Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 01.06.2019, Seite 12 / Thema
Droste

Auch den Rest des Wegs

Erinnerungen an Wiglaf Droste (1961–2019). Teil eins von drei
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»Dieses lehren uns die Schlichten: Freundlich lächeln. Weiterdichten« – Wiglaf Droste an der irischen Westküste bei Ralf Sotscheck

Am 15. Mai starb der Schriftsteller und Sänger Wiglaf Droste im Alter von 57 Jahren. Er schrieb seit 1994 regelmäßig für die junge Welt, seit Januar 2011 hatte er eine tägliche Kolumne. Die Redaktion hat verschiedene Freunde und Weggefährten um einen kleinen Beitrag in Erinnerung an Droste gebeten. Wir bedanken uns herzlich bei allen Beteiligten. (jW)

für immer

wir stellen uns vor du bist im frieden

und unser frieden ist dahin

weil du weg bist und wir sind noch hier,

wir trauern um uns weil du bist dann weg.

unumkehrbar und endgültig,

jede anstrengung ist umsonst,

ausgeschöpft die ressourcen

die hoffnung dahin.

die eigene endlichkeit zu weit entfernt um mit der deinen sich abzufinden.

nimm mich mit damit ich es aushalten kann.

liebe nutzt gar nichts.

Andrea Jungkunz, Buchhändlerin

Sentimentale Eichen

Meine wunderbare Freundschaft mit dem ein Jahr jüngeren Wiglaf begann im politisch desaströsen Winter 1989/1990 auf den ersten Blick. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe) und ehrenamtlicher Parteifunktionär an der Karl-Marx-Universität Leipzig wirkte ich damals an der undankbaren Aufgabe mit, aus der vormaligen Staatspartei nunmehr in Gestalt der PDS etwas Zukunftsfähiges zu formen. Bei dieser Umwandlung fielen naturgemäß zahlreiche SED-Devotionalien an, um deren Entsorgung es mir ehrlich leid tat. Kurzerhand karrte ich sie zusammen mit einem Freund in die Redaktion der Titanic nach Frankfurt am Main. Hier wurden wir von Wiglaf und seinen Mitstreitern mit großem Hallo empfangen und die als Kult angesehene Ladung unter die begierige Leserschaft verteilt. Ab dieser Guerillaaktion funkten wir fast drei Jahrzehnte auf einer Wellenlänge, und ich freute mich wie ein Schneekönig, als er eines seiner frühen Bücher für »Freund Rotbart bzw. Barbar Rosshaar« signierte.

Wenig später schleuste ich Wiglaf über den seinerzeitigen ND-Wissenschaftsredakteur Holger Becker – ihm widmete er 1993 sein Buch »Am Arsch die Räuber« – ins einstmalige Zentralorgan. Im Wechsel mit Mathias Wedel verfasste er die von der PDS-Obrigkeit sehr misstrauisch verfolgte Wochenkolumne »Schlachtenbummler«, die später mit Holger zur Jungen Welt weiterwanderte und dort bis 1999 erschien.

Ungefähr zu dieser Zeit begann auch die deutsch-deutsche Satirikerfreundschaft mit meinem Papa, der wie Wiglaf aus Westfalen stammte. Hier suchten und fanden sich zwei »sentimentale Eichen« (Heinrich Heine), die bis zum Tod von Edgar Külow im September 2012 vornehmlich im legendären Format »Jazz – Lyrik – Prosa« gern gemeinsam auf der Bühne standen.

Ich wurde gewissermaßen der »Auftrittserbe«, denn wie schon 2009 unterstützte mich der Wahlleipziger auch im sächsischen Landtagswahlkampf 2014. Zusammen mit dem feinsinnigen Sänger und Liedschreiber Ralph Schüller trat Wiglaf in der stark sanierungsbedürftigen Philippuskirche unter dem wunderschönen Motto »Volker Külow lädt mich ein, und ich komme trotzdem« auf. Den Mehrerlös dieses Abends stellten wir dem Filmprojekt »Der schwarze Nazi« zur Verfügung. In der Groteske überholt ein Mann aus Afrika die Rechten rechts. Ein Remake der Veranstaltung war für den Mai 2019 fest zugesichert, aber Wiglafs plötzlicher Tod verhinderte nicht nur diese Neuauflage, sondern leider auch viele andere Vorhaben.

