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Aus: Ausgabe vom 03.06.2019, Seite 12 / Thema
Droste

Tatsächlich im Paradies

Erinnerungen an Wiglaf Droste (1961–2019). Teil zwei von drei
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»Die andre Wange jesusmäßig hinhalten/ist Quatsch mit Soße/In seine Feinde soll man Löcher machen, und zwar große« – Wiglaf Droste

Am 15. Mai starb der Schriftsteller und Sänger Wiglaf Droste im Alter von 57 Jahren. Er schrieb seit 1994 regelmäßig für die junge Welt, seit Januar 2011 hatte er eine tägliche ­Kolumne. Die Redaktion hat Freunde und Weggefährten um einen kleinen Beitrag in ­Erinnerung an Droste gebeten. Wir bedanken uns herzlich bei allen Beteiligten. (jW)

Mit Wiglaf zum Club

Drei Tage später stieg der Club, der FCN, ab. Ich kenne nicht wenige Leute, die den 29. Mai 1999 mit dem 11. September vergleichen. Sie wissen bis heute, wo und unter welchen Umständen sie diese unglaubliche, unfassbare, diese jedes Maß der menschlichen Vorstellungskraft übersteigende ARD-Bundesliga­radioschlusskonferenz hörten. Meine Liebste, die schönste Frau zwischen Nürnberg und Frankfurt am Main, musste das Fiasko des Ersten Fußballclubs Nürnberg auf einer Autofahrt in den Spessart erdulden, Sozius war ein Eintracht-Frankfurt-Fan.

Erdulden. Der große Nürnberger Zeitungsreporter Klaus Schamberger ersann hernach (oder war es schon vorher gewesen?) die Titelschlagzeile »Der Glubb is a Depp«.

Erdulden. Am Montag drauf traf ich mich in Frankfurt mit Eckhard Henscheid. Wir gingen damals regelmäßig zusammen ins Schwimmbad, und Eckhard war ein glänzender Bademeister, der vom Beckenrand aus randalierende Rentner ermahnte, sie sollten »den jungen Mann« seine Bahnen ziehen lassen und ihm nicht dauernd vor den Schädel paddeln.

Eckhard rechnete mir vor, dass es einen derart bescheuerten Abstieg in der gesamten Fußballweltgeschichte noch nicht gegeben hatte. Der FCN war vor dem letzten Spieltag 12. gewesen und hatte überhaupt nicht mehr absteigen können. Aber er brachte es hin.

»Tooor in Nürnberg! Toor! Toor! Toor in Nürnberg! Ich pack’ das nicht! Ich halt’ das nicht mehr aus! Ich will das nicht mehr seh’n!« Kurz vor Schluss war der Club plötzlich wieder gerettet, doch Günther Koch, der Teiresias vom Valznerweiher, der bereits vor der Pause geunkt hatte, dass das heute schiefgehen könne, sah den Untergang wenig später neuerlich voraus: »Hallo, hier ist Nürnberg, Wir melden uns vom Abgrund.«

Keine Ahnung, ob Wiglaf, der zuletzt in der Wunderwelt der Fränkischen Schweiz lebte und dem Fußball über seine Borussia verbunden war, damals am Radio hockte und mit den gemeinhin stillen und liebenswert defätistischen Franken mitfühlte. Drei Tage zuvor jedenfalls hatten Gerd Fischer, mein Bruder Thomas, der aus Bonn angereist war, und ich in meiner Frankfurter Küche gesessen und das Champions-League-Finale zwischen Bayern und Manchester United geschaut. Fürs ARD-Radio übertrug die Begegnung Günther Koch, der antikische Sänger des Schicksals.

Nachspielzeit, Sheringham, Solskjær. Ich muss das niemandem erklären.

Mein Bruder stand auf, ging ins Nebenzimmer, schloss die Tür und weinte.

Zehn Sekunden später klingelte das Telefon. Wiglaf, der Borusse, jubelte, Wiglaf feixte. Vermutlich köpfte er nebenbei eine Flasche Champagner.

