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Aus: Ausgabe vom 08.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawien-Krieg

Einmarsch im Kosovo

Chronik eines Überfalls (Teil 37), 8.6.1999: Abkommen von Kumanovo unterzeichnet
Von Rüdiger Göbel
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Bald rollen sie Richtung Jugoslawien: Deutsche Panzer, hier noch in Mazedonien

»Liebe Bürger, die Aggression ist vorbei. Der Frieden hat über die Gewalt gesiegt.« – In einer Ansprache würdigt Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic am 8. Juni 1999 die Leistung der Bürgerinnen und Bürger bei der Verteidigung des seit elf Wochen von der NATO bombardierten Landes. Die ersten Gedanken sollten »bei den Helden sein, die ihr Leben für die Verteidigung des Landes, im Kampf für die Freiheit und die Würde des Volkes gegeben haben«. Das gesamte Volk habe am Krieg teilgenommen, erinnert der Staatschef an die unzähligen zivilgesellschaftlichen Antikriegsaktivitäten unter NATO-Bombardement. »Der Mut jener, die Brücken mit ihren Leben verteidigt haben, jener Bürger, die Fabriken, öffentliche Plätze, ihre Städte, ihre Möglichkeiten zur Berufsausübung, ihren Staat, ihr Volk verteidigt haben, soll niemals vergessen werden.«

Die Gruppe der acht wichtigsten Industriestaaten der Welt und die Vereinten Nationen garantierten »die Souveränität und territoriale Integrität unseres Landes«, führt Milosevic den gerade abgesegneten Kosovo-Plan aus. Tatsächlich hat Belgrad dem G-8-Abkommen zugestimmt und nicht die NATO-Bedingung einer totalen Kapitulation angenommen, wie sie im Rambouillet-Diktat vor dem Krieg angelegt war. »Die Stationierung internationaler Truppen im Kosovo mit der Aufgabe, die Sicherheit aller Bürger gleichermaßen zu garantieren, wird unter der Schirmherrschaft der UN stattfinden, ebenso wie der politische Prozess.« Jugoslawien habe sich nicht nur verteidigt, sondern auch die Rückkehr der UNO auf die internationale Bühne erwirkt, von der sie seit Beginn der Aggression verschwunden war. »Das ist unser Beitrag zu den Anstrengungen der gesamten friedliebenden Welt, das ist unser Beitrag zur Schaffung einer multipolaren Welt anstelle einer Welt, die unter dem Diktat eines mächtigen Zentrums steht.«

Die Bürger Jugoslawiens und aller Nationalitäten »haben die multinationale Gemeinschaft erfolgreich verteidigt, die einzige multinationale Gemeinschaft, die aus dem früheren Jugoslawien übriggeblieben ist«, so Milosevic weiter. »Die Truppen, die ins Kosovo kommen werden, werden dem Frieden dienen, egal aus welchem Land sie kommen. Die Armee befolgt stets Befehle, und die Befehle hier lauten, die Bürger zu schützen und den Frieden zu erhalten.« Die NATO und die albanischen Gewaltseparatisten der UCK halten sich nicht an diese Maxime, mit Beginn ihres Einmarsches im Kosovo beginnt der große serbische Exodus. Zehntausende Serben sind bis heute, 20 Jahre später, aus ihrer angestammten Heimat vertrieben.

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Auf dem französischen NATO-Stützpunkt im mazedonischen Kumanovo treffen sich jugoslawische Militärs mit ranghohen Vertretern der Gegenseite, um über die Modalitäten des Rückzugs der jugoslawischen Streitkräfte aus dem Kosovo zu sprechen. Das dort unterzeichnete militärisch-technische Abkommen besiegelt formal den Einmarsch der Okkupationstruppen.

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Wiglaf Droste dekretiert in einem »Schlachtenbummler spezial«, Soldaten seien »Schiesser mit Eingriff«. »Die Mischung aus Detonation und Desinformation hat die geistige Deformation in Deutschland heftig beschleunigt. Aber selbst der Krieg ist nicht an allem schuld: Mancher Kopf war schon vorher im Eimer.«

Nächster Teil am Dienstag: Die Russen kommen! Moskaus Coup bremst die NATO aus

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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