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Aus: Ausgabe vom 28.05.2019, Seite 12 / Thema
Spätkapitalismus

Bloß nicht langweilen

Zur Dialektik von Integration und Widerstand und zum Zwiespalt zwischen Hoffnung und Erfahrung angesichts elender Verhältnisse
Von Götz Eisenberg
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Werden Riots die neuen Streiks? Ist Frankreich das Labor, in dem neue Protest- und Widerstandsformen entwickelt und erprobt werden? (Protest der »Gilets jaunes« in Paris am 12. Januar)

Der Herausgeber eines geplanten Sammelbandes hat mir verschiedene Fragen gestellt. Eine davon lautete: »Es hat den Anschein, dass sich immer weniger Menschen mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten abfinden … oder sich zumindest über deren zunehmende Verrohung Gedanken machen. Offenbar wächst da also ein gewisses Ohnmachtsgefühl gegenüber dem aktuell in der Welt grassierenden Wahnsinn. Wie sollte Deiner Meinung nach eine Gesellschaft soziologisch (und politisch) organisiert sein, um im Idealfall eine möglichst solidarische und gerechte Struktur zu gewährleisten?«

Leider kann ich schon die Prämissen dieser Frage nicht teilen. Ich sehe nicht, dass »sich immer weniger Menschen mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten abfinden« oder sich über die »zunehmende Verrohung Gedanken machen«. Auch von einem wachsenden »Ohnmachtsgefühl« habe ich nichts bemerkt. Das würde ja voraussetzen, dass die Leute das, was in der Welt geschieht, als »grassierenden Wahnsinn« wahrnehmen, gegen den sie sich vergeblich zu wehren versuchen. Das tun sie aber in ihrer Mehrheit keineswegs. Sobald ich das Haus verlasse, treffe ich auf digitale Lemminge und junge Männer, die in Autos steigen, die über einen eingebauten Soundgenerator und künstliche Fehlzündungen verfügen. Anschließend rasen sie mit denen röhrend durch die Stadt. Rasend schnell nach Nirgendwo. Dieser Lebensstil birgt den Vorteil, nicht denken zu müssen. Wer es eilig hat, kann nicht denken. Jede kleinste Unterbrechung, jedes Zögern birgt die Gefahr, dass man zu denken anfängt, und das könnte dazu führen, dass einem der Wahnsinn der ganzen leeren Betriebsamkeit aufgeht.

Digitale Lemminge

Alltäglicher Irrsinn: In einer Toreinfahrt sehe ich eine Frau, die die Ritzen der Betonplatten mit einem Unkrautvernichtungsmittel beträufelt. In der Fußgängerzone stoße ich auf eine junge Mutter. Sie hat ihr Baby aus dem Wagen herausgenommen und trägt es auf ihrem linken Arm. In der rechten Hand hält sie ihr Smartphone, dem ihre ganze Aufmerksamkeit gilt. Der Blick des Kindes geht unruhig-suchend zwischen dem Gesicht der Mutter und dem Handy hin und her. Es wirkt verstört.

Hundert Meter weiter treffe ich einen Freund, den ich eine Weile nicht gesehen habe. Erfreut biete ich ihm an, ihn auf seinem Rückweg zu seiner Arbeitsstätte zu begleiten. Nach ein paar Metern klingelt sein Handy. Ich sage: Wenn du rangehst, bin ich weg! Er geht ran, und ich wende mich ab und gehe.

Die Entfremdung schreitet voran. Sie wird zum bestimmenden Merkmal aller zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Warenform wird universell, erfasst Alltagsleben und Intimität. Kälte und Indifferenz breiten sich immer weiter aus.

