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Aus: Ausgabe vom 06.06.2019, Seite 1 / Titel
75 Jahre D-Day

Weit weg vom Frieden

Den 75. Jahrestag der Landung in der Normandie begehen die westlichen Alliierten ohne Russland
Von Jörg Kronauer
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Die Staats- und Regierungschefs der führenden westlichen Mächte haben am gestrigen Mittwoch im südenglischen Portsmouth des Beginns der Befreiung Frankreichs von der NS-Besatzung gedacht. Auf den Tag genau 75 Jahre nach dem Ablegen der ersten alliierten Truppen aus Portsmouth und anderen Hafenstädten Südenglands leitete Queen Elizabeth II. einen internationalen Festakt, der an den Aufbruch von 150.000 Soldaten in die Normandie erinnerte, wo sie in den frühen Morgenstunden des 6. Juni 1944 begannen, die deutschen Stellungen zu stürmen. Zudem schifften sich gestern in Portsmouth 300 Veteranen zu einer Gedenkfahrt ein; sie werden heute an ihrem damaligen Einsatzort in Nordfrankreich erwartet. Der Festakt wurde von einer aufwendigen Militärparade der britischen Streitkräfte begleitet.

Nach weiteren, kleineren Erinnerungsveranstaltungen wird das Gedenken am heutigen Donnerstag, dem 75. Jahrestag der Landung, mit einem zweiten internationalen Festakt an der nordfranzösischen Küste fortgesetzt. Neben Elizabeth II. nehmen unter anderem US-Präsident Donald Trump, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sowie Kanadas Premierminister Justin Trudeau an dem Gedenken teil.

Überschattet werden die Feierlichkeiten von rasant zunehmenden Verwerfungen in der internationalen Politik, die sich bereits darin widerspiegeln, wer zu dem Gedenken eingeladen worden ist. Vor zehn Jahren, zum 65. Jahrestag der Landung in der Normandie, hatten sich nur die Staats- und Regierungschefs der westlichen Alliierten, die 1944 das Landungsunternehmen getragen hatten, zum gemeinsamen Gedenken zusammengefunden.

Zum Festakt am 70. Jahrestag im Jahr 2014 waren auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Wladimir Putin hinzugebeten worden; damit war zwar eine Vertreterin Deutschlands, also des einstigen Aggressors, präsent, die frühere Anti-Hitler-Koalition aber immerhin noch im gemeinsamen Gedenken geeint. Diesmal ist der russische Präsident gar nicht erst eingeladen worden; erst kürzlich hat die NATO am russischen Tag des Sieges, dem 9. Mai, ein gegen Russland gerichtetes Manöver gestartet. Dafür wollte der deutsche Botschafter in Frankreich, Nikolaus Meyer-Landrut, gestern nachmittag eine Gedenkveranstaltung auf der deutschen Kriegsgräberstätte La Cambe nahe Caen besuchen. Die deutschen Soldaten, die dort beigesetzt wurden, starben beim Versuch, die Befreiung Frankreichs zu verhindern.

Zu dem tiefen Bruch mit Russland und der trotz Nazivergangenheit erheblich aufgewerteten deutschen Position kommen noch wachsende Spannungen zwischen den westlichen Mächten hinzu. Während ihres letzten offiziellen Auftritts als Premierministerin wollte Theresa May gestern laut vorab verbreitetem Redemanuskript dafür werben, »dass wir weiter zusammenstehen im Eintreten für unsere gemeinsamen Werte und unsere Lebensart«. Zwar seien »die globalen Herausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen, in ihrem Ursprung und in ihrer Art anders« als der damalige Krieg gegen das NS-Reich. Dennoch gelte es, »über die anhaltende Bedeutung des westlichen Bündnisses für die Sicherheit und den Wohlstand all unserer Länder nachzudenken«.

Freilich kämpften die alliierten Soldaten, die am 6. Juni 1944 in die Schlacht zogen, nicht für ein westliches Bündnis, sondern für die Befreiung vom deutschen Naziterror durch die auch Russland umfassende Anti-Hitler-Koalition.

