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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 15 / Feminismus
Dichterin, Journalistin, Autorin

Anwältin für die Sache der Frau

Zum 120. Geburtstag der »emanzipierten Weltbürgerin« Ilse Langner
Von Christiana Puschak
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Ilse Langner (undatiert, spätestens 1931)

Als »soziale Revolutionärin« und »emanzipierte Weltbürgerin« wurde sie bezeichnet, in ihrer Dichtung hingegen eher als »traditionsverbunden mit hellenischem Geist«. Bereits sechzehnjährig erstellte Ilse Langner ihre erste Gedichtsammlung, suchte sie doch nach einem Ausdruck für das, was ihr auf der Seele brannte. Bald darauf veröffentlichte die Breslauer Zeitung Kurzgeschichten von ihr. Langner verfasste »ein realistisches schlesisches Bauernstück« in Form eines Dramas und kurz vor dem Abitur ein expressionistisches Schauspiel »gegen die Schultyrannei«. Hier schrieb eine, deren Weg vorgezeichnet schien.

Geboren am 21. Mai 1899 in Breslau, wuchs Ilse Langner als Tochter eines Pädagogen und seiner Frau in einer kulturell anregenden Atmosphäre auf. Der Vater, Gymnasiallehrer und Leiter eines Schülerheims, war ihr Vorbild. Er »hatte zehntausend Bücher«, begegnete dem Schreiben seiner Tochter mit Wohlwollen, neigte jedoch zu Strenge und zum Jähzorn. Er habe, so Ilse Langner, mit Worten verwundet und gekämpft. Die überfürsorgliche Mutter strebte für ihre Tochter eine Heirat an, doch Ilse Langner bildete sich als Autodidaktin fort. Nach dem Schulabschluss arbeitete sie als Journalistin, bis ihr Breslau zu eng wurde und es sie 1928 nach Berlin ins Zentrum der künstlerischen Avantgarde zog.

Hier heiratete Ilse Langner 1929 den Fabrikanten Werner Siebert, veröffentlichte aber weiterhin unter ihrem Geburtsnamen. Im selben Jahr wurde ihr Antikriegsstück »Frau Emma kämpft im Hinterland« im »Theater unter den Linden« uraufgeführt. Darin stellt Ilse Langner den Kriegserlebnissen der Soldaten die Erfahrungen der Frauen an der Heimatfront gegenüber, den Kampf um das tägliche Brot und das Ringen mit der Angst. Sie zeigt dabei, wie in bestimmten Situationen auch normabweichende Entscheidungen verständlich und richtig sein können. So tauscht die Protagonistin Emma Sexualität gegen Essen und beginnt zu hamstern, um sich und ihre kranke Tochter durchzubringen. Als sie schwanger ist, lässt sie abtreiben und erlernt den Beruf der Straßenbahnschaffnerin. Im Lauf der Ereignisse wandelt sich die Protagonistin von einer nationalen Patriotin zur überzeugten Pazifistin. Das Theaterstück erhielt zahlreiche positive Kritiken. So bescheinigte ihr Alfred Kerr »Mut und Vehemenz«. Wegen ihres Eintretens für die Rechte der Frauen nannte er Ilse Langner »Penthesileia«, eine Amazonenkönigin. Andere wiederum lehnten ihre Frauengestalten ab, die in so radikaler Weise moralisch gesteckte Grenzen überschritten.

Nach diesem Erfolg schrieb Ilse Langner mit »Katharina Henschke« einen Beitrag zur Diskussion um den Paragraphen 218, in dem sie das Recht auf weibliche Selbstbestimmung einforderte. In ihrem Drama »Die Heilige aus den USA« klagte sie den Missbrauch von Religion zu Geldzwecken an. Dies trug der Autorin eine Anzeige wegen Gotteslästerung ein. Ihr viertes Stück »Die Amazonen«, eine Komödie, die gegen das faschistische Frauenbild opponierte, konnte 1933 in Berlin nicht mehr uraufgeführt werden, da die Nazis es sofort nach der Machtübernahme verboten und fortan die Autorin als unerwünscht galt. Während der Nazizeit wandte sich Ilse Langner der Antike zu. Sie bearbeitete antike Mythenstoffe wie in »Mord in Mykene«, »Klytämnestra«, »Iphigenie kehrt heim« und »Dido«, allesamt Stücke, die erst nach der Niederlage des Faschismus in Buchform erschienen, in denen kämpferische wie selbstbewusste Frauen auftreten und das Geschlechterverhältnis sowie die gesellschaftliche Stellung der Frau diskutiert werden.

Mit »Heimkehr. Ein Berliner Trümmerstück« verarbeitete die Dramatikerin ihre ureigensten Erfahrungen der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit. In »Cornelia Kungström« warf die Autorin lange vor Dürrenmatts »Physikern« die Frage nach der Verantwortung der Naturwissenschaft im Atomzeitalter auf. Doch beiden Stücken blieb die Bühne verschlossen. Auch ihr Roman »Die Zyklopen« über ein Atomkraftwerk und dessen Folgen für Mensch und Umwelt – lange vor der Anti-AKW-Bewegung – erhielt nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit.

Anerkennung und Erfolg blieben Ilse Langner, die auf dem »Anderssein der Frau« beharrt hatte, versagt, obgleich sie von Ingeborg Drewitz als eine der Frauen apostrophiert wurde, »die zur Erhellung des Wesens Frau mehr beigetragen haben als Sozialstatistiken«. Gerade deswegen sollte sie von jungen Frauen gehört und gelesen werden.

Ihre letzten Lebensjahre bis zu ihrem Tod am 16. Januar 1987 verbrachte Ilse Langner in Darmstadt. Dort unterhielt sie Beziehungen zu den Schriftstellern Karl Krolow und Gabriele Wohmann und widmete sich weiterhin dem Schreiben: »Dichten muss ich, es ist mein Atem (…). Und so werde ich mit Dichten und Atmen einmal gleichzeitig aufhören.«

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