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Aus: Ausgabe vom 08.06.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Die Bombe und die Folgen

»Sie wollten es uns anhängen«

Sänger der Band Microphone Mafia erinnert sich an NSU-Anschlag in Köln. Gespräch mit Kutlu Yurtseven
Von Glenn Jäger
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Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude während des NSU-Prozesses in München (Januar 2015)

Wie haben Sie den Nagelbombenanschlag auf der Keupstraße erlebt?

Ende 2003 zog ich in unmittelbare Nähe zur Keupstraße, ein gutes halbes Jahr später explodierte dort die Nagelbombe. Auf der Arbeit rief mich ein Freund an und fragte, ob bei mir alles ok sei. Im Internet sah ich dann die Bilder, auch von Verletzten, die ich gut kenne. Plötzlich erahnte ich, was für ein Glück ich hatte. Acht Stunden zuvor war ich an dieser Stelle zur Arbeit gegangen. Die Bombe war bei jenem Friseur hochgegangen, zu dem ich bis heute gehe. Zu der Angst um die Verletzten kam bei mir direkt die Sorge, ob man überhaupt ernsthafte Ermittlungen aufnehmen würde.

Die Täter wurden nicht in rechten Kreisen gesucht. Wie reagierten Sie und die Anwohner darauf?

Kurz nach dem Anschlag wurde ein rechter Hintergrund ausgeschlossen, die Täter wurden dem kriminellen Milieu zugeordnet. Da musste ich erst einmal bitter lachen. Wir hatten als Jugendliche die Pogrome von Rostock und Hoyerswerda, die Brandanschläge von Mölln und Solingen miterlebt. Die Täter-Opfer-Umkehrung kam einem nur zu bekannt vor. Zeugen, die aussagen wollten, dass sie die Täter nach dem Anschlag sahen, wurden nicht gehört. Opfer wurden wie Täter verhört, Aussagen verfälscht, die Menschen unter Druck gesetzt. Rund zehn Jahre lang wurden die Anwohner kriminalisiert und stigmatisiert. Uns allen war klar: »Sie wissen, wer es war, und wollen es uns anhängen!«

Klang das zu der Zeit nicht übertrieben?

Wir kannten unsere Community und wir hatten die Anschläge der 90er Jahre nicht vergessen. Für uns wenig überraschend kam mit der Zeit heraus: Es gab diese Aufnahmen der Überwachungskamera von »Viva«, es gab Hinweise von Scotland Yard auf rechte Täter und so weiter.

Wie reagierte man auf der Straße nach der »Aufdeckung« des NSU?

Die Betroffenen waren nach wie vor traumatisiert, paralysiert. Wir gingen mit Film- und Diskussionsabenden an die Öffentlichkeit. Dort fingen die Leute an zu reden, sich zu öffnen. Das kostete viel Überwindung, gab ihnen aber Selbstbewusstsein. Es waren Leute dabei, die noch nie vor einer Gruppe gesprochen hatten und die sich plötzlich öffentlich hinstellten und sagten, was war. Wertvoll war: Ein Überlebender des Brandanschlags von Mölln hatte eindringlich appelliert: »Leute, ihr dürft nicht schweigen!«

Was gab es noch für Aktionen?

Wir gründeten die Initiative »Keupstraße ist überall«, mit der wir viele Aktionen organisierten und auch zum NSU-Prozess nach München mobilisierten. Parallel dazu entstand am Kölner Schauspiel das Stück »Die Lücke«, bei dem ich mitwirken konnte. Es gab das NSU-Tribunal und Straßenfeste. Klar, auf unseren Konzerten war das auch immer ein Thema. Mit dem Rapper Refpolk spielten wir das Stück »Niemand wird vergessen – hic unutmadik!« ein.

Und heute?

Die Öffentlichkeits- und Erinnerungsarbeit geht weiter, nicht nur an Jahrestagen. Und mit dem sogenannten NSU 2.0 gibt es neue Herausforderungen: rechte Netzwerke bei Polizei und Bundeswehr, Drohbriefe gegen Anwälte etcetera. Erfreulich ist übrigens: Exbundespräsident Gauck hat sich auf der Keupstraße nie wieder blicken lassen. 2014 suchte er am zehnten Jahrestag jenen Friseursalon auf, vor dem die Bombe explodiert war. Der Kuaför Özcan hatte sich gewünscht, dass sich das höchste Organ dieses Staates persönlich bei ihm entschuldigt. Doch der sagte sinngemäß: Wie laufen die Geschäfte? Und: Wenn ich wiederkomme, sprechen wir hier alle Deutsch. Das zeigt: Wir vertrauen besser auf uns selbst.

Kutlu Yurtseven ist Rapper, Sänger der Microphone Mafia und engagiert sich in der Initiative »Keupstraße ist überall«

An diesen Samstag tritt die Band ab 15 Uhr auf dem Festival der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) in Köln auf.

www.festival-der-jugend.de

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