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Aus: Ausgabe vom 03.06.2019, Seite 5 / Inland
Geringer Lohn und lange Schichten

Fahrermangel in Logistikbranche

Transportunternehmen wollen Image verbessern und Frauen anwerben
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Die Branche ist bekannt für schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne. Nun klagen Logistikverbände über Fahrermangel

Geringer Lohn, lange Tage und schlechte Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten machen die Logistikbranche zu einem abschreckenden Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Nun klagen Transportverbände über zu wenig Personal und wollen gezielt Frauen ansprechen.

Der Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) und der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) schätzen, dass mittlerweile zwischen 45.000 und 60.000 Fahrer fehlen. Auf der diesjährigen Messe »Transport Logistic«, die vom 4. bis 7. Juni in München stattfindet, ist der Fahrer- und Fachkräftemangel »das beherrschende Thema im Konferenzprogramm«, wurde der Geschäftsführer der »Messe München GmbH«, Stefan Rummel, von dpa in einem Bericht am Sonntag zitiert.

BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt befürchtet Schlimmstes: »Wir sind kurz vor dem Versorgungskollaps«. Jedes Jahr gehen fast 30.000 Fahrer in den Ruhestand, während nur etwa halb so viele Berufsanfänger nachfolgen.

2017 schätzte die Weltbank, dass in den folgenden zehn bis 15 Jahren 40 Prozent aller deutschen Lastkraftfahrer in Rente gehen werden. Somit könnten in den 2030er Jahren 150.000 Fahrer fehlen. Laut BGL ist fast ein Drittel von ihnen 55 Jahre oder älter, nur etwa 2,5 Prozent sind jünger als 25 Jahre. Der Frauenanteil beläuft sich auf 1,7 Prozent.

Gleichzeitig nimmt die Zahl der Transporte zu. Auch Fahrer aus Osteuropa könnten die Lücke nicht mehr schließen, erklärte Engelhardt. Wie die Weltbankstudie deutlich machte, ist das Problem ebenfalls in zahlreichen anderen europäischen und asiatischen Ländern sichtbar. Aber für die deutsche Logistikbranche sieht die Prognose demnach besonders düster aus.

BGL-Vorstandssprecher Engelhardt sieht den Fahrermangel vor allem in einem Imageproblem begründet. Mehr Werbung soll Abhilfe schaffen. Außerdem sollen gezielt Frauen angesprochen werden. Aber auch die Qualität der Arbeitsbedingungen müsse verbessert werden, räumte Engelhardt ein. Die Rede war von größeren und komfortableren Fahrerhäusern und von Bordtoiletten. An den Be- bzw. Entladestationen müssten Fahrer außerdem Essen und Trinken bekommen und Sanitäreinrichtungen benutzen können. Von der EU fordert Engelhardt »flexiblere« Regelungen für Lenk- und Ruhezeiten.

Ein weiterer Grund für den Fahrermangel, der in der Debatte genannt werde, sei die Aufhebung der Wehrpflicht im Sommer 2011. Sowohl Engelhardt als auch ein Sprecher der Rewe-Group gehen davon aus, dass sich dies negativ auf die Zahl der Lastkraftfahrer ausgewirkt hat. Denn in der Bundeswehr können Soldaten, Beamte und Angestellte auf Kosten der Steuerzahler eine Kraftfahrausbildung absolvieren. 2010, im letzten Jahr vor der Abschaffung der Wehrpflicht, machten etwa 17.800 Menschen eine Kraftfahrausbildung bei der Bundeswehr. Im vergangenen Jahr war es knapp ein Drittel weniger. Zugleich ist unklar, wie viele ehemalige Soldaten nach ihrem Dienst in der Bundeswehr Lkw-Fahrer geworden sind. Das Logistikunternehmen Dachser, das sich selbst als einen »der größten Ausbilder für Berufskraftfahrer in Deutschland« beschreibt, stellt etwa nur 100 neue Auszubildende pro Jahr ein. (dpa/jW)