Keiner nimmt auf niemand Rücksicht, niemand hält einem die Tür auf, schon Blickkontakt ist eine Seltenheit. Unter 30jährige wischen beinahe ständig auf ihren Smartphones herum oder sprechen in sie hinein. Selbst auf dem Fahrrad wird telefoniert. Die Leute erleiden ihre Totalüberwachung nicht, sondern zelebrieren sie als Freiheit. Die unterworfenen Subjekte sind sich ihrer Unterwerfung nicht einmal bewusst. Diesen Zustand hat der französische Soziologe Henri Lefebvre als »Entfremdung zweiten Grades« bezeichnet. Mit solchen Menschen ist einstweilen nichts zu machen, jedenfalls keine Revolution. Wenn unsere Zukunft ein digitaler Kapitalismus ist, fragt sich, wie Leute, die mit ihren Geräten verwachsen sind, dagegen Widerstand leisten sollen? Sollen sie gegen sich selbst rebellieren? Sie sind bestens integriert und erleben die Funktionsimperative des Systems als ihre intimste Leidenschaften. Sie wollen, was sie wollen sollen. Nicht einmal der drohende ökologische Kollaps veranlasst sie, ihre Lebensweise in Frage zu stellen und zu ändern.

Unter solchen Bedingungen über eine neue und qualitativ andere, solidarische Gesellschaft nachzudenken, ist müßig. Es wäre eine gänzlich abstrakte Utopie, die in den Bedürfnissen und Sehnsüchten der Menschen keine Basis hätte. Es hat nach Ernst Bloch keinen Sinn, einfach blind in der Gegend herumzuhoffen. Hoffnung bedarf eines Fundaments in der gesellschaftlichen Realität. Die Begriffe der Marxschen Theorie büßen ihren Sinn ein, wenn sie nur noch deskriptiv sind und den Fortgang des Verhängnisses beschreiben können. Sie lebten von der dialektischen Spannung zwischen Interpretation der Wirklichkeit und ihrer praktischen Veränderung. Theorie ist keine praktische, Dialektik keine materialistische mehr, wenn sie kein Leiden zur Sprache bringen. Die Leute, mit denen wir es mehrheitlich zu tun haben, wollen gesund, fit, schön und leistungsstark sein, sie wollen im Job weiterkommen, konsumieren und ihre Konsumgüter und sich selbst in den sogenannten sozialen Medien präsentieren. Das halten sie für Glück. Die da nicht mitmachen, werden über kurz oder lang zu einem Fall für den Arzt oder die Polizei; oder sie bekommen ein Existenzrecht in randständigen Ghettos zugewiesen, die dem Ganzen keinen Schaden zufügen oder ihm sogar neue Ideen zuführen.

Wie man das aushalten soll? Das ist die eigentlich spannende Frage, aber die hat ja niemand gestellt.

Die klassischen Widerstandsformen und -potentiale sind obsolet geworden. Das Kapital ist im Begriff, sich von der lebendigen Arbeitskraft zu emanzipieren. Technologische Sprünge und Weiterentwicklungen haben stets einen strategischen Aspekt und sind Teil des Klassenkampfes. Das Fließband schaffte den selbstbewussten und stolzen Fabrikhandwerker ab, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Basis der erwachenden Arbeiterbewegung gebildet hatte. Der Fordismus brachte den ungelernten oder nur kurz angelernten Massenarbeiter hervor. Mitte der 1920er Jahre erklärte Henry Ford, dass 79 Prozent seiner Arbeiter ihren Job binnen acht Tagen lernen könnten und dass 43 Prozent dies an einem Tag schaffen würden. Im Laufe der Jahre brachten die Massenarbeiter ihre eigenen Kampf- und Widerstandsformen hervor. Dazu gehörten ein verbreiteter Absentismus und diverse Sabotagetechniken. Nun schafft die »digitale Revolution« schrittweise den Arbeiter ab, der eine ständige Gefahrenquelle für das Kapital geblieben ist.

