Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 06.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

NATO-Diktat unter UN-Flagge

Chronik eines Überfalls (Teil 36), 6.6.1999: Jugoslawien droht die Auflösung, Belgrad die nächste Bombennacht
Von Rüdiger Göbel
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Die Bombardierungen bestimmen den Alltag: NATO-Luftangriff auf Belgrad, 18.4.1999

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Die Vorbereitungen zur Umsetzung des G-8-Planes für Jugoslawien sind angelaufen, Generäle der NATO und der jugoslawischen Streitkräfte zu ersten Treffen zusammengekommen. Hauptstreitpunkt ist die zukünftige Kosovo-Truppe: Während Jugoslawien und Russland von zwei Kontingenten – einem unter russischer und einem unter NATO-Führung – ausgehen, verlangt die westliche Kriegsallianz eine einheitliche Truppe unter NATO-Führung, die »unabhängig von der jugoslawischen Führung vorgehen« könne. Gespräche darüber soll es nach Meinung der NATO nicht geben. Hochrangige Vertreter der Allianz erklären, man werde nicht nach Belgrad kommen, um zu verhandeln, sondern um zu diktieren. US-Außenministerin Madeleine Albright bringt es auf den Punkt: Die Konfrontation werde nicht enden, »bevor alle Bedingungen erfüllt« seien. Zur Bekräftigung ihrer Position fliegt die NATO 610 Einsätze binnen 24 Stunden gegen jugoslawisches Territorium – kaum weniger als vor der Zustimmung Belgrads zum G-8-Plan.

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Wolfgang Gehrcke, außenpolitischer Sprecher der PDS-Bundestagsfraktion, begrüßt im jW-Interview, »dass – entgegen allen vorhergehenden Beteuerungen, dies nicht zu tun – überhaupt mit der jugoslawischen Führung verhandelt wurde«. Position der NATO sei stets gewesen, es gebe nichts zu verhandeln, es sei nur zu unterschreiben. Gehrcke stellt gleichwohl klar, die Stationierung von NATO-Truppen sei der »falsche Weg«. »Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass es zu UN-Truppen ohne Beteiligung von Mächten, die in den Krieg involviert sind, kommt. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Deshalb ist dieser Punkt im Friedensplan, die Stationierung von Truppen der Angreiferstaaten, abzulehnen.«

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jW-Kommentator Werner Pirker fragt, ob Belgrad die eigene Kapitulation unterschrieben hat: »Wenn der Friedensplan der G 8, wie er von westlicher Seite interpretiert wird und wie ihn die Führung in Belgrad akzeptiert haben soll, tatsächlich durchgeht, dann erlebt das niedergebombte Jugoslawien die bittersten Stunden in seiner Geschichte. Dann hat es als unabhängiger Staat, der souverän die Kontrolle über sein gesamtes Territorium ausübt, aufgehört zu existieren. Dann ist das Diktat von Rambouillet Wirklichkeit geworden. Dann erlebt der einzige wirklich legitime Nachfolgestaat der jugoslawischen Föderation den demütigenden Prozess seiner Bosnisierung. Dann haben die albanischen Sezessionisten zumindest das Ziel erreicht, die BR Jugoslawien zu desintegrieren – was aus ihren eigenen ›Großmacht‹-Ambitionen noch wird, bleibt dahingestellt.«

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Belgrad steht derweil eine weitere von mittlerweile mehr als 70 Kriegsnächten bevor. Die Bombardierungen der NATO beginnen, den Alltag der Menschen vollkommen zu bestimmen. Nur noch stundenweise gibt es in der jugoslawischen Hauptstadt Strom. Batterien für Taschenlampen und das Transistorradio sind begehrte Mangelware, Gaskocher sind ausverkauft oder nicht bezahlbar.

Klar ist, mit der Zustimmung zum G-8-Plan will Jugoslawien die totale Vernichtung des Landes verhindern. Dass sie dazu gewillt ist, hat die NATO unter Beweis gestellt.

Nächster Teil am Wochenende: NATO-Einmarsch im Kosovo

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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