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Aus: Ausgabe vom 05.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Filmfest

Verschleppt am Flughafen

Beim Freiburger Filmforum holt die Realität das transkulturelle Kino auf erschreckende Weise ein
Von Hannes Klug
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»Die Kamera als künstlerische Waffe«: Szene aus »Faire-Part« der kongolesischen Filmemacher Nizar Saleh und Paul Shemisi

Dieses Wiedersehen war kein gewöhnliches: Nach der Vorführung des Films »Fai re-Part« fielen der belgische Regisseur Rob Jacobs und seine Kollegin Anne Reijniers den beiden kongolesischen Filmemachern Nizar Saleh und Paul Shemisi um den Hals und wollten sie gar nicht mehr loslassen. Kein Wunder: Saleh und Shemisi hatten auf ihrem Flug von Kinshasa nach Frankfurt am Main gerade am eigenen Leib erfahren, was es heißt, trotz gültiger Papiere festgesetzt zu werden. Nur mit Glück und dank des Eingreifens mehrerer Botschaften sowie des Goethe-Instituts konnten sie entkommen. Dazu gleich mehr.

Ihr formal auch aus einem hochwertigen Programm herausragender Film dokumentiert selbstreflexiv eine belgisch-kongolesische Gemeinschaftsarbeit, die – so formuliert es Nizar Saleh – im Verhältnis der beiden Länder, die durch ihre Kolonialgeschichte miteinander verbunden sind, ein neues Kapitel eröffnen soll: Eines, in dem das koloniale Erbe anerkannt und respektiert, aber auch durch eine neue Generation überwunden wird. »Die Kamera dient uns dabei als eine künstlerische Waffe, um Denkprozesse anzuregen und die Dinge zum Besseren zu verändern«, sagt Saleh. Nach wie vor ist die Republik Kongo eines der ärmsten Länder der Welt. Die vier Mitglieder des afrikanisch-europäischen Kollektivs filmten in den Straßen von Kinshasa, aber zeigen eben auch ihr Ringen um eine gemeinsame Form, mit der sie alle vier einverstanden sein können.

Das Freiburger Filmforum hatte sich in seinem 34. Jahr einen neuen Untertitel zugelegt: Als »Festival of Transcultural Cinema« wollte es Diskussionen anstoßen, die nicht nur hinterfragen, inwieweit visuelle Anthropologie und ethnographische Filme adäquat fremde Lebenswelten vermitteln können, sondern die explizit das Fortleben kolonialer Kontexte und dem Umgang mit diesem Erbe in den Mittelpunkt stellten. Ziel eines transkulturellen Kinos, so formulierte es Festivalleiter Mike Schlömer, wäre es, Grenzen durchlässig zu machen und im Idealfall aufzulösen. Doch dann wurden das Festival und das, was dort 30 Dokumentar- und Spielfilme aus der ganzen Welt verhandelte, schlagartig von der Realität eingeholt. Die beiden Gäste aus dem Kongo, die eigentlich mit der Lufthansa in Frankfurt hätten landen sollen, waren verschollen. Niemand wusste, wo sie geblieben waren, und die Fluggesellschaft selbst zeigte sich an dieser Frage am wenigsten interessiert. Nachfragen per Telefon wurden schlichtweg durch wiederholtes Auflegen erledigt.

Und so soll in diesem Text nicht nur von Filmen, sondern auch von Ereignissen jenseits der Leinwand die Rede sein, die das, was im Freiburger Kommunalen Kino über sechs Tage hinweg in Filmen und Panels Thema war, unmittelbar erfahrbar machten. Während des Transits in der angolanischen Hauptstadt Luanda auf dem Flug von Kinshasa nach Frankfurt wurden Nizar Saleh und Paul Shemisi unter dem Vorwand, ihre Papiere wären gefälscht, verhaftet, alle persönlichen Gegenstände, Papiere und Handys wurden ihnen abgenommen und sie wurden in eine Gefängniszelle gebracht, in der über 50 andere Menschen eingesperrt waren. Manche der dort Gefangenen, so zeigte sich in Gesprächen, hatten schon mehrere Monate und sogar Jahre in dieser Zelle verbracht. Dabei wollten sie nur in Luanda umsteigen.

»Allem Anschein nach wird hier Kidnapping betrieben, dessen Methode darin besteht, Reisende mit gültigen Papieren festzuhalten, um Geld für ihre Freilassung zu erpressen«, so Nizar Saleh. »Aufgrund der Uniformen konnten wir erkennen, dass dies in Zusammenarbeit von Angestellten der staatlichen Luftlinie TAGG mit den angolanischen Zollbeamten geschieht.«

Auf ihren Verbleib konnten sie letztlich nur aufmerksam machen, weil es einem der Gefangenen gelungen war, ein Telefon einzuschmuggeln, und er ihnen gestattete, eine SMS zu versenden. Sie schickten sie an ihre belgische Produktionspartnerin Anne Reijniers, die alle Hebel in Bewegung setzte, um sie aus dem Verlies freizubekommen. Nach eineinhalb Tagen ohne Nahrung und Wasser drückte ihnen einer ihrer Bewacher Bordkarten für die nächste Lufthansa-Maschine in die Hand, in die sie dann geschleust wurden. So erwies sich die Realität dieses Festivals als Fortführung der filmischen Wirklichkeit. Die Dringlichkeit der dort geführten Debatten wurde dabei umso eindrücklicher unterstrichen.

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