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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Intellektuelle der Restauration

»BHL« revoltiert sich: Macron bestellte Schriftsteller in den Élysée-Palast

Von Hansgeorg Hermann
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Europa, wie es leibt und lebt »mit seinen liberalen Demokraten«: Bernard-Henri Lévy am Élysée-Palast

Wer Bücher liebt, muss sie nicht unbedingt selbst schreiben. Es sei denn, er wäre ein publicitysüchtiger »Philosoph«. Wer sich für Politik interessiert, muss nicht unbedingt selbst Politik machen. Es sei denn, er hieße Bernard-Henri Lévy und wandelte im französischen Präsidentenpalast Élysée, als sei es seine Gartenlaube. Lévy, in Paris und anderswo auf der Welt unter dem Kürzel »BHL« bekannt, ist ein Freund Europas. So wie es leibt und lebt, sagt er, »mit seinen liberalen Demokratien« und all den Freiheiten, die diese den 740 Millionen Europäern täglich zugestehen. Außer in Polen natürlich, Ungarn, Italien, vielleicht auch noch Österreich, leider.

BHL veröffentlichte Anfang des Jahres einen Aufruf in der Tageszeitung Libération, den mehr als 30 Schriftsteller unterzeichneten, darunter Nobelpreisträger wie Orhan Pamuk und Mario Vargas Llosa. Der Philosoph – Markenzeichen blütenweißes Hemd, das er auch im Winter gerne offen trägt – verabscheut in seiner Schrift die »Populisten« Europas und der Welt, nennt sie auch beim Namen: Salvini, Le Pen, Orban, die ganze sattsam bekannte radikale Bande halt, die »Feuer an das Haus Europa« legen werde. Die »liberale Demokratie und ihre Werte«, sprach Lévi, hielten dem schlimmstenfalls nicht stand.

In den Tagen vor den Wahlen zum Europaparlament sah das auch Lévys derzeit bester Freund in der Politik so, Präsident Emmanuel Macron. Der ist, wie alle seine Vorgänger, ein Dichterfreund und lässt bisweilen durchblicken, dass er Philosoph hätte sein mögen, wäre er nicht Investmentbanker und im Nebenberuf Staatschef geworden. Macron also bestellte die Unterzeichner des BHL-Textes zum Essen in den Palast, es kamen am vergangenen Dienstag keine 30, sondern nur zwölf, die anderen seien anderswo beschäftigt gewesen, ließ der Palast wissen. Es fehlten die Nobelpreisträger, es fehlte auch der Albaner Ismail Kadare, der sich zu Hause in Tirana gegen die von Macrons Turbokapitalisten eingeschleppte internationale Drogen-, Waffen- und Prostitutionsmafia stemmt.

Nur so viel wurde über das Tischgespräch zwischen dem Oberhaupt und den Männern des geschmeidigen Worts bekannt: BHL habe sich furchtbar über des US-Präsidenten Donald Trumps früheren Scharfmacher Stephen Bannon aufgeregt, der in Frankreich und Italien »die kleinen populistischen Bandenchefs ins­trumentalisiert«, was den Mann mit dem offenen Hemd »revoltiert« habe. Lévi – für seinen philosophischen Konterpart Alain Badiou der »Anführer jener mediengeilen Intellektuellen, die sich der Restauration verpflichtet haben« – »revoltiert« sich oft und gerne; sein ebenfalls schriftstellerisch tätiger Gastgeber Macron steht dem nicht nach. Das launige Buch, in dem er den »Faulen« und »Extremen« seines Landes, ach was, der ganzen Welt, den Kampf ansagt und die voll privatisierte Gesellschaft preist, nannte er »Revolution«. Der Bücherwurm nagt schwer an solcher Kost …

Der deutsche Abgesandte bei dem Dinner war Schriftsteller Peter Schneider. Mehr als dieser hätte Badiou zu sagen gehabt. Aber der Kommunist wäre in dieser Tafelrunde schon allein deshalb unvorstellbar, weil er keine offenen weißen Hemden, sondern Strickpullover trägt.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Die Weltweisen Wie arg muss es um den Neofeudalismus wohl schon bestellt sein, wenn der König von Wallstreets Gnaden nun schon Literaten und Philosophen um sich schart, um von diesen zu erfahren, wie das vom Plebs b...

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