Ich gebe zu, dass ich, damals noch Bayern-Anhänger, ihm gram war. Ich fand das herzlos. Aber er hatte ja recht. Über den Sturz der Arroganten und Mächtigen muss man sich freuen. Man nennt es Klassenkampf. Oder wenigstens die Beseitigung eines Übels.

Ich wäre mit Wiglaf gern mal zum Club gegangen.

Jürgen Roth, Schriftsteller

Rückkehr nach Ostwestfalen

Gelächter beim junge Welt-Redakteur, als ich ihm am Telefon erzähle, Ostwestfalen würde seine Besten offenkundig in mehrfacher Ausfertigung herstellen – in einem Supermarkt meines Geburts- und Wohnortes Herford hätte ich soeben ein Wiglaf Droste aufs Haar gleichendes Duplikat erblickt. Das dürfte das Original gewesen sein, erläutert der Redakteur, denn Droste sei tatsächlich gerade von Leipzig nach Herford, das auch seine Geburtsstadt ist, umgezogen. Diese Rückkehr, wenn es denn eine war, währte freilich nur kurz. Als ich späterhin versuchte, in Kontakt mit ihm zu treten, hatte es Droste schon wieder weitergetrieben.

In den 80er Jahren erste Begegnungen. Es gab gemeinsame Herforder Bekannte, die der damals bereits etablierte Autor Droste zuweilen besuchte. Unsere Wohnküchendisputationen führten dazu, dass er mir Möchtegern-Schreiber freundlichst half, manchen Kontakt knüpfte, als auch ich dann, wie er zuvor, nach Berlin zog. Die ostwestfälischen Bande verloren sich im Dickicht der Stadt, seine Texte und Bücher las ich weiterhin gebannt. Eindruck: Er muss geschuftet haben wie sonst keiner. Allein die tägliche Kolumne, die er über Jahre für die junge Welt verfertigt hat, dazu eine unfassbare Anzahl Artikel für andere Blätter, für den Rundfunk. Der Arbeit, hat Droste einmal gesagt, sei vor allem in Deutschland jegliche Leidenschaft, Freude, Lust ausgetrieben worden. Sein Schreiben war dagegen eine Notwehrmaßnahme, eine wirksame. Und zwar, weil dieses Schreiben qua der darin vorherrschenden sprachschöpferischen Lust und Intelligenz dazu führte, dass der Leser für die Zeit der Lektüre der Mensch zu sein vermochte, der er gerne wäre: hellsichtig, klug, einer, der der allerorten blühenden Verblödung nicht anheimfällt, bei dem um sich greifenden Konformismus nicht mittut. Nachhaltige Gesellschaftsausstiege finden auf Lesesesseln statt.

Die feinnervige Prosa seiner zumeist für den Tagesgebrauch verfassten Texte mit ihren vielen zugleich spielerischen und rhythmisch gekonnten Einschüben hat geradezu vibriert. Damit so etwas gelingt, braucht es den ganzen Einsatz, alle Zeit, Lust und Feinfühligkeit eines Autors, der keine Hierarchie zwischen den Textgenres kennt, der auch beim kürzesten Kurztext alles gibt. Droste war – nicht anders als Thomas Mann oder Thomas Pynchon – ein genuiner Dichter, ein Großer der Literatur. So jedenfalls sieht man es in Ostwestfalen.

Michael Girke, Autor und Ostwestfale

Kommando Leise Welt

Zum ersten Mal sah ich Wiglaf Droste im Jahr 1989 in Westberlin, vor dem Fall der Mauer. Ich vertrat damals das Duo Sonnenschirm aus der DDR, die drei Tage in der auf satirische Medien spezialisierten Galerie Tammen am Chamissoplatz auftraten. Drei Tage, das war so eine typische »Residenz« an kleinen Veranstaltungsorten – man hoffte auf gute Presse und damit einen vollen Laden am dritten Tag. Und zu den Presseleuten, auf die Werner Tammen zählte, gehörte der junge Wiglaf Droste, von dem ich natürlich schon gehört, vor allem aber auch gelesen hatte – mit 27 Jahren schon eine Kultfigur im alternativen Kulturmilieu Westberlins. Und nach dem Auftritt war der Galerist glücklich: »Droste hat sich sehr amüsiert!« Das zählte etwas. Der Karriere der Brachialromantiker aus Leipzig und Dresden schien nichts mehr im Weg zu stehen ...

