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Aus: Ausgabe vom 03.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Bombendiplomatie

Chronik eines Überfalls (Teil 35), 3.6.1999: Gemeinsam gegen den Krieg. Jugoslawien stimmt internationalem Friedensplan zu, Mahnwachen in Berlin
Von Rüdiger Göbel
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Wieso verhandeln, wenn man doch bomben kann? jW vom 3.6.1999

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Mit einer Schweigeminute gedenkt das jugoslawische Parlament am 3. Juni 1999 der bisherigen Opfer der NATO-Angriffe und nimmt im Anschluss einen internationalen Friedensplan an, der den Weg für eine Beendigung des Krieges freimachen soll, allerdings auch eine teilweise Preisgabe jugoslawischer Souveränitätsrechte vorsieht. 136 Abgeordnete votieren dafür, 74 dagegen. Auch Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic akzeptiert die Vereinbarung, die ihm von EU-Vermittler Martti Ahtisaari und dem russischen Sondergesandten Wiktor Tschernomyrdin unterbreitet worden ist. Die Nein-Stimmen kommen von der nationalistischen »Radikalen Partei« des Vizepremiers Vojislav Seselj.

Der Plan sieht neben einem Waffenstillstand den Rückzug der serbischen Einheiten aus der Provinz Kosovo, die Rückkehr der Flüchtlinge sowie die Stationierung einer internationalen Friedenstruppe unter UN-Verantwortung und mit »substantieller Beteiligung der NATO« vor. Aus russischer Sicht können schon bald NATO-Generäle zu Gesprächen über eine Umsetzung des Friedensplans nach Belgrad reisen. Vor der Verabschiedung einer entsprechenden UN-Resolution müsse die NATO allerdings ihre Luftangriffe einstellen, betont der russische Ministerpräsident Sergej Stepaschin.

Ungeachtet des ausgehandelten Plans für ein Kriegsende erklärt NATO-Sprecher Jamie Shea in Brüssel, die Allianz werde ihre Bombardements fortsetzen. In Washington, wo man bislang auf eine Annahme der Kapitulationsbedingungen des Kriegsbündnisses bestanden hatte, herrscht vorerst noch Sprachlosigkeit. Immerhin, in der Nacht werden weniger Angriffe geflogen. Erstmals bleibt Belgrad vom Bombardement verschont.

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In den Tagen zuvor hatten verstärkte Militäroperationen der kosovarischen Separatistenarmee UCK im Grenzgebiet zu Albanien zu einer Verschärfung der Kämpfe mit den jugoslawischen Sicherheitskräften geführt. US-Kampfjets hatten die UCK-Offensive durch Luftangriffe unterstützt. Ziel war, einen »Versorgungskorridor« ins Kosovo freizukämpfen – auf Kosten der Flüchtlinge in der Region, deren Lage sich dramatisch verschlechtert.

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Auf dem Berliner Breitscheidplatz treffen sich wie jeden Abend seit Beginn des Krieges am 24. März 1999 von 18 bis 19 Uhr Gegner des NATO-Bombardements zu einer Protestmahnwache, Deutsche wie Jugoslawen, letztere mit ihren Fahnen. Jeder, der will, darf reden. Manchmal werden auch Briefe von Menschen aus den bombardierten Städten verlesen, es wird von Kriegsschicksalen berichtet, Gedichte werden rezitiert. Der Ernst-Busch-Chor hat schon gesungen und einige Male auch schon eine jugoslawische Band gespielt. »Dieses tägliche abendliche Treffen, diese Stunde der Solidarität und der Begegnung, hat sicherlich für viele jugoslawische Betroffene in ihrer Sorge um Verwandte und Freunde, in ihrem Schmerz um die Zerstörung der Heimat eine große Bedeutung«, betont Laura von Wimmersperg von der Berliner Friedenskoordination in der jungen Welt vom 3. Juni 1999. »Die Verunsicherung ist riesengroß.«

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Der letzte Planungschef der Nationalen Volksarmee der DDR, Generalmajor Hans-Werner Deim (1934–2015, jW), erläutert in der jW vom 4. Juni ausführlich die Rechtsbrüche der NATO sowie Jugoslawiens Recht auf Verteidigung und auf Entschädigung.

Nächster Teil Donnerstag: NATO-Diktat unter UN-Flagge

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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