»Arbeiterlegen«

Die Unternehmer verlagern den Klassenkampf auf ein Terrain, auf dem das Kapital unschlagbar ist – das der Reorganisation der Arbeit durch neue Technologien und der Umstrukturierung des Arbeitsmarktes. Man möchte die Menschen, soweit es geht, aus dem Bereich der Produktion entfernen. Das Kapital wird realiter zu jenem »automatischen Fetisch«, den Karl Marx bereits als dessen Zukunft voraussah. Die Null nullt vor sich hin und saugt im Prozess ihrer gespenstischen Selbstverwertung keine lebendige Arbeit mehr ein. Die Fabrik ist nicht länger der Ort des täglichen Zusammenstoßes. In absehbarer Zeit wird die Produktion von Robotern erledigt. Diese werden nie müde oder krank und werfen keine Schraubenschlüssel ins Räderwerk. Das Kapital entledigt sich seines Widerparts. Der ehemalige SDSler und Sozialforscher Helmut Reinicke hat in seinem Buch über Rudi Dutschke (Aufrecht gehen. 1968 und der libertäre Kommunismus, Laika-Verlag, 2012) von einem »Arbeiterlegen« gesprochen. In Analogie zur Phase der »ursprünglichen Akkumulation des Kapitals«, als es darum ging, aus Bauern »doppelt freie Lohnarbeiter« zu machen, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen und in Fabriken zu verausgaben, gehe es heute darum, Lohnarbeiter in Dienstleister oder Bezieher staatlicher Transferleistungen zu verwandeln. Die Aufgabe der »überflüssigen« Menschen wird darin bestehen, ihr Grundeinkommen auszugeben, den ganzen Tag online zu sein und Algorithmen mit Daten zu beliefern. Die digitale Totalmanipulation wird dafür sorgen, dass sie ein »glückliches Bewusstsein« ausbilden, das keinen Widerspruch mehr zu denken und zu formulieren vermag. Eine vollständig verinnerlichte Herrschaft wird nicht mehr als Herrschaft erlebt. Theodor W. Adorno schrieb bereits vor über 50 Jahren: »Die Menschen sind, Triumph der Integration, bis in ihre innersten Verhaltensweisen hinein, mit dem identifiziert, was mit ihnen geschieht. Subjekt und Objekt sind, in höhnischem Widerspiel zur Hoffnung der Philosophie, versöhnt.«

Das alte Paradigma von der Arbeiterklasse als Subjekt der Revolution und der Fabrik als zentralem Ort der Auseinandersetzung ist hinfällig. Ein neues ist noch nicht in Sicht. Antonio Gramsci hat Zeiten wie die unseren als »Interregnum« gefasst. »Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren; es ist die Zeit der Monster.«

Das Denken an Revolution zieht sich in die Köpfe einzelner zurück und wird wieder utopisch. Es hat keinen Adressaten, an den es sich wenden könnte. Wie sollen zerstreute und gegeneinander isolierte Konsumenten und Smartphonewischer eine Revolution machen? Was könnte das einigende Band zwischen ihnen sein? Dass sie Menschen sind, denn das sind sie ja immerhin. Aber was besagt das, wenn sie ohne Rest in ihrer gesellschaftlichen Formung aufgehen? Aber: Können sie das jemals? Bleibt da nicht immer ein nicht erfasster Rest, der sich irgendwann gegen seine Erfassung und Indienstnahme aufbäumen wird?

»Gilets jaunes«

Eine Freundin, die in Frankreich lebt, berichtet mir sporadisch von ihren Erfahrungen mit den »Gelbwesten« und schildert Aspekte dieser Bewegung, die in der Berichterstattung hierzulande nicht vorkommen. Seit Monaten führt man uns die Protestierenden in den Nachrichten als gewalttätige Chaoten vor. Wir sehen Bilder von brennenden Autos, zerbrochenen Fensterscheiben, von Polizisten, die auf Demonstranten losschlagen, die auf Polizisten losschlagen, und immer so weiter. Bei meiner Freundin liest sich das so: »Die Samstage laufen in den großen Städten seit einiger Zeit immer nach demselben Muster ab: Gilets jaunes versammeln sich morgens, demonstrieren, durchwandern die Innenstädte und fahren gegen 16 Uhr wieder heim. Während sie das tun, gibt’s ein erhebliches schwerbewaffnetes Polizeiaufgebot. Das Tränengas, das gelegentlich eingesetzt wird, enthält übrigens TNT. Es hat etliche Verletzte gegeben; es wird in die Gesichter geschossen, sehr schlimme Augenverletzungen und Erblindungen sind bekanntgeworden; es werden Hände und Arme amputiert, Menschen sind von Autos überfahren worden, und die Staatsanwaltschaften in diversen Städten ermitteln, während weiterhin keine Opferzahlen publiziert werden. Sobald die Gilets jaunes sich am späten Nachmittag aufgelöst haben, werden die Polizisten abgezogen, und wenn dann wiederum die Dunkelheit anbricht, treten die sogenannten Casseurs auf, und dann gibt’s erhebliche Randale. Die Polizei ist um die Uhrzeit regelmäßig nicht vor Ort, und wenn sie dann anrückt, sind die Schäden schon gewaltig und werden medial den Gilets jaunes angehängt.«

