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Aus: Ausgabe vom 25.05.2019, Seite 15 / Geschichte
Zweiter Weltkrieg

»Der gefährlichste Gegner«

Mit dem Unternehmen »Rösselsprung« sollte im Mai 1944 die jugoslawische Volksbefreiungsbewegung »enthauptet« werden
Von Martin Seckendorf
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Siegreicher Feind der Wehrmacht. Marschall Tito (rechts) mit Getreuen vor seinem Hauptquartier, Jugoslawien im Mai 1944

Im April 1941 hatte die Wehrmacht Jugoslawien überfallen. Deutschland und seine Vasallen Italien, Bulgarien und Ungarn zerstückelten das Land und errichteten grausame Okkupationsregimes. Sofort setzten Deportationswellen und Massenmordaktionen mit dem Ziel der ethnischen und politischen »Säuberung« ein. Vor allem Slowenen und Serben waren von dem beginnenden Genozid betroffen. In Kroatien, wo die Deutschen ein klerikal-faschistisches Marionettenregime installiert hatten, nahm der Völkermord an den Serben besonders furchtbare Formen und Ausmaße an. Nach Naziberichten wurden in Kroatien noch 1941 mehr als 300.000 Serben, »insbesondere Greise, Frauen und Kinder in der bestialischsten Weise (…) mit den sadistischsten Methoden zu Tode gequält«.

Sofort nach der Besetzung begann die Kommunistische Partei Jugoslawiens mit Josip Broz Tito als Generalsekretär einen breiten Widerstand zu organisieren. Am 4. Juli 1941 riefen die Kommunisten zum bewaffneten Aufstand auf. Die militärische Gegenwehr, so begründeten sie, sei ein Akt der Notwehr gegen die existentielle Bedrohung der Jugoslawen durch die Eroberer.

Vernichtungskrieg

Der Aufstand breitete sich bald wie ein Flächenbrand in ganz Jugoslawien aus. Die Partisanen errangen besonders in Serbien spektakuläre militärische Erfolge. Größere befreite Gebiete entstanden. Der Erfolg erklärt sich vor allem aus dem multiethnischen Konzept der Kommunistischen Partei. In ihrem Juliaufruf hieß es: »Jugoslawen: Serben, Kroaten, Slowenen, Montenegriner, Mazedonier und alle anderen (…), erhebt euch alle wie ein Mann gegen die Besatzer, gegen ihre Diener in unserer Heimat, die Schlächter unseres Volkes.« Um die bröckelnde Okkupationsherrschaft, vor allem in Serbien, zu stabilisieren, begannen die Deutschen unter Beteiligung von Kollaborateuren einen Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung. Bis Ende 1941 fielen allein in Serbien mehr als 50.000 Zivilisten den Mordaktionen zum Opfer.

Auch die Partisanen erlitten große Verluste. Besiegt waren sie aber nicht. Der Schwerpunkt des Befreiungskrieges wurde Anfang 1942 nach Kroatien verlegt. Aus den Partisaneneinheiten entwickelte sich eine Volksarmee mit etwa 300.000 Bewaffneten, die in Brigaden, Divisionen und Armeekorps gegliedert war.

Die Zerschlagung dieser militärischen Kräfte war für die deutsche Führung ab 1943 aus zwei Gründen besonders dringlich. Zum einen drohte eine alliierte Invasion an der Adriaküste. Am 1. November 1943 stellte der Oberbefehlshaber Südost General Maximilian von Weichs fest: »Der gefährlichste Gegner ist Tito. Wenn es in den bevorstehenden Monaten nicht gelingt (…) seine Machtmittel entscheidend zu schwächen, wird (…) die Verteidigung der adriatischen Küste gegen den zu erwartenden Großangriff (der Alliierten, M. S.) undurchführbar sein.« Zum anderen sammelten sich Ende 1943 starke Volksbefreiungskräfte in Bosnien und Montenegro, um nach Serbien vorzustoßen. Dieses Besatzungsgebiet, das seit Anfang 1942 als »befriedet« galt, hatte für die faschistische Kriegswirtschaft und die Strategie der Wehrmacht auf dem Balkan entscheidende Bedeutung. Mit mehreren Großoffensiven bis Anfang 1944 versuchte die deutsche Führung, die Befreiungskräfte zu zerschlagen. Aber diese konnten sich trotz hoher Verluste immer wieder dem Zugriff der Faschisten entziehen.

