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Aus: Ausgabe vom 03.06.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Marxistische Theorie

Vor dem großen Krieg

Zeitschrift Marxistische Erneuerung über globale Hegemonieverschiebungen
Von Holger Czitrich-Stahl
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Donald Trump und Xi Jinping in Beijing am 9.11.2017

Zunehmendes Konfliktpotential in der Weltwirtschaft und in den internationalen Beziehungen prägt die vergangenen Jahre, insbesondere seit dem Amtsantritt des US-Präsidenten Donald Trump. Der Handelsstreit mit China, der EU und anderen Akteuren auf dem weltwirtschaftlichen Parkett, mit dem die Politik Trumps machtpolitisch untermauert werden soll, zeugt von Umstrukturierungen und Hegemonieverschiebungen. Diesen geht das gerade erschienene Heft 118 der Zeitschrift Marxistische Erneuerung auf den Grund.

Die neun diesem Themenschwerpunkt gewidmeten Beiträge gründen sich auf ein wissenschaftliches Kolloquium vom März 2019. Sie sind damit aktuell und, wie man im Tagungsbericht von Lucas Zeise lesen kann, hochgradig besorgniserregend: »Weil die Vorherrschaft der Welt heute und in der nahen Zukunft umkämpft sein wird, müssen wir uns auf (einen großen) Krieg einrichten.« Dies so klar auszusprechen ist kein Alarmismus, sondern die Schlussfolgerung aus einer mit Sorgfalt vorgenommenen Analyse der verschiedenen Ebenen der weltwirtschaftlichen Beziehungen und der Interessen der Beteiligten.

Insbesondere die USA und hinterdrein die EU-Staaten drehen dabei an der Eskalationsschraube, denn aus Sicht der USA werde Russland »als unterworfen benötigt, um die Einkreisung Chinas zu komplettieren«. Deutschland sei dabei nicht nur ein williger Helfer, sondern (neben den USA) die zweite Führungsmacht in der NATO. »Wir« führen Krieg in Afghanistan, Mali und Syrien, stellt Werner Ruf fest. Rainer Falk betont, dass die von der US-Regierung unter Donald Trump entfesselten Handelskriege auf die Zerstörung des chinesischen Entwicklungsmodells abzielten.

Dieter Boris gibt einen Überblick über Verschiebungen in den wirtschaftlichen Machtverhältnissen, die sich auf den ersten Blick als Aufstieg des »globalen Südens« darstellen. Hegemoniewechsel sind keine neue Erscheinung, aktuell vollziehen sie sich aber unter den spezifischen Bedingungen neoliberaler Globalisierung. Merkmale sind dabei eine Renaissance der (nationalen) Entwicklungsmodelle und die Differenzierung innerhalb der Blöcke: Kategorien wie globaler Norden bzw. Süden seien daher irreführend. Würde Deutschland den Schwerpunkt seiner Außenpolitik auf die Herstellung eines Systems kollektiver Sicherheit (unter Einschluss Russlands) legen, dann könnte dies auch jene Kräfte stärken, die nach einem friedlichen Interessenausgleich zwischen den USA und China streben. Doch es deutet momentan wenig darauf hin, dass sich die Europäer aus rationalen Erwägungen heraus von den USA emanzipierten.

Weitere erhellende Beiträge finden sich unter der Rubrik »Kapitalismustheorie«. Jürgen Leibiger schreibt über »Eigentum, Macht und Governance im Cyberspace«, Rainer Rilling über »Enrichissement – Ökonomie der Bereicherung«. Andreas Wehr untersucht die These vom »Absterben des Staates«. Die in Heft 116 geführte »Klassendiskussion«, speziell der Aufsatz von Klaus Dörre, wird von Thomas Goes kritisch aufgenommen. Juri Kilroy und Dirk Müller bieten einen »Streikmonitor« zu Arbeitskämpfen 2018. Holger Czitrich-Stahl und Rainer Holze ergänzen ihren Literaturbericht zur Novemberrevolution (Heft 115) um aktuelle und über Monographien hinausgehende Titel. Diese Ausgabe der Z ist wieder einmal vor allem eines: lesenswert! Das Heft ist dem jüngst verstorbenen Marxisten Werner Goldschmidt (1940–2019) gewidmet.

Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Heft 118: Hegemonieverschiebungen in der Weltwirtschaft – neue Konfliktfelder (Juni 2019). 240 Seiten, zehn Euro, Bezug: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Postfach 50 09 63, 60397 Frankfurt am Main, E-Mail: redaktion@zme-net.de

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