Kennengelernt habe ich Wiglaf Droste dann in den 2000er Jahren, als ich nach Berlin gezogen war und wir beide regelmäßig in der besten Berliner Bar jener Tage verkehrten, dem Bellman (das es, so sind die Zeiten, so heute auch nicht mehr gibt). Dort verbrachten wir etliche lange Abende, durchaus auch mit einer Menge Alkohol, aber mit einer noch größeren Menge guter Gespräche. Und es konnte passieren, dass ich morgens um vier, fünf oder auch mal um sechs Uhr nach Hause wankte, während Wiglaf in der Bellman Bar blieb und dort an einem Tisch einschlief. Mir als Gelegenheitstrinker war damals nicht bewusst, dass Wiglaf in ein Alkoholproblem schlitterte, das ihm später immer wieder ernsthafte gesundheitliche Probleme bereiten würde. Eines Morgens drohte Wiglaf mir Prügel an, was mich durchaus irritierte, ich aber auch nicht sonderlich ernst nahm. Ein gemeinsamer Freund erklärte mir am nächsten Tag, dass Wiglafs Freunde alle schon mal Prügel angedroht bekommen hätten, das sei sozusagen eine der größten Freundschaftsbezeugungen in Wiglafs Welt.

Wiglaf, das wurde mir im Lauf der Jahre klar, kämpfte mit einigen Dämonen. Und in unserer Welt der heute um die 60 Jahre alten Männer hatten wir einige Dämonen gemeinsam, die nicht selten mit prügelnden Vätern zu tun hatten. Wir erzählten uns diese Geschichten an langen Abenden, wir hörten »unsere« Musik (die bei Wiglaf stark Singer-/Songwriter-affin war), lästerten über die Merkwürdigkeiten und Scheußlichkeiten der Welt und bemühten uns, den Verhältnissen ein gerüttelt Maß an Hedonismus entgegenzusetzen: gute Musik, gutes Essen (es war kein Zufall, dass Wiglaf zusammen mit Vincent Klink das Periodikum Häuptling Eigener Herd herausgab, Motto: Den Gürtel weiter schnallen!), gute Getränke, Freundschaften, Liebe. Und von allem möglichst viel, »spar deinen Wein nicht auf für morgen« ...

Als ich plante, ein Buch über das Musikgeschäft zu veröffentlichen, empfahl mir Wiglaf einen seiner Verleger und Freunde, der dann auch mein Verleger und Freund wurde. Und wir schenkten und widmeten uns fortan gegenseitig unsere Bücher. Und dass ich in seinem Buch »Schalldämpfer« – ein »Kommando Leise Welt« befindet sich auf dem Kriegspfad im Land des Irrsinns – vorkomme, ist mir eine große Ehre.

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Wiglaf war nicht nur ein bedeutender Satiriker (der beste, den wir hatten!) und ein harter Kritiker der Zustände, ihm war auch eine große Zärtlichkeit eigen. Als ihn einmal sein Freund Vincent Klink anrief, während wir in einem kleinen spanischen Restaurant beim Essen saßen, küsste er sein Telefon, nachdem er aufgelegt hatte – und ich bin mir fast sicher, dass sein Gesprächspartner diese Geste gespürt haben dürfte. Und wer ihn je über die Menschen reden hörte, die er liebte und verehrte (Uschi Brüning und Ernst-Ludwig Petrowsky zum Beispiel), wird das nicht vergessen. Ja, er war der »Tucholsky von heute«, auch wenn solche Vergleiche immer hinken. Aber mit Tucholsky hatte er neben der Liebe zur Sprache (und der Tatsache, dass ihn die Sprache auch zurückliebte, was nicht so häufig vorkommt) gemein, dass ihm, wie es in Kleists Abschiedsbrief heißt, den Tucholsky in seinem Abschiedsbrief zitierte, »auf Erden nicht zu helfen war« – jedenfalls zum Teil. Und zum anderen Teil war Wiglaf Droste ein Freund aller guten und schönen Dinge, Unternehmungen und Menschen, der die andere Hälfte, die das Leben ihm bot, in vollen Zügen zu genießen wusste. In seiner letzten langen Mail, die ich Ende April erhielt, schrieb er, er »lebe tatsächlich im Paradies«, und war voller Pläne.

