Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 03.06.2019, Seite 4 / Inland
»Job Fort?«

Spiel mit der Angst

Bundeswehr: Verteidigungsministerium rechtfertigt Anwerbeaktion bei Ford und VW. Linkspartei kritisiert »geschmacklose« Kampagne
Von Susan Bonath
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Die Bundeswehr fährt vor: Szene vor dem Ford-Werk in Köln (4.4.2019)

Bei der Suche nach Kanonenfutter legt sich die Bundeswehr wenig Zurückhaltung auf. In Schulen buhlt das deutsche Militär um Minderjährige, in Jobcentern um Erwerbslose. Nun umwirbt die Bundeswehr auch noch systematisch Beschäftigte, deren »Arbeitgeber« angekündigt haben, im großen Stil Stellen abzubauen; im April versuchte sie, die Angst von Arbeitern vor ihrer Entlassung auszunutzen.

Mit dem Slogan »Job Fort? Mach, was wirklich zählt!« warb sie vor den Werkstoren des Autobauers Ford in Köln. Bei Volkswagen in Wolfsburg ging sie mit Sprüchen wie »Jetzt Job fürs Volk wagen!« an den Start. Auch in Boulevardzeitungen und »sozialen Medien« machten die Werbekampagnen die Runde – allerdings zum Unmut der Betriebsräte und vieler Beschäftigter. Die Bundesregierung stört sich aber nicht daran. Im Gegenteil: Diese »Maßnahmen« seien »notwendig, um interessierten Bürgern ein Bild von der Vielfalt der attraktiven beruflichen Möglichkeiten und Perspektiven im Aufgabenbereich der Bundeswehr zu vermitteln«, erklärte das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) nun auf Anfrage der Linksfraktion.

Beide Autobauer hatten zuvor massiven Stellenabbau angekündigt. Ford will in Deutschland etwa 5.400 Arbeitsplätze streichen, davon 3.800 in Köln und 1.600 in Saarlouis. Bei Volkswagen stehen in den kommenden fünf Jahren bis zu 7.000 Jobs vor dem Aus. Hier setzte das Militär mit seinen Werbeaktionen an. »Das ist absolut unangemessen, beleidigend und respektlos«, kommentierte Martin Hennig, Betriebsratschef von Ford Europa: »Die Bundeswehr instrumentalisiert auf geschmacklose Weise Schicksale für Werbezwecke.« Ein Sprecher des VW-Konzernbetriebsrats mahnte: Werbung dürfe »sicherlich frech sein, aber nicht zur Frechheit werden«.

Allerdings war zumindest das Abwerben von Arbeitern mit den Konzernen abgesprochen. Die Süddeutsche Zeitung habe »aus Unternehmerkreisen« erfahren, dass Ford seit einiger Zeit mit der Bundeswehr verhandele, ob vom Stellenabbau betroffene Mitarbeiter bei der Truppe unterkommen könnten. Die Art der Werbung gefiel dem Autobauer aber nicht. »Wir haben versucht, sie zu verhindern«, sagte Reiner Ludwig, Geschäftsführer für Personalwesen bei Ford, gegenüber der Zeitung. Das Verteidigungsministerium habe sich aber »hierzu in keiner Weise gesprächsbereit« gezeigt. Demnach brach der Ford-Personalvorstand anschließend die Gespräche zwecks Übernahme von Mitarbeitern in den Militärdienst ab.

Das BMVg rechtfertigte und lobte seine Kampagne in seiner Antwort an die Linksfraktion. Das Militär habe dringenden Bedarf an »jungen Interessierten«. Schließlich sei der Soldatenberuf »sinnstiftend« und »qualifizierend« zugleich, hieß es. Hinzu komme: »Die Bundeswehr sucht bereits fertig ausgebildetes Fachpersonal in den Bereichen Technik und Handwerk«, so das Ministerium. Sie biete damit »krisenfeste Jobs im militärischen und zivilen Bereich für ehemalige Beschäftigte der Autohersteller«. Und: »Angesichts eines durch Fachkräftemangel gekennzeichneten Arbeitsmarktes soll und muss effiziente Werbung auffallen«, erklärte das BMVg.

Der verteidigungspolitische Sprecher der Linksfraktion, Tobias Pflüger, kritisierte die Bundesregierung scharf. Sie ducke sich weg und weigere sich, »auf die massive Kritik von Belegschaft und Unternehmen, Medien und Politik an den misslungenen und geschmacklosen Werbekampagnen auch nur einzugehen«. Pflüger: »Wenn Beschäftigte ihre Arbeit verlieren, dann ist es nicht Aufgabe von staatlichen Stellen wie der Bundeswehr, sich mit vermeintlich witzigen Sprüchen darüber lustig zu machen.« Die Regierung verhöhne damit die Menschen, die ihre Jobs verlieren. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) müsse jetzt Stellung beziehen, forderte der Politiker. Sie solle erklären, »ob es die neue Masche der Bundeswehr ist, Unternehmen in der Krise abzugrasen und die Ängste der Beschäftigten für die Rekrutierung auszunutzen«. Die Bundeswehr hat bereits seit längerem eine eigene Abteilung, die versucht, mit neuen Ideen vor allem junge Menschen anzulocken. Schon nach der Pleite der Fluggesellschaft Air Berlin hatte sie mit Großplakaten versucht, deren Kabinenpersonal anzuwerben.

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