In Frankreich entwickeln sich die Verkehrskreisel abseits der großen Städte zu neuen Kampfplätzen und Versammlungsorten. »Es fühlt sich gut an, nicht so allein zu sein, es ist toll, auf den Ronds points, den Straßenkreiseln, Feuer zu machen, sich jeden Tag zu treffen, massenhaft Freundschaften zu schließen, Pläne zu schmieden, Ideen zu entwickeln, und das in demselben Frankreich, das bis weit in den Sommer hinein gekennzeichnet war durch die schulterhängende Haltung: ›Das ist halt so.‹ Fühlt sich an wie Aufbruch.« Frankreich wird zu einem Labor, in dem neue Protest- und Widerstandsformen entwickelt und erprobt werden.

Der US-amerikanische Soziologe Joshua Clover hat den Begriff »Riots« ins Spiel gebracht, um die Protestformen zu beschreiben, die nach dem Ende der fordistischen Produktionsweise an die Stelle der Streiks treten. Er bildete sich in den Ghettorevolten in den USA seit den 1960er Jahren aus. Ich stieß auf diesen Begriff zum ersten Mal im Kontext der Unruhen von Los Angeles im Jahr 1992. Nachdem vier weiße Polizisten, die einen Afroamerikaner namens Rodney King wegen einer Geschwindigkeitsübertretung brutal zusammengeschlagen hatten, von einem Gericht freigesprochen worden waren, entlud sich die aufgestaute Wut der überwiegend schwarzen Unterklasse. Fünf Tage lang wurden Brände gelegt, Geschäfte geplündert – und Menschen getötet, vor allem von seiten der Staatsmacht, die mit großer Härte gegen die Aufständischen vorging. Am Ende wurden fast 60 Tote und mehr als 2.000 Verletzte gemeldet. Hier bildete sich ein Muster für den Ausbruch von »Riots« aus: Auslöser – nicht Ursache – ist meist die Wahrnehmung von Polizeibrutalität. Polizisten misshandeln oder töten Menschen aus sozial benachteiligten Schichten oder Angehörige von Minderheiten. So war es in Los Angeles, so war es 2005 in Paris, und so ist es 2011 vor den Riots in englischen Großstädten wie Birmingham, Liverpool und Manchester gewesen. Die Aufstände sind Ausdruck einer explodierenden Wut. Die Kämpfe haben mitunter etwas »Vandalisches«. Oskar Negt und Alexander Kluge haben in »Geschichte und Eigensinn« geschrieben: »Vandalische Kämpfe und Klassenkämpfe sind grundlegend verschieden. Da Kriege zwischen Arbeitsvermögen, die miteinander nichts Gemeinsames produzieren, am Produktionsinteresse keine Grenze finden, sind sie in der Anwendung des Vernichtungsprinzips totalitär. Klassenkämpfe dagegen zwischen ökonomischen Klassen sind insofern immer relative Kämpfe, als das spezifische Klasseninteresse nicht darin bestehen kann, die Arbeitsvermögen des Klassengegners vollständig zu vernichten.«

Vandalischen Kämpfen wohnt eine wertabstrakte Militanz und etwas blind Gewalttätiges inne, weil den an ihnen Beteiligten der Weg zur Produktion versperrt ist und sie sich ein andres Terrain der Auseinandersetzung suchen müssen. Wege zur Wiederaneignung der Bedingungen des eigenen Lebens müssen erst gefunden werden. Ansätze dazu scheinen sich in Frankreich und auch anderswo zu entwickeln. Soziale Bewegungen sind immer auch Lernprozesse und kennen Um- und Abwege.

