Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 31.05.2019, Seite 5 / Inland
Gewerkschaft

Getroffene Hunde bei Edeka

Einzelhandelskonzern reagiert empfindlich auf Streiks in niedersächsischen Warenlagern
Von Daniel Behruzi
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Streikende Mitarbeiter vor einem Logistikzentrum von Edeka in Lauenau, Niedersachsen (28.5.2019)

Das war man bei Edeka bislang so nicht gewohnt: An allen niedersächsischen Lagerstandorten haben Beschäftigte des genossenschaftlichen Konzerns in dieser Woche die Arbeit niedergelegt – insgesamt mehr als 500. Am Edeka-Lager Wiefelstede bei Oldenburg erdreistete sich die Belegschaft gar, den zunächst für einen Tag geplanten Streik per Abstimmung um einen weiteren Tag zu verlängern. Die Edeka-Regionalgesellschaft Minden-Hannover reagierte empfindlich und drohte Verdi mit juristischen Schritten.

Im Rahmen der Tarifrunde des Großhandels erlebe man derzeit »Streiksituationen, die Edeka Minden-Hannover in ihrer 100-jährigen Geschichte so noch nicht erlebt hat«, heißt es in einem Rundschreiben der Unternehmenszentrale, das jW vorliegt. Über mehrere Lagerstandorte hinweg habe ein »Kettenstreik« stattgefunden, der zu »massiven Störungen« in den Märkten führte. Man habe die Betriebsratsvorsitzenden daraufhin an den Konzernsitz nach Minden eingeladen. Doch diese sagten ihre Teilnahme kollektiv ab, weil Tarifverhandlungen Gewerkschaftssache sind. Und auch Verdi ließ sich von der Drohung der Unternehmer nicht einschüchtern, »materielle Schäden« des Streiks »gegenüber der Gewerkschaft und einzelnen Streikenden geltend zu machen«.

»Diese völlig überzogene Reaktion zeigt: Unser Streik wirkt«, kommentierte Verdi-Verhandlungsführer David Matrai am Donnerstag gegenüber jW. Einschüchterungsversuche im Vorfeld hätten die Kollegen ebenso wenig vom Ausstand abgehalten wie das Versprechen einer Streikbruchprämie von 150 Euro. »Die Beteiligung war hervorragend. Etliche Beschäftigte sind Verdi während der Aktion beigetreten«, berichtete der Gewerkschafter. »Die ›Arbeitgeber‹ wären gut beraten, ein besseres Tarifangebot vorzulegen statt auf juristische Winkelzüge zu setzen.«

Zeitgleich zu den Streiks in Niedersachsen hatten die Unternehmer in Brandenburg, wo die Edeka-Regionalgesellschaft Minden-Hannover ebenfalls aktiv ist, bei vorgezogenen Verhandlungen eine neue Offerte vorgelegt. Dass diese mit zwei Prozent in diesem und einem Prozent im nächsten Jahr noch unter der Preissteigerung lag, habe die Kollegen zusätzlich motiviert, so Matrai. Verdi fordert 180 Euro mehr im Monat, mindestens jedoch 6,5 Prozent.

Mit ihren Aktionen bei Edeka hat Verdi offenbar einigen wirtschaftlichen Schaden angerichtet. Das gelingt der Gewerkschaft in der Handelsbranche nicht immer. Matrai betonte: »Die ›Arbeitgeber‹ haben es in der Hand, die Streiks jederzeit durch ein verhandlungsfähiges Angebot zu beenden.«

Debatte

  • Beitrag von josef witte aus Hefei, VR China (31. Mai 2019 um 16:01 Uhr)
    Herzliche solidarische Grüße an die Edeka-Arbeiter, die diesen Arbeitskampf durchfechten. Als ehemaliger Mitarbeiter und Betriebsrat weiß ich aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, unter den besonderen – ich würde sagen – patriarchalischen Herrschaftsstrukturen Widerstand zu organisieren. Ich weiß nicht, ob der Ausdruck »betriebratsverseucht« bei Edeka entstanden ist, ich habe ihn dort aber zuerst und sehr, sehr ernst gemeint gehört.

    Ich bin mir sicher, dass auch die Kolleginnen und Kollegen in den Einzelhandelsgeschäften der Edeka diesen Arbeitskampf mit großem Interesse und Wohlwollen beobachten.

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