Wiglaf war nicht nur ein Ausnahmekünstler in vielen Genres, sondern auch ein kluger politischer Kopf, der dialektisch dachte – wie sein Dichtervorbild Peter Hacks. Viele Droste-Texte funkeln daher nicht nur sprachlich, sondern sind darüber hinaus glänzende zeitgeschichtliche Analysen, die eine Zier für jedes politikwissenschaftliche Seminar wären, wenn dieses Fachgebiet in unserem Land nicht schon längst zur »bezahlten Klopffechterei« (Karl Marx) herabgesunken wäre.

Lieber Wiglaf, wir tragen die Fackel weiter!

Volker Külow, Politiker und Publizist

In Klitschen und Kaschemmen

Wiglaf hatte ich zum ersten Mal Ende ’88 mit den Lassie Singers im Dorti in der Oranienstraße getroffen, aber bis wir uns kennenlernten, dauerte es dann noch bis Ende ’93. Er war ein Star der linken Szene und ich ein gescheiterter Kunstmaler. Er lud mich zu seinem Benno-Ohnesorg-Theater in die Volksbühne ein, und es war großartig. Bis dahin war ich nur vor kleinem Publikum in Klitschen und Kaschemmen mit dürftiger Technik aufgetreten. Und dann: ein voller Saal und ein toller Sound. Die Gage wurde gerecht und vor allem großzügig geteilt, die Leute kamen ja nicht wegen mir. Es gab 1.000 DM für jeden, für mich damals sensationell viel Geld. Ich glaube, Danny Dziuk war auch dabei, ein anderes Mal der ebenso brillante und hoffentlich unvergessene Michael Stein. Wir haben dann in der Folgezeit etliche schöne Auftritte zusammen gemacht, im Bremer Schlachthof sang ich dabei zum ersten Mal »Künstler sind nicht überflüssig«. Über Wiglaf kam auch der Kontakt zu Franz Dobler aus Augsburg zustande, der mich mit Achim Bergmann und Eva Mair von Trikont, meinem dann ersten Label, bekannt machte. Ich habe Wiglaf viel zu verdanken. Und als ich in Düsseldorf auf Lesereise von seinem Tod erfuhr, war das ein Hammer. Denn wir hatten uns eigentlich für den April verabredet und ich hätte gerne noch einmal mit ihm gesungen. Es ist ein Jammer.

Funny van Dannen, Sänger und Schriftsteller

Es war einmal ein Theater

Wiglaf und ich haben uns vor fast dreißig Jahren kennengelernt, als wir Autoren der Edition Nautilus waren, und bald darauf hat er mich eingeladen, beim Benno-Ohnesorg-Theater in Berlin zu lesen, das er zusammen mit Michael Stein betrieb.

Mit den Jungs aufzutreten war eine Inspiration. Sie agierten eher wie eine Band und weniger wie zwei Literaten, denen man einen Tisch zugewiesen hatte, an dem sie möglichst tapfer ihre Texte ablesen sollten. Ich entdeckte neue Möglichkeiten, wie man eine Lesung sozusagen etwas auffrisieren konnte. Bald darauf lud ich das Benno-Ohnesorg-Theater nach Augsburg ein. Meine Frau filmte die Show und hat jetzt im Schrank nach der Kassette gesucht, am 26. März 1993 waren sie da.

Ich war mehrmals Gast bei dieser Politshowlesebühne, im Eiszeit Kino, an der Volksbühne (auch als Michael Stein schon ausgestiegen war), und in einer dieser Nächte hatten wir die Idee, Benno-Ohnesorg-Theater-Filialen zu eröffnen; erst eine in München, dann natürlich in Hamburg, und so weiter. Als ich nach angemessen wahnsinnig sorgfältiger Planung – ich sage nur: Problemzone Theater! – in München an den Start ging, war es allerdings Sommer 2007 geworden, und Michael Stein war ein paar Wochen später tot, und Wiglaf hatte das Haupthaus inzwischen geschlossen; eine Hank-Williams-Gala an der Volksbühne am 9. Januar 2003 mit unserem 2012 verstorbenen Freund Nils Koppruch war eine seiner letzten Inszenierungen, wenn ich mich nicht irre.

Die Liste unserer Kollaborationen wird, je länger ich drüber nachdenke, langsam so lang wie der Weg zur Hölle. Und außerdem habe ich Freunde über Wiglaf bekommen und einige Arbeitsplätze. So war er es, der die Idee zu meiner Johnny-Cash-Biographie hatte und den Verlag klarmachte.

