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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Die Pimmelwitze waren auch mal besser

»Max und Moritz«: Antú Romero Nunes adaptiert am Berliner Ensemble Wilhelm Buschs antiautoritäre Bildergeschichte als biedere Nummernrevue
Von Jakob Hayner
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Da lacht der Hühnermagen: Max und Moritz, wie wir sie kennen

Die Geschichte von Max und Moritz dürfte allgemein bekannt sein: Zwei Kinder mit ausgeprägtem Hang zum Schabernack spielen den anerkannten Autoritäten eines kleinen Orts ein paar böse Streiche, woraufhin sie – »Rickeracke! Rickeracke! Macht die Mühle mit Geknacke« – gebacken, zerstückelt und an die Hühner verfüttert werden und im Dorf wieder Ruhe einkehrt. Der pädagogische Wert dieser Geschichte ist mindestens fragwürdig, auch wenn sie als Kritik der kleinbürgerlichen Zustände im Deutschland des 19. Jahrhunderts verstanden werden kann und wohl auch sollte. Für ihren Autor Wilhelm Busch war die Bildgeschichte ein großer Erfolg, es ist eines der populärsten Kinderbücher in deutscher Sprache. Die Bühnenadaption des Regisseurs Antú Romero Nunes versteht »Max und Moritz« allerdings als eine »Bösebubengeschichte für Erwachsene«, so lautet jedenfalls ihr Untertitel. Am 10. Mai hatte die Inszenierung bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere, am vergangenen Mittwoch wurde sie erstmals am Berliner Ensemble gezeigt.

Sie beginnt mit einem Knall: Konfetti fliegt durch die Luft, und dort stehen sie, Stefanie Reinsperger und Annika Meier als Max und Moritz, wie man sie kennt. Max mit schwarzem Haar und blauer Weste, Moritz mit rotem Schopf und grünem Hemd. Die Kostüme von Victoria Behr folgen deutlich der Vorlage. Reinsperger und Meier beginnen in einer Phantasiesprache zu plappern, die an frühe Zeichentrickfilme mit Donald Duck erinnert. Zu den Bewegungen auf der Bühne werden Geräusche produziert, auch das unterstreicht die Anleihen bei Comicstrip und Cartoon. Mittels Standbildern wird die Geschichte wieder in Einzelbilder zerteilt, während Sascha Nathan dazwischen in einem Dialektik Regieanweisungen gibt, den man aus mitteldeutschen Landen kennt. In der nächsten Szene müssen dann die sprachlichen Eigenheiten des Ruhrpotts für ein paar Lacher herhalten, während Nathan den Schneider Böck (Tilo Nest) bügelt. Der Lehrer Lämpel (Constanze Becker) lässt Max und Moritz anschließend zum Aufsagen antreten, als seien sie geistig minderbemittelt, bevor diese – unter anderem mit einer HipHop-Einlage – zurückschlagen. Man hat im Theater schon besser gelacht. Es wurden auch schon bessere Witze gemacht. Für die Darstellung von Glühwürmchen wird das Publikum animiert, die Handylichter anzuschalten. Auch ein paar weitere visuelle Effekte sind durchaus wirkungsvoll, an buntem Licht wird gerade zum Ende hin nicht gespart.

So hangelt sich der Abend von Einfall zu Einfall, von Nummer zu Nummer. Dafür liefert die Geschichte von Max und Moritz offenbar eine gute Folie, derer man sich bedienen kann, ohne den Stoff allzu wichtig nehmen zu müssen. Dass der Abend für Erwachsene sein soll, merkt man jedenfalls nicht an der Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung. Dafür gibt es eingangs ein paar Pimmelwitz. Es folgt Streich auf Streich, man weiß nicht, warum, die Regie offenbar auch nicht, so dass selbst die Darsteller in ihren hübschen Kostümen irgendwie fehl am Platz wirken. Und dass »Max und Moritz« eine traurige Geschichte ist, dass die Lausbuben wohl gerne noch etwas erlebt hätten, bevor sie der Dorf­ruhe geopfert werden – das hatte man auch schon vorher gewusst.

Nächste Aufführungen: 26. Mai, 1., 2., 15. und 16. Juni

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