Die »gefährlichen Klassen«

In einer Art spiegelbildlicher Umkehrung der Anfangsphase der kapitalistischen Entwicklung erleben wir in ihrer Zerfallsperiode die Wiederkehr der »gefährlichen Klassen«. So nannte man die plebejischen Unterschichten, die aus der alten ständischen Ordnung entlassen und in die neue bürgerliche Arbeitsordnung noch nicht integriert waren. Sie waren keine Bauern mehr, aber auch noch keine Arbeiter. Sie vagabundierten in der Übergangsphase umher, bildeten Räuberbanden und waren Träger zahlreicher tumultuarischer Erhebungen und Aufstände. Zwischen 1810 und 1817 wehrten sich in England die Ludditen gegen den Einzug der Maschinen und die Zerstörung traditioneller sozialer Bindungen. Gesetze wurden erlassen gegen die Zertrümmerung von Maschinen und die Zerstörung von Fabrikgebäuden. Auf den Maschinensturm stand die Todesstrafe.

Der Sozialpsychologe Peter Brückner hat früh schon die Prognose gestellt, dass solche Erscheinungen in der Zerfallsphase der bürgerlichen Gesellschaft wiederkehren würden. Er schrieb Mitte der 1970er Jahre: »Wenn eine soziale Ordnung, die wir als Bedingung unseres Lebens vorfinden, Überleben und geschichtliche Errungenschaften nicht mehr sichert, sondern sich in eine Bedrohung des Überlebens wie der Errungenschaften verkehrt, wenn Leben, Denken, Hoffen, Lieben (…) gleichsam mürrisch in ihrer Haut werden und ihre Lebenstätigkeit sich zu vielen entfremdet, dann bilden sich großflächig gesellschaftliche Bewegungen, Unruhezustände aus, deren Potential dem Sog der Regression entrissen und planvoll in Richtung auf die nun geschichtsangemessene, emanzipatorische Zukunft gewendet werden muss.«

Der letzte Aspekt scheint mir wesentlich zu sein. Doch wer soll die ganzen augenblickshaften, eruptiven Energien bündeln und planvoll in Richtung Befreiung wenden? Gibt es in Frankreich und bei uns Kräfte, die das könnten? Kann die Bewegung aus sich heraus eine regulative Idee der sozialen Emanzipation hervorbringen? Und Strukturen, die auf ihre Einhaltung dringen?

Als Theoretiker bin ich pessimistisch, aber als Mensch kann ich nicht aufhören zu hoffen, dass es irgendwann anders wird. So wird aus einem Text, recht eindimensional pessimistisch begonnen, doch noch ein dialektischer, der meine eigene Zerrissenheit spiegelt. Dialektik bedeutet, etwas salopp ausgedrückt: Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr! Solange wir es mit lebenden Menschen und nicht mit Cyborgs zu tun haben, ist ein glücklicher Ausgang des geschichtlichen Prozesses und eine grundlegende Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ausgeschlossen. Geschichtlich möglich ist diese längst, es hängt vom Bewusstsein und Willen der Menschen ab, ob aus der Möglichkeit Wirklichkeit wird. Noch ist alles in der Schwebe.

Wie könnte es dann werden? Das war ja die mir gestellte Frage. Erst in einer solidarischen, egalitären Gesellschaft mit Freundlichkeit als vorherrschendem Kommunikationsstil könnten wir herausfinden, was der Mensch eigentlich ist und wozu er fähig ist. Wir kennen bisher ja nur von der Klassengesellschaft niedergedrückte und systematisch verstümmelte Noch-nicht-Menschen.

Wiederaneignung

Die Kräfte, die den Kapitalismus in Richtung eines Sozialismus des gelebten Lebens überwinden könnten, sind noch nicht in Sicht, und es ist fraglich, ob wir deren Herausbildung oder gar Triumph noch erleben werden. Wenn überhaupt erwarte ich sie aus der Richtung eines libertären Sozialismus oder Anarchismus. Der Anarchismus hatte seine Blütezeit in der Übergangsphase zwischen der vorbürgerlichen, agrarisch-handwerklichen Welt und der voll entfalteten kapitalistischen Gesellschaft. In den Ritzen zwischen zwei Produktionsweisen konnte er gedeihen. Die Menschen bäumten sich gegen ihre Verwandlung in Fabriksklaven auf. Im Fortgang der bürgerlichen Gesellschaft gewöhnten sie sich an ihr kapitalverwertendes Unglück. Es entsteht, heißt es bei Marx, eine Arbeiterklasse, die »aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt«. Die anfängliche Unmöglichkeit, unter kapitalistischen Bedingungen zu leben, wird auf der Basis dieser Prozesse möglich. Die domestizierten Arbeiter benehmen sich manierlich, verzichten auf Gewalt, organisieren sich in sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften, die die Lage der Arbeiter in der bürgerlichen Gesellschaft verbessern wollen, die sie als ganze nicht mehr in Frage stellen.