Debatte

  • Beitrag von Thomas P. aus B. ( 6. Juni 2019 um 00:00 Uhr)
    Putin und damit Russland zu den Feierlichkeiten zum D-Day nicht einzuladen, ist eine ungeheuerliche, nicht mehr zu toppende Provokation: Das ist der Gipfel der Beleidigung eines Staates, der bei weitem die Hauptlast des Kampfes gegen Hitlerdeutschland und seine faschistischen Verbündeten im II. Weltkrieg geleistet hat. Die »Invasion« (ursprünglich ein Goebbels-Begriff, besser wäre Befreiung Frankreichs) hätte sich nicht ohne die sowjetische Sommeroffensive nach zwei Monaten in einen Bewegungskrieg verwandelt. Das Unternehmen »Bagration« – Start am 22. Juni 1944, also zum dritten Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion – führte in mehreren Kesselschlachten in kürzester Zeit zur völligen Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte in Belarus und damit zur größten, katastrophalsten Niederlage der Naziwehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Im August standen die Verbände der Roten Armee bereits vor Warschau und Ostpreußen. Einen solch rasanten Vormarsch realisierten nicht einmal die Nazis in ihrer Hochzeit der Blitzkriege. Einen herausragenden Beitrag zu diesem überwältigenden Sieg lieferten die sowjetischen Partisanen. Kurz: Die Rote Armee marschierte von Ende Juni bis in den August 600 Kilometer nach Westen, während die Angloamerikaner – erst nach 2 Monaten – aus ihren Brückenköpfen in der Normandie ausbrachen. Daher wird dieser große Sieg der Roten Armee von der US-NATO-EU-Propaganda sowie (besonders in den letzten 20 Jahren) von den entsprechenden »Historikern« kleingeredet oder totgeschwiegen.

    Kleine Anmerkung: Die Franzosen haben spezielle Probleme, die Leistungen der Roten Armee, vor allem aber der sowjetischen Partisanen (vgl. Arte-»Dokumentationen«), anzuerkennen. Das kommt daher, dass die katastrophalen militärischen Leistungen der auf allen Gebieten stärksten Armee Europas (Mai 1940), das Versagen, aufgrund einer fehlenden Kampfmoral dem Faschismus energisch Widerstand zu leisten, sowie eine umfassende Kollaboration durch die Glorifizierung der Résistance schöngeredet werden müssen. Die Resistance kann sich von den sowjetischen Partisanen – was Opfermut, Widerstand und Erfolg betrifft – mehr als eine Scheibe abschneiden!

    Wohl mit ein Grund, Putin nicht einzuladen.
    • Beitrag von Wieland K. aus N. ( 6. Juni 2019 um 09:15 Uhr)
      Was Ihre Darstellung der militärischen Lagen und Maßnahmen betrifft, da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Genauso empfinde ich es als absolute politische Provokation, nicht die Verteter Russlands einzuladen, dafür die Galionsfigur des wiedererstandenen deutschen Militarismus.

      Nicht einverstanden bin ich mit Ihrer Abwägung des russischen Partisanenkampfes gegen die französische Résistance. Weshalb dividieren sie zwei Kräfte, die unter Einsatz des Lebens gegen die Faschisten kämpften, auseinander ? Dass beide unterschiedliche gesellschaftliche Voraussetzungen hatten, das ist richtig. Aber auch aus den Reihen der patriotischen Franzosen kämpften Piloten und Techniker im deutsch-französischen Geschwader »Normandie – Njemen«, waren französische Widerstandskämpfer bei der lebensgefährlichen Zerstörung von »V-2«-Anlagen in Frankreich und Belgien beteiligt, haben sie auf vielfältige Weise wirksam gegen den deutschen Militarismus gekämpft. Es ist falsch, hier eines gegen das andere aufzuwiegen. Solche Diskussionen sind nicht förderlich, um heutzutage international gegen Imperialismus und Militarismus, wo immer er auftaucht, wirksam zu werden. Nicht gegeneinander, miteinander sind wir stark. Deshalb, bitte, sollten wir solche abwertende Vergleiche von mutigen Kämpfern tunlichst unterlassen und beide gleich würdig ehren.
  • Beitrag von Dieter R. aus N. ( 6. Juni 2019 um 07:37 Uhr)
    Die westlichen alliierten Soldaten wurden wohl nicht nur für die Befreiung vom deutschen Naziterror in die Schlacht geschickt, sondern sicherlich auch, wenn nicht vor allem, um der siegreich vorrückenden Roten Armee »nicht alleine das Feld zu überlassen«.
  • Beitrag von Holger S. aus L. ( 6. Juni 2019 um 16:51 Uhr)
    Meines Wissens war es nicht nur Russland, sondern die Sowjetunion insgesamt, die in der Anti-Nazi-Koalition militärisch aktiv war.

    An dieser Stelle, wie auch anderswo, wünsche ich mir journalistische Genauigkeit in den Begrifflichkeiten.

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