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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

»Kalter Putsch«

MSV Normannia 08: Wie der Vorstand eines Berliner Achtligisten ausgebootet wird. Und welche Rolle dabei ein Exprofi zu spielen scheint
Von Oliver Rast
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Wie in einem B-Movie: Zafer Yelen wird bei der Normannia wohl kein Sympathieträger mehr (hier 2013)

Der MSV Normannia 08 ist nun schon 111 Jahre alt. Sonderlich bewegt war das Vereinsleben selten. Die Chronik verzeichnet zwei, drei Vereinsfusionen, aber auch Trennungen. »MSV« steht für Märkischer Sport-Verein. Normannia ist der achtklassige Fußballklub aus der Westberliner Satellitenstadt Märkisches Viertel in Reinickendorf.

Der 3. Mai 2019, ein Freitag, dürfte als Zäsur in die Klubhistorie eingehen. Obwohl zunächst nichts darauf hindeutete. Eine turnusgemäße Mitgliederversammlung (MV), keine außerordentlichen, typische Tagesordnungspunkte: Begrüßung, Berichte vom Klubvorstand, Kassenbericht, Aussprache, Entlastung des Vorstands, Neuwahlen.

Und doch war etwas anders als sonst. »Eigentlich sind immer nur so 15 Leute da, die üblichen Verdächtigen«, sagt »Ur-Normanne« Horst Koschel, seit 1952 im Verein, gegenüber jW. Gut 50 seien es diesmal gewesen, viele Neumitglieder, fast die komplette B-Jugend. Bis zum fünften TOP verlief alles ohne Aufreger, dann die Vorstandswahlen. Für den Vorsitz und Stellvertreterposten kandidierten neben dem amtierenden Vorstand Personen, die von den »Alten« niemand auf dem Zettel hatte – und die prompt mit deutlicher Mehrheit gewählt wurden. Neuer Klubchef ist Gökhan Ayik, Trainer der 2. Herren und der B-Jugend. »Kalter Putsch«, »feindliche Übernahme«; Begriffe, die nach der MV rasch die Runde machten. Koschel versteht seine Vereinswelt nicht mehr. »Höhen und Tiefen habe ich viele erlebt, aber das hier ist hinterrücks.«

Torben-Marc Meyer ist der geschasste Vereinsvorsitzende, mehr als zehn Jahre stand er dem Verein vor, stets bereit, »ein Lückenbüßer«, wie er im jW-Gespräch sagt. Nein, Anzeichen für eine Intrige habe es nicht gegeben. Warum dann die Abwahl? »Das war eine Retourkutsche«, behauptet Meyer. Im gleichen Atemzug fällt ein Name: Zafer Yelen, Exprofi bei Hansa Rostock, der als Steppke bei Normannia das Laufen mit Ball übte. Yelen hat nie den Draht zum Verein verloren, seine Schwester betreibt den mobilen Imbiss an Spieltagen und betreut die B-Jugend. In den vergangenen Wochen hat Yelen mehrmals die erste Männermannschaft trainiert. Für Meyer hätte er ein »Sympathieträger« für Normannia werden können.

»Retourkutsche«, weswegen? Meyer erzählt die Geschichte so: Zankapfel ist das ehemalige Vereinsheim, früher ein Waschhaus für Mieter. Aus Kostengründen nutzt der Verein nur noch die hinteren Räume, die vorderen werden verpachtet. Mehrere Jahre war dort eine Shisha-Bar. Bis zu einem Wasserrohrbruch im August 2018. Der machte die Räumung der Bar und eine Sanierung erforderlich. Später sollte der Barbetrieb weitergehen. Dazu kam es aber nicht, aus Brandschutzgründen, wie Meyer ausführt. Das soll wiederum die früheren Pächter der Bar, enge Bekannte von Yelen, in Rage gebracht haben. Meyer fühlte sich sogar bedroht, ging zur Polizei. Nun ist dort ein Bewegungsraum für Kinder, »ein soziales Projekt«, so Meyer.

Der nun ehemalige Vorsitzende hatte Yelen bis kurz nach der Mitgliederversammlung nicht als einen der »Drahtzieher« in Verdacht. Dann soll sich Folgendes abgespielt haben: Wie in einem B-Movie betrat der Exprofi die Szene. Meyer dachte noch, Yelen würde ihm beistehen. Der hingegen forderte ein Vieraugengespräch, und enthüllte, so Meyer, er sei der Initiator seines Sturzes gewesen. Wohlgemerkt: Yelen ist kein Vereinsmitglied. Er wolle den Jugendbereich stärken, charakterstarke Jungspieler ausbilden und weitervermitteln. Ein »Konzept«, das der alte Vorstand nie zu Gesicht bekommen hatte.

Die verdeckte Wahlmobilisierung sei, mutmaßt Meyer, nötig gewesen, weil Yelen mit seinen Vertrauten bei einer vorab angekündigten Kampfabstimmung keine Mehrheit auf der MV zustande bekommen hätte. Und was sagt Yelen? »Ich habe mich entschlossen, mich nicht zu äußern.« Seine Sicht der Dinge wolle er aber bald kundtun, jetzt sei es noch zu früh, meint er gegenüber jW.

Eine Austrittswelle folgte, vor allem im Männerbereich. Die Normannen bekamen am Sonntag im Bezirksligaspiel gegen Union 06 kein Team zusammen. So etwas wird sanktioniert: »Bei einem eigenverschuldeten Nichtantritt wird die Partie mit null Punkten und 0:6 Toren gewertet«, erklärt Vera Krings, Pressesprecherin des Berliner Fußballverbands (BFV), auf jW-Anfrage. Noch stehen zwei Ligaspiele aus. Krings weiter: »Bei dreimaligem Nichtantritt wird eine Mannschaft vom Spielbetrieb der laufenden Saison gestrichen und gilt als Absteiger.« Normannia müsste dann, wenn der Vorstand die Mannschaft beim BFV neu meldet, ganz unten anfangen – Kreisliga C, elfte Liga.

Der aktuelle Vorstand ist nach jW-Informationen nicht handlungsfähig. Die Schatzmeisterin und der Jugendleiter warfen am Montag im Streit mit Yelen das Handtuch. Der neue Vorsitzende Ayik war für jW nicht erreichbar. Tobias Dollase (parteilos, für CDU), Bezirksstadtrat für Sport, bekräftigt auf jW-Anfrage die Unabhängigkeit der Vereine, »sie haben aber die vereinsrechtlichen Bestimmungen zu beachten.« Was nun? Vorstandswahlen anfechten, eine außerordentliche Mitgliederversammlung? Nein, sagt Meyer, er will Yelen und Co. auflaufen lassen. »Die sollen merken, dass eine Vereinsführung kein Computerspiel ist.« Außerdem sei der Schaden bereits irreparabel.

Meyers Motiv: Er will warnen und »öffentlich machen, was Einzelne in Vereinen anrichten können.« Nach 111 Jahren könnte Normannia bald Geschichte sein.

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