Mit dem Übergang zum digitalen Kapitalismus und dem »Arbeiterlegen« geht die Phase der organisierten Arbeiterbewegung ihrem Ende entgegen. Eine neue Stufe der kapitalistischen Produktionsweise wird erreicht. In der Übergangsphase von der einen zur anderen Form liegen die von Gram sci und Brückner beschriebenen Gefahren, aber vielleicht auch Chancen zur Wiederauferstehung eines libertären Kommunismus oder Anarchismus. Mit dem Zerfall der traditionellen politischen Repräsentanzen könnte ein Wiederaufleben des Rätegedankens einhergehen. Vielleicht besinnen sich die aus der Lohnarbeit entlassenen und plötzlich überflüssigen Menschen auf ihre Fähigkeiten. Wozu braucht man Fabrikbesitzer und Chefs? Vielerorts entstehen Genossenschaften und andere kollektive Formen der (Wieder-)Aneignung von Lebens-, Arbeits- und Wohnbedingungen. Man kann nur hoffen, dass Gustav Landauer mit seiner Bemerkung recht behält: »Utopien sind immer nur scheintot, und bei einer Erschütterung ihres Sarges leben sie wieder auf.«

Ernst Bloch hat uns ins Stammbuch geschrieben: Das Schlimmste, was die Linke machen kann, ist, die Menschen zu langweilen. Und darin ist sie traditionell groß. Mit dem ständigen Wiederkäuen alter Parolen aus dem Arsenal der staatsfixierten Arbeiterbewegung wird man niemand hinter dem Ofen hervorlocken können. Da winken die Leute ab und bleiben bei ihrem kapitalistischen Leisten. Der ehemalige Aktivist der RAF, Lutz Taufer, sagte unlängst im Gespräch mit dem Journalisten Anselm Weidner, »dass wir Lebens- und Arbeitsformen entwickeln und den Menschen anbieten müssen, die attraktiver sind als diejenigen, die sie kennen«. Das wäre eine zeitgenössische Fassung der guten alten Propaganda durch die Tat.

Die große Entdeckung

Wenn uns das gelänge, könnte etwas passieren, das der 2016 gestorbene schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson einmal anhand folgender Episode beschrieben hat: »In einer kanadischen Fabrik gab es ein paar Arbeiterinnen, deren Aufgabe es war, Maschinenteile in Seifenwasser zu spülen. Tagein, tagaus standen sie dort und spülten, ihre Finger wurden deformiert, sie schmerzten immer mehr und verkrümmten sich durch Rheumatismus im fortgeschrittenen Stadium, was die unausbleibliche Folge ist, wenn man die Finger den ganzen Tag im kalten Wasser hat. Eines Tages kam ein neugieriger junger Ingenieur vorbei und prüfte die Wassertemperatur. Es war vermutlich der erste Ingenieur, der das jemals getan hat. ›Aber das Wasser ist ja verdammt kalt‹, sagte er. ›Das muss anders werden. So geht das doch nicht. Ihr könnt ja Rheumatismus kriegen. Ab morgen lassen wir warmes Wasser in den Behälter fließen, dazu braucht nur etwas an einer kleinen Wasserleitung geändert zu werden.‹ Dies hatte einen gewaltigen Streik zur Folge, der sich über die ganze Fabrik ausdehnte. Das könnte unlogisch erscheinen, ist es aber nicht. Solange diese Arbeiterinnen ihre abscheuliche Arbeitssituation als notwendig ansahen, ertrugen sie sie. Unerträglich wurde es in dem Augenblick, als sie erkannten, dass dies alles völlig unnötig war.«

Der Tag, an dem die Menschen in Europa die gleiche Entdeckung machen wie die kanadischen Arbeiterinnen, könnte ein wunderbarer Tag werden.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er ist Mitinitiator des Gießener Georg-Büchner-Clubs. Eisenberg arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 13./14. April 2019 über Mobbing.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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