Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Dienstag, 20. August 2019, Nr. 192
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Jazz

Unterm Radar

Ewiger Geheimtip: Der Pianist Chris Jarrett auf der Künstlerkonferenz der M & R am 8. Juni in Berlin
Von Ulrich Kriest
S 11.jpg
Ohne künstlerischen Eigensinn nicht zu haben: Chris Jarrett

Live in Concert habe ich Chris Jarrett bislang nur zweimal erleben können, dies allerdings an zwei eindrucksvoll intensiven Abenden innerhalb von drei Tagen. Anfang April 2002 gastierte er im Trio mit Karim Othman Hassan an der Oud und dem Perkussionisten Shakir Ertek in Stuttgart, um in der inzwischen geschlossenen Buchhandlung des engagiert-umtriebigen und skandalös früh verstorbenen Julius Pischl (1955–2012) das Material live einzuspielen, das wenig später als »Plays New World Music« auf Pischls Label »Edition Musikat« erscheinen sollte.

Zur Erinnerung: Seinerzeit fand der »Krieg gegen den Terror« in den Nachwehen von 9/11 vor allem in Afghanistan statt und die konzertant aufgeführte »New World Music« war ein unmissverständliches Statement in Sachen interkulturellen Dialogs. Jarretts phantasievolles, höchst virtuoses, aber stets gesprächsbereites Klavierspiel, angesiedelt irgendwo zwischen Klassik und jazznaher Improvisation, sah sich bestens kombiniert mit arabischer Melodik und türkischer Rhythmik. Ohne sich innerhalb dieses Aufführungskontextes auch nur eine Sekunde kokett mit einer politisch gefälligen Haltung anzubiedern. Nach den Konzerten – Jarrett spricht vorzüglich Deutsch – verstärkte sich dieser Eindruck noch: freundlich, zugänglich, verbindlich, präzise, meinungsstark und bestens informiert zeigte sich der Musiker im Gespräch.

Erinnert man sich an diese beiden Konzertabende und recherchiert anschließend ein wenig im Netz, so fällt auf, dass Chris Jarretts Bühnenpräsenz bei den Kritikern, ob als Solist oder mit Bandprojekten, beeindruckend zuverlässig zwischen den Kategorien »schwer beeindruckt« und »Begeisterung« changiert. Der Mann hat also einiges zu bieten. Kunst der Extraklasse, zum Beispiel. Und dann fällt irgendwann auch auf, dass die musikalische Qualität in keinem Verhältnis zur Bekanntheit steht. Wer wollte hier schon von »Popularität« sprechen?

Chris Jarrett ist seit Jahrzehnten zuverlässig ein Geheimtip. Zwar tourt er durchaus regelmäßig und spielt Konzerte, aber eben nicht oder sehr selten in den prestigeträchtigen Venues. Zwar veröffentlicht er durchaus regelmäßig Alben, aber zumeist auf unabhängigen Kleinstlabels. 13 Alben in knapp 35 Jahren seit 1985, darunter »Live in Tübingen« (1995) oder auch »Russische Schauergeschichten« (2012), verzeichnet die Diskographie auf seiner Website. Allein, ein Versuch, auf sie vollständig zugreifen zu wollen, ließe Sisyphos als glücklichen Menschen erscheinen. »Under the Radar«, sagt man dann wohl.

Indes, dies scheint viel weniger ein Skandalon als vielmehr Resultat einer gewissen, eher kompromisslosen Haltung des Künstlers selbst. Jarrett, Jahrgang 1956, stammt aus einer musikalischen Familie, wuchs mit Klassik und Jazz auf. Sein ältester Bruder heißt Keith und ist auch Pianist. Früh begann der jüngere Jarrett mit dem Klavierspiel, empfand jedoch die klassische Musik gegenüber dem Jazz als prägnanter und schärfer konturiert. Nach dem Schulabschluss begann er ein Musikstudium erst an der Indiana University, dann als Stipendiat am altehrwürdigen und höchst renommierten Oberlin Conservatory in Ohio, wo er sein kreatives Potential allerdings durch das akademische Umfeld behindert erlebte und das Studium kurzerhand abbrach.

Ganz romantisch und auf der Höhe des Zeitgeistes begannen nun Jarretts »Wanderjahre« mit Jobs in der Produktion, als Krabbenfischer, als Fabrikarbeiter und Büroangestellter. Zudem trampte er durch die USA und Europa und sammelte Erfahrungen. Schließlich landete er in Norddeutschland, studierte in Oldenburg, bekam eine Stelle an der Hochschule, veröffentlichte erste Platten wie das Livealbum »Tanz auf dem Vulkan« mit unmissverständlichen Titeln wie »Lateinamerika kämpft« oder »8. Mai«. Auf dem zweiten Album findet sich dann auch ein »Trauermarsch« für die Opfer des chilenischen Faschismus. Es folgten Theater-, Ballett- und Filmmusiken, eine Oper, ein Oratorium, Musiken für Lesungen von Erich Fried und zahlreiche Konzerttouren, von der Ukraine über Serbien bis Frankreich quer durch Europa.

Jarrett arbeitete als Solist und in unterschiedlichen Bandzusammenhängen wie dem bereits erwähnten Trio oder dem Kammer-Hardcore-Ensemble Four Free mit drei französischen Musikern. Die Geburt seines Sohnes Ivan Shaoki führte zu einem Umzug nach Paris, doch mittlerweile lebt der Musiker seit längerem in Oberotterbach, einem Dorf in der Pfalz. Zuletzt führten Tourneen Jarrett bis nach Australien, Indonesien und Singapur. 2016 erschien ein neues Album von Four Free, seit 2017 hat Jarrett ein Duo-Projekt mit dem umtriebigen Ludwigshafener Jazz-Drummer Erwin Ditzner, und seit längerem hat er die Orgelimprovisation als neues Spielfeld für sich entdeckt.

Doch bei allem, was er an kreativ-künstlerischen Facetten auch der Öffentlichkeit präsentiert, gilt: Es ist nie zu haben ohne eine ordentliche Portion Eigensinn – diese tiefempfundene Ablehnung des westlichen Materialismus und sein Vertrauen auf künstlerische Integrität. In einem Interview hat Chris Jarrett, der am 8. Juni auf der Künstlerkonferenz von Melodie & Rhythmus spielt, sein Angebot an die Hörer wie folgt beschrieben: »Ich will das Publikum nicht überwältigen. Ich sehe mich selbst als jemanden, der bereit ist zu teilen. Jemanden, der etwas Wertvolles und manchmal auch Unwiederholbares zu geben hat. Viele Zuhörer erkennen das, wenn sie mich spielen hören, und spüren diese Integrität. Manche weisen dieses Geschenk allerdings auch zurück, weil sie es nicht mögen oder nicht verstehen. Aber das ist ihr gutes Recht.«

Chris Jarrett tritt am 8. Juni auf der Künstlerkonferenz von Melodie & Rhythmus im Heimathafen, Berlin-Neukölln auf

Mehr aus: Feuilleton