»Alles geben die Götter, die unendlichen, / Ihren Lieblingen ganz, / Alle Freuden, die unendlichen, / Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.« (Goethe) In diesem Sinne dürfen wir uns Wiglaf Droste nicht nur als Sisyphos (der laut Camus ja auch ein glücklicher Mensch war), sondern ebenso als Götterliebling vorstellen. Ich protestiere jedenfalls in aller Form gegen den viel zu frühen Tod meines Freundes! Und höre mit Tränen in den Augen eines seiner schönsten und wahrsten Lieder: »Für immer ...«

Berthold Seliger, Konzertagent und Autor

Es ist Liebe

Ich war 21 Jahre der persönliche Redakteur von Wiglaf Droste bei der jW. Zumindest der eine, der andere war Arnold Schölzel, mein Chef. Wir hatten nie Ärger mit ihm, wir druckten fast alle seine Texte. »Nutzt gar nichts, es ist Liebe«, wie er 2005 seinen Gedichtband bei Reclam nannte. Früher dichtete Wiglaf Droste weniger. Ich kann mich erinnern, wie wir Ende der 90er Jahre einen Geburtstagsgruß bei ihm bestellten, entweder zum 80. Geburtstag des US-Krimi-Schriftstellers Mickey Spillane oder zum 50. Geburtstag von Mike Hammer, seiner bekanntesten Romanfigur. Wir bekamen ein Gedicht: »Die Lehren der 45er«. Auszug: »Das Leben aber ist doch nichts / für Händefalter und für Seitenscheitelkämmer / Denn dieses sind die Lehren aus / der Magnum von Mike Hammer: / Die andre Wange jesusmäßig hinhalten / ist Quatsch mit Soße / In seine Feinde soll man Löcher machen, und zwar große«. Auch wenn Mike Hammer einen 45er Colt benutzt und keine 44er Magnum: sehr starke Zeilen. Das war lange Zeit sein Ansatz. Dann wurde er weicher und genauer – ganz anders als Mike Hammer.

Christof Meueler, Feuilletonredakteur von Neues Deutschland

Wir alle sind schuldig

1997 wurde ich jW-Feuilletonredakteur und hatte am 31. August jenes Jahres Dienst. Es war ein Sonntag, und der Rundfunk hatte schon gemeldet, dass die Princess of Wales, Lady Diana, in Paris tödlich verunglückt war. Wiglaf war irgendwann am Mittag telefonisch erreichbar, hatte davon noch nichts gehört, wir baten ihn dennoch, dazu etwas zu schreiben. Das Resultat stand am Montag auf Seite eins, weiß auf schwarz. Es waren fiktive »Stimmen zum Tod von Prinzessin Diana«, z. B. : »Lady Di is dead, but she didn’t die in her bed.« (Sergej Schmerz) oder: »Why / Lady Di / Did you have to die? You were shy / Lady Di / Like a fly / So why / Lady Di / Did you have to die?« (Dieter Bohlen. Zusammengestellt von Wiglaf Droste). Die Urheberschaft Wiglafs hatten wir aus Furcht vor juristischen Konsequenzen hinzugesetzt. Die gab es auch, aber nur wegen diese »Stimme«: »Es ist der Meutenjournalismus von Blättern wie Bunte, Praline und ND, der Lady Di auf dem Gewissen hat. Nein, das war nicht die feine englische. Wir alle sind schuldig.« (Reiner Oschmann, Chefredakteur ND). Es wurden zwei Verfahren gegen jW angestrengt, der Streitwert betrug jeweils weit über 100.000 DM, was bei Erfolg das Ende des Verlages 8. Mai bedeutet hätte. Die Kläger scheiterten, weil die beisitzenden Richterinnen ihren Vorsitzenden davon überzeugen konnten, dass der durchschnittliche deutsche Zeitungsleser beim Namen Wiglaf Droste wusste: Jetzt kommt Satire. War es nicht, sondern die Zusammenfassung des Zynismus der Herzblattpresse in den 1990ern. Aber der Prozess war gewonnen.