Wieder zehn Jahre später bekam ich das Angebot, am Theater Augsburg eine neue Folge des Benno-Ohnesorg-Theaters aufzuführen, das ich im folgenden Jahr, 2019, mit dem neuen Titel »Dichtung und Fortschritt« weitermachte, ohne das alte und unverwüstliche Droste-Stein-Konzept zu verändern. Eine Woche vor seinem Tod telefonierte ich mit Wiglaf, der im Juli mein Gast sein sollte. Wir palaverten so rum, was er da bringen könnte, und was wir grade so auf der Pfanne hatten, und dass es ihm verdammt gut ging. Aber erst mal musste er einen heftigen Pollenangriff überstehen.

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»Wie er vor Freude schier platzen konnte«: Wiglaf Droste und Ralph Schüller (l.) am 11. April 2019 nach der Probe zu Wiglafs letztem öffentlichen Auftritt im Tiergartenrestaurant Waldschänke Nürnberg

Er verabschiedete sich mit den Worten, er würde sich jetzt mit einigen Filmen von Sam Peckinpah auskurieren. Erst später habe ich mich gefragt, welche genau er dann eingenommen hat. Ich vermisse ihn. Nicht nur jetzt und bei der Gala für ihn am 20. September an der Volksbühne. Auch den Rest des Wegs.

Franz Dobler, Schriftsteller

Ach Wiglaf, Sohn!

Was hatten wir doch manchmal für ein schönes Leben, wir, Deine Adoptiveltern aus dem Osten und Du, unser missratener Sohn aus dem Westen! Was für eine fröhliche Familie auf der Bühne! Da flogen die verbalen und musikalischen Fetzen nur so durch die Luft ins Publikum und zurück. Du hast uns angestachelt mit Deinen aufmüpfigen bis bitterbösen und kräftig-deftigen, kreativen Wortschöpfungen, wir parierten mit unseren verrückten Tonkaskaden. Und warst Du sanft, war’n wir es auch. Du konntest toll singen und Rad schlagen. Wir trafen in den Wendewirren im Tränenpalast aufeinander, und es war Liebe auf den ersten Blick. Ihr Männer wurdet sofort zu Blutsbrüdern, bereit, einander zu verteidigen mit Euren imaginären Colts. Junge Wilde. Ich gesellte mich lustvoll dazu. Wir zogen gemeinsam durch die Lande, waren viel zu oft getrennt. Wir behielten uns im Auge. Auch aus der Ferne bewunderten wir Deine unbändige Lebenslust, und Sinnenfreude, beobachteten Deinen Leichtsinn, waren stolz auf Dich. Du hattest ein großes liebendes Herz, und so viele Herzen schlugen zurück! Du warst ein Gourmet von Festem und Flüssigem aus Küche und Keller. Manchmal war es auch still um Dich, und wir sorgten uns. Sehr. Dann tauchtest Du als Phönix wieder auf und hattest neues Kluges geschrieben.

Etwas aber hatte immer Bestand: Deine Nibelungentreue! Der Tod hat Dich aus Deinem selbstbestimmten Leben geholt, dabei hattest Du noch so viel vor! Lass uns bloß im Gespräch bleiben!

In Liebe!

Deine Uschi und Dein Luten

Uschi Brüning, Sängerin, und Ernst-Ludwig Petrowsky, Musiker

»Sicher für uns«

»Das einzige Gemüse, auf das man sich hundertprozentig verlassen kann, heißt Radieschen von unten.«Wiglaf Droste

Das erste, das ich von Wiglaf Droste hörte, war die Single »Grönemeyer kann nicht tanzen«. Ich fand das Spottlied lustig und stieß auf seine Kolumnen, die mich begeisterten. Nach einer Lesung in Zürich 1994 lernte ich Wiglaf kennen, und wir wurden Freunde.

Wiglaf konnte nicht anders, er musste widersprechen. Wo immer ihm Dummheit, Verlogenheit, Infamie und Geiz begegneten, setzte er sich wortgewaltig zur Wehr. In seinen Polemiken führte er den Zweihänder ebenso versiert wie das Stilett, und wenn er seine Feinde ausgemacht hatte, dann war er gnadenlos. Wolf Biermann war ihm ein »dummdreister Ranzlappen und Klassenkampfkasper«, Jörg Wontorra schlicht »Gleitcrème«, und Hartmut Engler, das »IQ-60-Gesicht« von Pur, hasste er so innig wie dessen akkustischen Auswurf: »Die Musik von Pur muss man sich vorstellen wie eine fremde, warme, feuchte Hand, die sich ungefragt auf deinen Oberschenkel legt.«

