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Aus: Ausgabe vom 01.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
SDAJ

Hier wird nicht gekuschelt …

Jedenfalls nicht mit den Chefs: Am Pfingstwochenende findet am Kölner Rheinufer das »Festival der Jugend« statt
Von Glenn Jäger
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Keine glattpolierten Talkshow-Phrasen mehr: »Zeit für Widerstand!«

»Zeit für Widerstand!« So lautet das Motto des diesjährigen »Festivals der Jugend«. Dazu lädt die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) vom 7. bis zum 10. Juni in den Kölner »Jugendpark am Rheinufer«. Einen schöneren Ort kann sich die sozialistische Jugend kaum wählen, um sich drei Tage lang in Workshops auszutauschen, bei Live-Musik zu feiern, Street-Art zu zelebrieren und bei Bedarf auch ein wenig zu »chillen«. Für eine große Bühne ist ebenso gesorgt wie für ein Veranstaltungszelt, Infostände, einen Campingplatz und das nötige Grillgut.

Es sei Zeit, etwa gegen »die hohen Mieten, das marktorientierte Gesundheitssystem und das kaputtgesparte Bildungssystem« vorzugehen, so Lara Turek, Leiterin des Organisationsteams, gegenüber jW. Die Wismarerin ist gemeinsam mit rund 50 Jugendlichen für Aufbau und Durchführung des Festivals zuständig. Sie habe genug von »glattpolierten Talkshow-Phrasen«, doch um die Welt zu verändern, müsse man sie verstehen und erkennen. Deshalb das aufwendige Programm: »Von Diskussionen über Antimilitarismus und Antifaschismus über den Kampf gegen Sexismus und für unsere Rechte in Schule und Betrieb bis hin zu Lesungen ist allerhand dabei.« Es geht um ganz praktische Fragen, etwa »Rechte Argumente entkräften«, »Aktiv an der eigenen Schule«, aber auch etwas abstraktere: »Heute schon mit dem Chef gekuschelt? Was ist Sozialpartnerschaft?« Das (Gegen-)Kulturelle kommt nicht zu kurz: So gibt es Workshops zu politischer Fotografie, Sprayen und Rap und Diskussionen über die Schriftsteller Ronald M. Schernikau, Peter Hacks und Christian Geissler, während Filmkritiker Dietmar Dath in die materialistische Analyse von Superheldenfilmen einführt. Das Musikprogramm gestalten u. a. die Singer-Songwriterin Nora, der Liedermacher Christoph Theußl oder die Band »Steve next door«. Die Kölner HipHop-Szene wird durch die Lokalmatadoren Tami, Veedel Kaztro und Microphone Mafia repräsentiert, mit dem ehemaligen K.I.Z.-Mitglied DJ Craft legt am Samstag abend auch eine Berliner Szenegröße auf. Hier kommen »Widerstand und Poesie zusammen«, heißt es im Programm. Am Sonntag abend stehen Arbeiter- und Widerstandslieder auf dem Programm, vorgetragen von jemandem, der es wird verwinden können, dass er im großen Zelt nicht »singen«, sondern »performen« soll. Schließlich werden wohl wieder jene Sprechchöre aufbranden, wonach es nur den »einen Achim Bigus« gibt, der er ist.

Soweit man über das Wetter reden darf: Das soll mitspielen. Wer sich an einem schattigen Plätzchen mit den Standpunkten der SDAJ vertraut machen will, möge zum Magazin Position greifen, das »über die Kämpfe für bessere Arbeits-, Ausbildungs- und Lebensbedingungen« berichtet. Oder zu dem Sammelband »Eine Welt zu gewinnen«, herausgegeben von der Verbandsvorsitzenden Lena Kreymann und ihrem Vorgänger Paul Rodermund. Die druckfrisch zum Fest erscheinende zweite Auflage verhandelt historische und aktuelle Kämpfe um, ja: eine andere Welt.

Das Wochenende selbst mag ein Vorgeschmack darauf sein. Als sicher gilt: Es ist keines dieser Festivals, bei denen man sich, so Lara Turek, »ein Ticket kauft, das halb so teuer wie die Miete für das viel zu kleine WG-Zimmer ist, nur um sich kommerzielle Bands anzugucken«. Zeit also, nach Köln zu kommen.

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