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Aus: Ausgabe vom 08.06.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Gedenken trotz Kapitalinteresse

Platz für alle?

15 Jahre nach NSU-Anschlag auf Kölner Keupstraße: Rolle von Behörden weiter unklar. Investorengruppe gegen geplantes Mahnmal
Von Glenn Jäger
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Tatort Keupstraße am 9. Juni 2004, dem Tag des Anschlags, der offiziell erst 2011 dem NSU zugeordnet wurde

Es ist der 9. Juni 2004: Vor dem Friseursalon »Kuaför Özcan« auf der Kölner Keupstraße explodiert eine Nagelbombe. 22 Menschen werden verletzt, vier davon schwer, durch Zufall gibt es keine Toten. Noch am Abend wird ein rechter Hintergrund offiziell ausgeschlossen. In den folgenden Wochen, Monaten, Jahren machen Polizei und Staatsanwaltschaft die Opfer zu Tätern. Deren vermeintliches Umfeld: Drogen- und Rotlichtmilieu, Schutzgelderpresser, Türsteherszene. Auf der Straße ahnt man längst: »Sie wissen, wer es war, und wollen es uns anhängen!«, so der Rapper und Aktivist Kutlu Yurtseven. Der Zeuge Arif Sagdic verwies gegenüber der Polizei auf Neonazis. Da habe »der Beamte nur den Finger vor die Lippen gehalten«, sagte er Anfang des Jahres 2019 der Deutschen Welle.

Zunächst fertigten Landes- und Bundeskriminalamt operative Fallanalysen an, die »auf einen Täterkreis von zwei Personen mit ›hoher Menschenverachtung‹« hinwiesen, erinnert der Kölner Sozialwissenschaftler Cagan Varol auf der Internetseite der Initiative »NSU-Watch«. Scotland Yard machte die Kölner Polizei auf Parallelen zu Nagelbombenanschlägen von London aufmerksam. Hinzu kamen Aufnahmen einer Überwachungskamera des Musiksenders »Viva«: Uwe Mundlos geht mit einem Fahrrad mit Hartschalenkoffer auf dem Gepäckträger in Richtung Keupstraße, ihm folgt Uwe Böhnhardt mit zwei Mountainbikes. Mundlos parkt das Fahrrad vor dem Friseursalon, beide fahren auf den Mountainbikes davon. Die Nagelbombe wurde ferngezündet.

Das LKA Bayern zeigte das Video 2006 einer Zeugin des Nürnberger Mordanschlags auf Ismail Yasar, die die beiden Radfahrer wiedererkannte. 2008 schloss die Staatsanwaltschaft Köln die Akte. Doch der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags kam 2012 auf das Video zurück. Dabei flippte »Clemens Binninger von der CDU völlig aus«, so die Frankfurter Rundschau: »Ich sage das als ehemaliger Polizist: So nah, wie Sie den Tätern waren, kommt man als Ermittlern den Tätern nie wieder!« Eine weitere Spur: Der Steuerberater Ali Demir sah nach der Explosion »vor seiner Tür einen Mann, der eine Pistole in einem Schulterholster trug«, so ein WDR-Bericht im Juli 2013. Es kam zu einem kurzen, unfreundlichen Gespräch, als »ein zweiter Mann von der gegenüberliegenden Straßenseite Handzeichen« machte.

Die Initiative »Keupstraße ist überall« gab zum 2013 begonnenen Münchner NSU-Prozess zu bedenken, »dass Polizei, Verfassungsschutz und ein großes Unterstützernetzwerk fundamentale Bestandteile des NSU-Terrors sind«. Daher gelte es, »den Staat und seine Geheimdienste sowie den gesellschaftlichen Rassismus auf die Anklagebank zu befördern«.

Nun soll eine Straßenecke weiter in den Umrissen des Anschlagsortes ein Mahnmal entstehen, mit viel Freifläche zum Verweilen. Eine zentrale Betonplatte soll man mit einer App in ein virtuelles Haus verwandeln können – mit Wänden aus Kurzfilmen. Das Mahnmal soll »eine filmische Bühne und ein kuratiertes Archiv für jede Form des Widerstands gegen Rassismus« sein, so der Text zu einer Animation.

Das Lehrstück dazu: Der Rat der Stadt Köln gab bereits grünes Licht. Doch die Verwaltung unterstützt eine Investorengruppe mit eigenen Interessen auf dem ehemaligen Güterbahnhof. Die Deutsche Bahn hat, so die Initiative »Platz für alle«, »ihre Immobilien an ein privates Konsortium aus der Hochtief AG und dem Fonds Redwood Grove verkauft. Der nördliche Teil des Geländes gehört inzwischen der Osmab Holding, das südliche Grundstück einer Eigentümergemeinschaft von Medienschaffenden wie Brainpool TV (Stefan Raab).« Die »Initiative Güterbahnhof Mülheim« kritisiert, dass nur »die Interessen der Eigentümer maßgebend« seien. Wohnprojekte? Skateranlage? Ein nichtkommerzieller Ort? Erinnerung gar an einen Terroranschlag und die Rolle der Behörden dabei? Dagegen steht Verdrängung – von Geschichte und von Anwohnern, deren Viertel »aufgewertet« werden soll.

Doch die Initiative »Herkesin Meydani – Platz für alle« verschafft sich Gehör. Es gebe eine politische Verantwortung, »die nicht hinter den Interessen des Kapitals verschwinden darf«. An Aktionen zum 15. Jahrestag des Anschlags beteiligt sich auch das Schauspiel Köln. Geladene Gäste: Seda Basay-Yildiz, die Nebenklageanwältin im NSU-Prozess war und zur Zeit Drohbriefe des »NSU 2.0« erhält, ihr Kollege Mehmet Daimagüler und der Künstler Ulf Aminde, der das Mahnmal entworfen hat. Im Anschluss soll eine Gedenkveranstaltung mit Bühnenprogramm auf der Keupstraße stattfinden. Die Straße, sie ist es gewohnt, für ihre Interessen einzustehen. Seit mehr als 15 Jahren.

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