Arnold Schölzel, Chefredakteur Rotfuchs

Wiggipedia

Droste, Wiglaf. Sich vom Acker machen, lächelnd, verklingend im eigenen Blut. Sich einpissen vor Lachen. Die Pflanzen sich fortpflanzen lassen, Ringelblumen kauend, Ringelschwänze kräuselnd, Ringelnatz lesend, mehrmals, täglich, unbedingt! Um die Ecke wohnte dieser heftige Mann, in einem guten Bezirk! Ein Cowboy. Eine Culture! Ein Coitus, der alle, aber wirklich alle Hunde losließ. Dieser oh-beinige Enter-Sandmann! Aufwachen! Hallo? Die Saalrunde geht auf mich! Beize kotzen und Bewunderung! Denn Humor ist, wenn man trotzdem stirbt. Ach nein, jetzt bitte noch nicht! Fresse!

Ohne dich, wäre ich nur ich, aber, wer ist das nur? Du wüsstest eine Antwort. Ein paar sportliche Ohrfeigen links und rechts, wenn man nicht aufpasst, sich anpasst, zerstreut im zum Himmel stinkenden Larifari. Honig ums Maul für die Ekzeme streichst du auf das Brot. Wieder Blumen und auch wieder Wölfe am Fleisch des Dorfrandes! Ach, gruselte es mir nur! Dich, ja!

Aber, du Idiot, du guckst ja gar nicht vom Wölkchen herunter, während ich dich verstümmle, mir das Salz herausfällt und die Tassen aus dem Schrank! Ich wusste es! Einen Dreck scherst du dich, straff wie hundert Russen! Der Preis dieses Weines ist nur Verarsche, lallst du und denkst auch noch, dass ich nicke? Ich nicke, aber du lachst! Schuft!

Wie kann man nur so was schreiben wie dieser Handball-BVB-Wessi-Hasser-Heini? Geht’s noch? Ich sollte anfangen zu saufen! Ich sollte ihn vergessen und endlich beginnen zu leben, zu arbeiten, zu denken! Aber er würde Tee machen, meinen Magen heilen, ohne dass er es weiß. Er würde kochen, immer redend von Superlativ zu Superlativ. Er würde nackt fuchtelnd im Flur stehen und lächeln, wie Golem gern gelächelt hätte. Schmack! Er würde sich genussvoll wiederholen und es schaffen, sich anzuziehen – wie aus der Schale gepellt! Knackwurst oder »Tote Oma«? Wüsste ich nur, wie ich ihm immer wieder verzieh! Sein Blut an meiner Hand, als wir eine Stunde für drei Etagen brauchten, das Publikum schon lange in fremden Städten in ihren schönen Betten. Wir waren auch Nacht. Mit Sicherheit! Nicht mal zwinkern mussten wir. Seelenverwandt wäre zu albern. Einsam eher.

Droste, Wiglaf, du Halunke! Dein Zorro-Hut wedelt und verwandelt sich in ein Piratentuch. Es ist das Zeichen der Unterdrückten, funkt Dr. Richard Sorge aus Tokio. Die weise Eule auf dem Holunderast räuspert sich! »Bist du etwas Besonderes?« fragt sie. »Wir stinken alle – durch die Reihe!« entgegnest du. Und lachst wieder, überzeugst mich vom Gegenteil, duftest nach Minze, reichst mir Nüsse und eine Kubanische. Du packst uns einen ganzen liebevollen Korb, gibst alles wech, und wir wissen, ohne Worte, warum.