Die deutschen Militärs mussten feststellen, dass die jugoslawische Volksbefreiungsarmee inzwischen so große Gebiete befreit hatte, dass es »nicht mehr möglich war«, sie »durch eine großräumige Umfassungsoperation«, wie es im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) hieß, »zu vernichten«. Man verfiel daher auf die Idee, die politische und militärische Bewegung zu »enthaupten«. Der Plan sah nach einem Eintrag im Kriegstagebuch des OKW vor, »überraschend in den von ihm (Tito, M. S.) beherrschten Zentralraum einzudringen und seine Führungsorgane (einschließlich der ausländischen Militärmissionen) zu zerschlagen«. Tito sollte ergriffen oder getötet werden. Mitte Mai 1944 genehmigte Hitler die Aktion mit der Deckbezeichnung »Rösselsprung« gegen das in der Gegend der westbosnischen Stad Drvar vermutete Hauptquartier Titos.

Zu dem gebildeten Sonderkommando gehörten Spezialkräfte und motorisierte Einheiten sowie Teile der Sondereinheit »Brandenburg« und das SS-Falschirmjägerbataillon 500. Letzteres setzte sich aus verurteilten kriminellen SS-Männern zusammen, die »Frontbewährung« erhalten hatten. Auch die 7. SS-Gebirgsdivision »Prinz Eugen« nahm an dem Unternehmen teil. Die Division setzte sich zu mehr als 90 Prozent aus Angehörigen der deutschen Minderheit in Jugoslawien zusammen und war wegen massenhaft begangener schwerer Kriegsverbrechen berüchtigt.

Kommandoaktion scheitert

Am 25. Mai begann die Operation »Rösselsprung« mit Luftangriffen auf Drvar. Das SS-Bataillon 500 und die »Brandenburger« wurden aus der Luft abgesetzt. Es gelang, die Stadt zu besetzen und die dort untergebrachten Einrichtungen der Befreiungsbewegung zu zerstören. Die Invasoren gingen mit ungeheurer Brutalität vor. Zahlreiche Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder, wurden erschossen. Die SS-Truppen konnten den Aufenthaltsort Titos sowie der übrigen Mitglieder des Hauptstabes der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee aber nicht sofort feststellen. Dadurch gelang es Tito sowie den meisten Angehörigen des Hauptquartiers und der drei Militärmissionen, sich dem Zugriff zu entziehen. Sie wurden zusammen mit verwundeten Kämpfern von US-amerikanischen und sowjetischen Flugzeugen aus der Gefahrenzone ausgeflogen. Am 4. Juni beendeten die Faschisten das erfolglose Unternehmen. Der Oberbefehlshaber Südost sandte einen schöngefärbten Bericht nach Berlin, der vom OKW und Hitler wegen des offensichtlichen Fehlschlages der Aktion bei ungewöhnlich schweren personellen und materiellen deutschen Verlusten missbilligend zur Kenntnis genommen wurde. Das Hauptquartier der Befreiungskräfte wurde auf die dalmatinische Insel Vis verlegt. Bis zum Ende des Krieges war die Wehrmacht nicht mehr in der Lage, größere Offensiven gegen die wachsende Volksbefreiungsarmee zu unternehmen.

»Die Banditen treten immer in größeren Massen auf; der Zuzug zu ihren Reihen wird immer stärker (…). Die Bevölkerung verfällt immer mehr dem Partisaneneinfluss. Sie steht nahezu restlos zu den Banditen (…).« (Aus der Lagebeurteilung der deutschen Polizei in Zagreb vom 24. Dezember 1943)

»Konnte man noch vor zwei Jahren von kommunistischen oder Partisanenbanden sprechen, so ist das heute falsch. Heute steht uns hier eine festgefügte Armee von beträchtlicher Stärke gegenüber (…). Das (…) verdank(t) sie zum großen Teil auch der Zivilbevölkerung, die sie durch geschickte Propaganda und ordentliches Auftreten immer wieder für sich gewinnen konnte«. (Bericht des SS-Generals Arthur Phleps vom 25. Januar 1944 an das Oberkommando der 2. Panzerarmee)

»Mit den politischen und operativen Feinderfolgen im russischen und bulgarischen Raum koordiniert sind die roten Bandenverbände im Innern des Südostraumes zum entscheidenden Angriff auf die Verkehrslinien und Machtpositionen der Besatzungstruppe angetreten (…). Die Klassifizierung dieses Feindes als ›Bandengegner‹ (…) ist endgültig als falsch zu bezeichnen. Es handelt sich (…) um operativ und taktisch gut geführte, mit schweren Waffen beneidenswert ausgerüstete und von einer nicht zu unterschätzenden Dynamik getragene Kräftegruppen von ständig wachsender Zahl«. (Bericht des Oberbefehlshabers Südost vom 20. September 1944 an das Oberkommando der Wehrmacht)

Aus: Europa unterm Hakenkreuz, Bd. 6, Berlin/Heidelberg 1992, Dok.-Nr. 222, S.295; Dok.-Nr. 227, S. 297; Dok.-Nr. 323, S. 366.

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