit der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 ging der Partisanenkampf in eine allgemeine Volkserhebung über. Die Deutschen verschärften nochmals die Befehlslage und die Truppenpraxis.

Am 7. Juni ordnete der Oberbefehlshaber West, Gerd von Rundstedt, an: »Die Entwicklung der Bandenlage (vor allem in Mittelfrankreich; M. S.) während der letzten Tage und Stunden erfordert sofortiges und rücksichtsloses Zuschlagen starker Kräfte.« Dazu sollte auch die 2. SS-Panzerdivision »mit allen verfügbaren Teilen« eingesetzt werden.

Einen Tag später bekräftigte von Rundstedt seinen Befehl. Um das »Hinterland« zu sichern, drängte er auf weit ausgreifende militärische Unternehmen gegen die Résistance, die mit »rücksichtsloser Härte« und »äußerster Schärfe« durchzuführen seien.

»Grauenerregender Anblick«

Da man der Partisanen nur selten habhaft wurde, hielten sich die Okkupanten an die Zivilbevölkerung. Mit massenhaften Tötungen rächten sich die Deutschen für Aktionen des Widerstandes. Außerdem sollten die Mordaktionen die Bevölkerung einschüchtern und von ihrer Unterstützung der Partisanen abhalten.

Ein eklatanter Fall ereignete sich in Tulle südlich von Limoges. Am 7. Juni hatten Partisanen die Stadt unter ihre Kontrolle gebracht. Als die hochgerüstete 2. SS-Panzerdivision gegen die Stadt vorrückte, musten sich die Widerstandskämpfer zurückziehen. Die Deutschen konnten keine Partisanen ergreifen. Man beschloss, eine »Vergeltungsaktion« gegen die Bevölkerung durchzuführen. SS-Soldaten nahmen wahllos Zivilisten fest. 99 Männer wurden in der Avenue de la Gare an Balkonen und Straßenlaternen erhängt. Im ersten Untersuchungsbericht französischer Kollaborationsdienststellen an die deutschen Militärbehörden vom Sommer 1944 über die zahlreichen Massaker im Gebiet Limoges heißt es zu Tulle, die hängenden Leichen hätten »einen grauenerregenden Anblick« geboten.

Das Massaker in Oradour wurde im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg als »Krönung dieser Greueltaten« in Mittelfrankreich bezeichnet. Am Samstag, dem 10. Juni 1944, drangen etwa 150 Soldaten der 2. SS-Panzerdivision in das nordwestlich von Limoges liegende Dorf ein. Sie hatten Befehl, den Ort zu zerstören und alle Einwohner zu töten. Da es in Oradour weder Partisanen noch Waffenlager gegeben hatte, hegten französische Ermittler schon im Sommer 1944 den Verdacht, dass der Angriff ein Racheakt für ein 50 Kilometer entfernt erfolgtes Attentat der Résistance gegen Nazieinrichtungen war. Die SS-Männer veranstalteten in dem Dorf eine unglaubliche Blutorgie.

Am Ende der »Aktion« waren 642 Einwohner, darunter 240 Frauen und 213 Kinder, auf unsagbar grausame Weise getötet worden. Nur sechs Bewohner überlebten. Nachdem der Ort geplündert worden war, wurde Oradour, wie es im Kriegstagebuch der deutschen Feldkommandantur 588 heißt, »in Schutt und Asche gelegt«.

1953 kam es in Bordeaux zu einem Prozess gegen 21 Beteiligte an dem Massaker. Das Verfahren fand auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges und der Bestrebungen zur Einbindung der Bundesrepublik in die westeuropäischen Organisationen statt. Entsprechend gering fielen die Strafen aus und geriet die Behandlung der Verurteilten. Bis 1959 waren alle Mörder wieder auf freiem Fuß. In der BRD, wo die meisten der namentlich bekannten Täter, darunter der von 1953 in Abwesenheit zum Tode verurteilte Divisionskommandeur Heinz Lammerding, lebten, kam es zu keinem gerichtlichen Hauptverfahren. Die DDR-Behörden spürten einen Täter auf. Er wurde 1983 zu lebenslanger Haft verurteilt. 1997 setzte ihn die bundesdeutsche Justiz auf freien Fuß.

Aus dem Bericht der Kollaborationsverwaltung in Vichy vom Juli 1944 an deutsche Militärbehörden über das Massaker in Oradour:

»Am Samstag, den 10. Juni, brach eine Abteilung SS (…) in den Ort ein und befahl der Bevölkerung, sich auf dem Marktplatz zu versammeln. Die Männer wurden aufgefordert, sich in vier oder fünf Gruppen aufzustellen, von denen alsdann jede in einer Scheune eingesperrt wurde. Die Frauen und Kinder wurden in die Kirche geführt und dort eingeschlossen. Bald darauf krachten MG-Salven, und das ganze Dorf sowie die umliegenden Bauernhöfe wurden in Brand gesteckt. (…) Um 17 Uhr drangen deutsche Soldaten in die Kirche ein und stellten auf der Kommunionbank ein Erstickungsgerät auf (…). In kurzer Zeit wurde die Luft nicht mehr atembar (…). Die deutschen Soldaten begannen dann, durch die Kirchenfenster zu schießen. Sie drangen hierauf in die Kirche ein, um die letzten Überlebenden durch Maschinenpistolenschüsse zu erledigen, und schütteten einen leicht entzündbaren Stoff auf den Boden. (…) Gegen 18 Uhr hielten die deutschen Soldaten die in der Nähe vorbeifahrende Lokalbahn an und ließen die nach Oradour fahrenden Reisenden aussteigen. Sie streckten sie durch Maschinenpistolenschüsse nieder und warfen ihre Leichen in die Feuersbrunst. (…) Das 85 Häuser zählende Dorf (besteht) nur noch aus Ruinen, der größte Teil der Bevölkerung samt Frauen und Kindern (ist) umgekommen.«

Quelle: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof, Nürnberg 1947, Bd. VI, S. 453ff.

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