Ralph Schüller, Liedermacher

Hoffentlich merkt’s keiner

Als ich Wiglaf zum ersten Mal getroffen habe und wir in der Kreuzberger Küche saßen und redeten, über ein Buch, das war der Anlass, aber natürlich ging es um »alles«. Da fiel mir irgendwann auf, was mir beim Lesen seiner Polemiken, Glossen, Satiren und auch bei seinen Gedichten nur am Rande in den Sinn gekommen war, nämlich: wie hoch moralisch er war. Im guten Sinn. Als ich ihm das sagte, meinte er lakonisch: Hoffentlich merkt’s keiner. Viele haben es wohl tatsächlich nicht gemerkt. Man hat sich über seine Scharfzüngigkeit und den Witz gefreut oder war damit beschäftigt, die großzügig ausgeteilten Beleidigungen abzuwehren. Wer aber, wie ich, vor allem mit seinen Gedichten zu tun hatte, hat ihn als einen zarten und empfindsamen Menschen erlebt und als einen, der schlecht ein Manuskript aus der Hand geben konnte. Entweder hat er mich mit Gedichten im Minutentakt beschickt, dann hat er lang nichts von sich hören lassen, und auch die Druckfahnen nicht zurückgeschickt, um dann, als das Buch praktisch schon in der Druckmaschine war, diese anhalten zu lassen, doch noch ein paar Änderungen vorzunehmen. So was macht man normalerweise nicht mit, aber bei ihm haben wir es mitgemacht, sein Gedicht »Ich kann mich nicht entscheiden« im Kopf: »Entscheiden heißt scheiden, und scheiden tut weh. / Entscheiden heißt nicht nur ja oder nein, / was schon schwierig genug ist, sondern beides: / indem ich zu dem einen ja sage, sage ich zu dem anderen nein. / Leben heißt wählen können / oder auch: keine Wahl haben. / Keine Wahl haben ist Glück.«

Antje Kunstmann, Verlegerin

Nachhilfe für Sloterdijk

Es war in einer Zeit, als man noch Die Zeit las, also vor fast zwanzig Jahren. Wiglaf und ich wohnten in einer großen Berliner Altbauwohnung, ich zusammen mit meinem Verlag nach vorne zur Straße hinaus, Wiglaf hinten im Seitenflügel mit Blick auf eine Remise. Dazwischen das Berliner Zimmer, in denen einige berüchtigte Gelage stattfanden.

Wir lasen damals Die Zeit, weil sie eine Quelle sehr abstruser und verschrobener Artikel war, die uns wiederum zu Repliken inspirierten, um das von mir ins Leben gerufene Jahrbuch »Das Who’s who peinlicher Personen« zu füllen. Wiglaf kam dann in seinem blauen Bademantel in das Verlagsbüro, kicherte und las mir kuriose Stellen vor, die unbedingt kommentiert werden mussten.

Der Bademantel war seine Toga, in der er seine Strategien entwarf, wen oder was er als nächstes piesacken würde wegen sprachlicher Unzulänglichkeit, Nachlässigkeit oder sonstiger Todsünden. Ein Feldherr im blauen Bademantel, dem nur ein Hügel fehlte. Ich liebte diese Auftritte, denn sie waren geistvoll, sarkastisch und lustig, denn nur mit solchen Mitteln ließen sich die Zumutungen der Welt und die Anmaßung der Dummheit, mit der man ständig konfrontiert wurde, abwehren. Es waren Sternstunden.

Die Stelle, die Wiglaf vorlas, stammte von Peter Sloterdijk, der sich damals gerade anschickte, die von Habermas besetzte Stelle als Oberphilosoph Deutschlands einzunehmen, und einem Zeit-Feuilletonisten ein Rätsel stellte, von dem er überzeugt war, dass es niemand würde lösen können: »Wie stellt man es an, hinter vorgehaltener Hand über jemanden zu reden, hinter dessen Rücken man steht?«

Bei der Lösung des Rätsels wollten wir natürlich behilflich sein, denn im Grunde, sagte Wiglaf, ist das doch »kinderleicht«. Also entwarfen wir eine Versuchsanordnung, um die Frage zu beantworten, von der Sloterdijk so gequält wurde, und ließen davon ein Foto anfertigen, um die Sache auch für einen Philosophen zu verdeutlichen. Wir veröffentlichten es, erhielten aber leider nie ein Dankeschön, womit wir bei einem in wilde Spekulationen verfallenen Philosophen allerdings auch gar nicht rechneten.

Klaus Bittermann, Verleger und Autor

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Wiglaf Droste

    Wiglaf Droste

    Autor, Sänger und Satiriker: Wiglaf Droste (1961–2019)

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