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30.05.2019, 14:34:45 / Feuilleton
Musik

Für das Bessere

Zum Tod des Komponisten und Pianisten Andre Asriel
Von Stefan Amzoll
Nützlich sollte es sein: Andre Asriel (1922–2019)
Nützlich sollte es sein: Andre Asriel (1922–2019)

Andre Asriel lebt nicht mehr. Er wurde 97 Jahre alt. Als Komponist und Pianist, Schöpfer zahlreicher Massenlieder, Songs und Chöre, von Kammer- und Orchestermusik, Hörspiel und Filmmusiken ist er in der DDR und darüber hinaus bekannt geworden. Asriel kann als Chronist gelten. Schon als junger Mann hatte er das Ohr am Puls der Zeit. Wie seine Genossen Hanns Eisler, Ernst Busch, Ernst Hermann Meyer, Eberhard Schmidt, Günter Kochan und andere griff er in die Kämpfe der Zeit ein.

Asriel schrieb während der 50er Jahre zahlreiche Agitationslieder – professionell gemachte operative Beiträge. Sie waren klar in Diktion, Form und Aussage, adressiert an die Jugend, an die Schar der besseren Deutschen, an eine lernfähige, wiederaufbaubereite Bevölkerung. Primäres Anliegen des Komponisten war es, nützliche Arbeit abzuliefern. Mit Avantgardemusik konnte er wenig anfangen. Er schuf Kunstlieder für Solisten und Chöre sowie Bühnenmusiken für Kapellen, Schauspielerinnen und Schauspieler. Auch hochwertige Kammermusik.

Am 22. Februar 1922 geboren, war seine Jugend keineswegs leicht. Er wuchs auf, als der Faschismus seine Schatten über den europäischen Kontinent warf. Seine Mutter, die schon 1942 starb, war sephardische Jüdin. Sie hatte in Wien dem Jungen kulturelle und politische Neigungen gleichsam in die Wiege gelegt. 1936 erfuhr der Vierzehnjährige erstmals direkten Antisemitismus, da er gezwungenermaßen in ein Wiener jüdisches Gymnasium überwechseln musste. Als Österreich 1938 Österreich »heim ins Reich« kam, schickte die Mutter den Sohn nach England, wo Freunde und Bekannte ihn aufnahmen.

Einer seiner ersten Freunde dort war der Dichter Erich Fried, der ihm nicht nur Texte zur Vertonung lieferte, sondern den angehenden Musiker in die deutsche Sektion der FDJ holte. Man traf sich heimlich und studierte sozialistische Lektüre.

Ein geregeltes Kompositionsstudium war in England nicht möglich. Es fehlte das Geld. »Wertvollen Unterricht« erhielt Asriel – gratis – bei Ernst Hermann Meyer, und bei einem Mister Osborne konnte er jene Klavierstudien fortsetzen, die er in Wien sporadisch begonnen hatte. In England agierte André auch als Chordirigent und Klavierbegleiter, wodurch ihm Stücke des berühmten Hanns Eisler, seines späteren Lehrers, vertraut wurden.

Asriel ließ sich von nichts und niemanden etwas vormachen. Mit Fried, Meyer, dem Musikhistoriker Georg Knepler und anderen Exilgenossen (Asriel gehörte nie einer politischen Partei an) hatte er schon im hochkapitalistischen England die »Entwertung sämtlicher Werte« empfunden, ein Gefühl, das ihn nach der Zeitenwende 1989 wieder befiel. Darum schrieb er anschließend wohl keine Note mehr, oder nur noch für den Hausgebrauch. Nach dem Krieg kehrte der junge Komponist und Pianist nicht wieder zurück in die Heimat. Das keineswegs entnazifizierte Wien hätte Leute wie ihn sowieso abgewiesen, Eisler hatte das 1948 handfest zu spüren bekommen. Wie dieser und andere Westexilanten siedelte er nach Ostberlin über, zog mit seiner Familie und seinen Katzen in eines der Hochhäuser am Berliner Frankfurter Tor und erhielt alsbald eine Professur an der Deutschen Hochschule für Musik in der Wilhelmstraße. Von Stund’ an widmete er sich als Lehrer für Komposition und Kontrapunkt der Ausbildung des hochbegabten Nachwuchses und komponierte daneben wichtige Stücke.

Asriels Lieblingsgenre war der Jazz. Aus seiner Feder stammt das 1966 erschienene, von den Profis belächelte, von Laien jedoch interessiert aufgenommene Buch »Jazz – Analysen und Aspekte«. Das Interesse an der im Osten lange Zeit verpönten Musik war wohl in England gewachsen. Lustig – vor Versammelten der britischen FDJ spielte er mit Vorliebe Boogie Woogie. Viele seiner Lieder, Songs und Chorwerke haben einen jazzigen Gestus. Durch solche Stilistik gerieten sie nicht in Gefahr, mit einer – in den Köpfen tief sitzenden – martialischen Naziliedtradition verwechselt zu werden. Beim Marschlied kam es ihm darauf an, die Marschierenden zu irritieren und möglichst aus dem Tritt zu bringen, in der Art, wie es das Brecht/Eisler-»Solidaritätslied« tut (»Wessen Welt ist die Welt«). Später wurde die musikalische Satire wichtig (»Fabeln des Äsop« für Chor). Der Wunsch nach Frieden ist in seinen Werken fest verankert, etwa im Song »Gegen den Krieg« auf einen Text des von ihm ungebrochen geschätzten Kurt Barthel/Kuba.

Am Dienstag ist der uralte, tapfere Mann gestorben.

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