Wiglaf liebte Tim und Struppi, besonders natürlich den hitzköpfigen Kapitän Haddock, dessen Eskapaden ihn so sehr entzückten, dass er sie unbedingt mit einem teilen wollte. Wenn er neue Bekanntschaften machte, die sich in Hergés Universum nicht auskannten, dann schaffte Wiglaf Abhilfe. Er besorgte Tim-und-Struppi-Bände und schenkte sie den Unwissenden. Für Einsteiger besonders geeignet erschien ihm »Der Fall Bienlein« mit der Szene, in der Haddock seitenlang sehnsüchtig auf eine Flasche Weißwein schielt, während Tim versucht, den Kriminalfall zu lösen. »Eine Flasche und zwei Gläser, sicher für uns!« mutmaßt Haddock in einer Villa am Genfersee, obwohl sie dort noch nie waren und von niemandem erwartet wurden.

»Sicher für uns« wandte Wiglaf als Parole gerne auf sämtliche Annehmlichkeiten an, die ihm auf seinem Weg begegneten. Sein Plural war kein majestätischer, sondern ein großzügig einladender. Freuden aller Art genoss er vorzugsweise mit seiner Liebsten oder in Gesellschaft guter Freunde. Tage mit Wiglaf waren intensiv: geistreich, lustig, beglückend, kompromisslos, ausschweifend und auch anstrengend. Selbst nach mehrtägigem Reisen, Schreiben, Singen und Lesen war Wiglaf spätnachts voller Energie und neugierig, was der Abend noch zu bieten haben könnte.

In den letzten Jahren war er gesundheitlich angeschlagen. Neben den kaputten Kniegelenken machte es ihm auch zu schaffen, dass er nicht mehr trinken konnte wie einst. Seine Stimme wurde dünner, und er verlor an Gewicht. Seit einiger Zeit wohnte Wiglaf bei seiner Freundin in Pottenstein. »La vita è bella in Oberfranken« ließ er verlauten. Er war guter Dinge und voller Pläne. Aus seinem Vorhaben, im Herbst im Zürcher Kosmos zu lesen, wird leider nichts mehr. Ich werde ihn schmerzlich vermissen.

Boni Koller, Musiker und Autor

»Wer schläft, vertraut dem Regisseur«

Wenn ich an Wiglaf zurückdenke, frage ich mich auch, wie es kommen konnte, dass er so wurde, wie er war, und besonders, wie er so unverwechselbar bleiben konnte, sowohl als öffentliche als auch nichtöffentliche Person? Die Antwort erscheint mir nicht schwierig: Weil er beizeiten was in der Birne hatte, und weil er Freude daran hatte, dass darin beständig immer noch mehr Platz findet, aus Büchern, aus Liedern und Musik, aus Comics, durch Leute. Und außerdem, weil er sich sein Herz nicht hat nehmen lassen.

Dass er mit Sprache umzugehen gelernt hatte, war so überoffensichtlich, dass es noch der/die Verstockteste mitbekommen konnte. Nachdem ich durch glückliche Umstände, die zu schildern hier kein Platz ist, mit Wiglaf korrespondiert hatte und ihn dann 2013 persönlich kennenlernen konnte, fand ich mich plötzlich ab und zu als »Sprachforscher« in seinen Texten wieder. Da konnte ich nur staunen ob so viel Unvoreingenommen- und Offenheit, er hatte das ja durchaus auch ernst gemeint, und ich kann mich immer noch freuen, wie lustig unsere Dialoge manchmal werden konnten.

»Wer schläft, vertraut dem Regisseur«, zitierte Wiglaf einen Rezensentenkollegen aus seiner Berliner Zeit nach einer von ihm fast komplett durchschlafenen, zu Teilen auch markant durchschnarchten »Faust I«-Aufführung am 5. Oktober 2018 in Leipzig, und kicherte dabei verlegen. Nie hatte ich angestrengter im Theater gesessen, ihn andauernd angestupft, aber es half nichts. Eilig verließen wir nach dem Schlussapplaus das Schauspielhaus, anschließend sollte ich ihm noch ein bisschen berichten, wie die Aufführung so gewesen wäre. Hätte ich ihn zusammenfalten sollen? Hätte ich gekonnt, aber dann? Bei seiner Krankengeschichte?

»Fröhlich tret’ ich vor die Schienbeine der Leute, die das verdient haben«, hatte Wiglaf im Oktober 1996 dem Schweizer Fernsehen gesagt. Und: »Mir geht’s um möglichst genaue und um möglichst skrupellose Beschreibung von Wirklichkeit«, klare Aussagen, die das SRF aus traurigem Anlass kürzlich seinem Archiv entriss. Beides und noch viel mehr ist Wiglaf ziemlich gut gelungen, vorsichtig ausgedrückt. »Man kann also sagen, Literatur hat Folgen«, fasste Wiglaf dem SRF gegenüber damals Reaktionen auf seine Arbeiten zusammen und bezog sich auf das, was ihm bis dahin an, gelinde gesagt, Ärger zuteil geworden war.

