Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 03.06.2019, Seite 8 / Inland
Probleme mit »Securities«

»Diskriminierung ist Alltag im Leben von Migranten«

Gefahr durch Sicherheitsdienste: Hamburger Flüchtlingshelfer aggressiv an seiner Arbeit gehindert. Gespräch mit Claude N’da Gbocho
Interview: Martin Dolzer
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Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes am Eingang einer Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (Ellwangen, 8.2.2016)

Sie waren am vergangenen Dienstag mit zwei Ihrer Klienten in der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Hamburg am Bargkoppelweg. Dort hinderte Sie ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, das Gebäude zu betreten. Was ist genau passiert?

Ich leite eine Beratungsstelle für Migranten und Geflüchtete und mache in diesem Rahmen regelmäßig Behördengänge sowie Begleitungen zu Gesprächen in Erstaufnahme- oder Folgeeinrichtungen. Auf meinem Dienstausweis steht: »Alle Behörden und Dienststellen werden gebeten, den Inhaber dieses Ausweises bei der Ausübung seiner Amtspflichten zu unterstützen«. Diesen habe ich auch dem Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes gezeigt. Trotzdem war er der Meinung, ich könne meine Klienten nicht zum Gespräch mit einem Sachbearbeiter begleiten. Als ich ihn um eine Erklärung dafür bat, schrie er mich lautstark an, ich solle den Eingangsbereich sofort verlassen.

Haben Menschen nicht das Recht, bei Behördengängen oder Gesprächen in Flüchtlingsunterkünften begleitet zu werden?

Das haben sie. Doch der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes versuchte, dies jenseits der Rechtslage und seiner Befugnisse zu verhindern. Zudem weigerte er sich, seinen Namen zu nennen. Glücklicherweise konnte ich seine Dienstnummer erkennen. Letztendlich konnte ich mit Hilfe von anderen Mitarbeitern dort meine Klienten begleiten.

Ist dies aus Ihrer Sicht ein Einzelfall?

Ähnliche Vorfälle gab es bereits mehrfach mit demselben Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Bisher war es jedoch möglich zu fordern, mit seinem Vorgesetzten zu sprechen. Das ließ er diesmal nicht zu, sondern wurde immer aggressiver. Er habe eine Dienstanweisung, dass die Behörde Dolmetscher zur Verfügung stellen würde und daher Betroffene keine Begleitung durch Institutionen wie die Kirche benötigten, meinte er.

Weitere Migranten und Berufskollegen berichten, dass dieser Mitarbeiter immer wieder durch respektlosen Umgang und Erniedrigungen auffällt. Das tun aber auch andere. Zudem habe ich im vergangenen Jahr mehrmals erlebt, dass auch Mitarbeiter der Ausländerbehörde verhinderten, dass ich an Anhörungen von Klienten teilnehmen konnte. Einmal rief ein Sachbearbeiter die Polizei, um mich rauswerfen zu lassen. Leider folgte der Beamte dieser Aufforderung und machte sich sogar über meinen Dienstausweis lustig. Er sagte sinngemäß, dass auch ein Mitarbeiter von Siemens mit einem ähnlichen Ausweis erscheinen könnte.

Sie sind afrikanischer Herkunft. Denken Sie, dass die von Ihnen beschriebene Praxis etwas damit zu tun hat?

Diskriminierung und institutioneller Rassismus sind der Alltag im Leben von Migranten in Hamburg wie in Deutschland. In diesem Fall sind meine Klienten und auch der Kirchenkreis davon betroffen. Das ist schlicht inakzeptabel.

Ist es Ihrer Meinung nach richtig, dass Sicherheitsdienstmitarbeiter den »Empfang« in Aufnahmeeinrichtungen oder der Ausländerbehörde organisieren, anstatt dass Fachkräfte dies übernehmen?

Ich muss da an den Tod von William Tonou-Mbobda denken. Augenzeugenberichten zufolge war er vor der Psychiatrie des Universitätsklinikums Eppendorf am Ostersonntag von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes so lange getreten und misshandelt worden, bis er bewusstlos wurde und später starb (siehe jW vom 2.5.). An diesem Fall ist deutlich geworden, dass Security-Mitarbeiter keine notwendige Ausbildung haben, um in sensiblen Bereichen arbeiten zu können. In Aufnahmeeinrichtungen und Ausländerbehörden ist ein hohes Maß an sozialer und insbesondere auch interkultureller Kompetenz erforderlich. Mangelnde Ausbildung kann zu Machtmissbrauch führen, durch den Menschen, die Schutz suchen oder in Notsituationen sind, traumatisiert oder retraumatisiert werden können. Damit das nicht passiert, braucht es klare Regelungen.

Claude N’da Gbocho ist Leiter der Beratungsstelle »Akonda – Eine-Welt-Café« und Mitarbeiter des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Hamburg-Ost

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