Wie Wiglaf schön klar argumentieren, wie er staunen, oder wie er vor Freude schier platzen konnte, wie er Empathie zeigte, und dass er, wie Klaus Bittermann letzthin im Radio sagte, »ein großer Zusammenbringer« war, wird mir und vielen anderen unvergessen bleiben.

Ulf-Dietrich Braumann, Sprachforscher

Tschüss, Wiglaf

Er hat selten jemanden verschont. Wenn Wiglaf Droste in die Tasten griff, blieb kein Auge trocken – bei den geneigten Lesern vor Lachen, bei den Opfern vor Wut. Er geißelte die fast unbemerkt voranschreitende Braunschweigisierung Finnlands, die Lichterkettengänger, die sich öffentlich Spitzennoten für gutes Betragen ausstellen, die Sportkommentatoren des Satans, Heribert Faßbender und Dieter Kürten, und nebenbei trat er auch Joan Baez, den Buckelwalen, dem Dalai Lama, Antje Vollmer und den Schlamm-Amöben vors symbolische Schienbein.

Wiglafs Heimat war die Sprache, schrieb sein Freund Fritz Eckenga. Es war nahezu beängstigend, welche Kette von alptraumartigen Assoziationen ein simples, aber falsches Wort auf einer Getränkekarte bei dem früheren Rettungsschwimmer auslöste: »Antialkoholisches«. Da rotteten sich aufgebrachte Multivitamintrünke, Gemüseextrakte, ein verbitterter Sellerie, anonyme Apfelsäfte und ein bebrillter Zitronensprudel zusammen und stürmten unter Führung einer Flasche Fassbrause Hunderte von Schnapsläden und Gastwirtschaften. Die eindringliche Schilderung ging so tief unter die Haut, dass man unweigerlich zur Whiskeyflasche griff.

Wiglaf stand des öfteren wegen Beleidigung vor Gericht. Einmal, an einem Sonnentag im Juli 1999, wollte er eigentlich an die Krumme Lanke zum Baden fahren, als ihn unvorbereitet mein Anruf ereilte. In meiner damaligen Eigenschaft als Leiter der Berlin-Redaktion der Taz beschwor ich ihn, mir einen kleinen, fiesen Kommentar zum Soldaten-Gelöbnisbrimborium zu schreiben. Der Text kam früh. Wiglaf ging erstaunlich sanft mit den Soldaten um. Kettenhunde und Waschbrettköpfe? Das klang wie Fischers Fritzen. Umso erstaunter war ich, als ich hörte, dass sich ein Major aus einer ostdeutschen Großstadt beleidigt fühlte und Klage eingereicht hatte. Mörder wollten keine Waschbrettköpfe sein? Der Richter entschied auf Freispruch.

Wiglaf konnte, wenn er wollte, mild und poetisch sein, vor allem, wenn es ums Essen ging. Nach einem gemeinsamen Besuch auf der Wielandshöhe bei Vincent Klink schrieb er: »Kann man früh morgens um halb eins schon essen? Und wie. Wir betten unsere Köpfe auf zwei Blätterteigkissen mit Pilz-Tomaten-Füllung, der Sommelier steckt uns Trichter in den Mund und gießt alle paar Minuten ein Schlückchen Champagner hinein. Die Küche entsendet einen weiteren Gruß, Kartoffelpürree mit Speck und gerösteten Zwiebeln. Wir erleben späte Butterfreuden, und das als Männer.« Der letzte Satz kostete ihn fünf Euro, die er in die Kalauerkasse einzahlen musste.

Wiglaf hat ein umfassendes literarisches Werk hinterlassen, das auf jeden Gabentisch der Gehässigkeiten gehört. Aber er fehlt als Sänger und Tourneereisender – und vor allem als Freund. Der Tod ist ein Arschloch. Was kann man dazu sagen, außer Wiglaf zu zitieren: »Dieses lehren uns die Schlichten: Freundlich lächeln. Weiterdichten.«

Ralf Sotscheck, Irland-Korrespondent Taz

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Wiglaf Droste

    Wiglaf Droste

    Autor, Sänger und Satiriker: Wiglaf Droste (1961–2019)

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