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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Russland

Ein Milliardendesaster

1,2 Millionen Tonnen verschmutztes Öl in »Druschba«-Leitung. Es braucht Monate diese wieder funktionstüchtig zu machen
Von Reinhard Lauterbach
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Kontrolle ist besser: Mitarbeiter des russischen Lukoil-Konzerns prüft Qualität des geförderten Öls im Oktober 2018

Einen Monat nach Entdeckung der Verunreinigung des russischen Exporterdöls in der »Druschba«-Pipeline sind die Folgen weiter unabsehbar. Klar ist nur, dass der Transport des Rohstoffs über die in den siebziger Jahren gebaute Leitung noch über Monate nicht stattfinden kann. Am Dienstag erklärte der russische Energieminister Alexander Nowak, sein Land sei bereit, »frisches« und nicht mit organischen Chlorverbindungen belastetes Öl einzuspeisen. Das Problem ist aber, dass die Rohre noch mit dem verschmutztem Stoff gefüllt sind. Und niemand hat eine Idee, wie man den entsorgen könnte.

Verstopfte Pipeline

Die Nachrichtenagentur Reuters schätzte am Dienstag, dass insgesamt etwa 1,2 Millionen Tonnen derartig verunreinigten Öls in der Pipeline stecken, 400.000 Tonnen davon auf polnischem Gebiet. Ob Teilmengen davon bereits bis in deutsche Raffinerien gelangt sind, ist unklar. Die russische Seite dementiert dies. Allerdings meldete die russische Agentur RBK (rbc.ru ) ebenfalls am Dienstag, dass es vergangene Woche in der vom französischen Total-Konzern betriebenen Raffinerie Leuna (Sachsen-Anhalt), wo die Druschba-Pipeline endet, zu einem Störfall gekommen sei.

Die Agentur zitiert eine ungenannte Quelle aus der russischen Energiebranche mit der Aussage, in Leuna sei versucht worden, das verunreinigte Öl zu verarbeiten. Dabei sei die genutzte Anlage ausgefallen, und das Vorhaben, die Pipeline auf diese Weise leerzupumpen, spektakulär gescheitert. Eine Vorstellung von einem »Plan B« habe niemand. Die Situation sei ausweglos. Von seiten der Betreiberfirma gab es keine Kommentare. Die britische BBC berichtete allerdings, Total und der italienische Energiekonzern ENI hätten die Zahlungen für ihre Erdölimporte aus Russland im April gestoppt. Sie warteten auf verbindliche russische Zusagen von Schadenersatz.

Als zentrales Problem stellt sich heraus, dass niemand weiß, wo das verschmutzte Öl hinsoll. Freie Lagerkapazitäten gibt es in Zentraleuropa nicht, und nur für diesen einen Vorfall neue Tanks zu bauen, würde auch Monate dauern und sich langfristig nicht rentieren - auch wenn das mit den zur Förderung als Hilfsstoff verwendeten Chlorverbindungen belastete Öl dort sicherlich längere Zeit bis zur Bearbeitung verbleiben müsste. Denn wie die Deutsche Welle in der Branche erfuhr, müsste ein Teil verunreinigtes mit 20 Teilen unbelastetem Öl gemischt werden, um eine verarbeitungsfähige Charge zu erhalten. Wenn man durchrechnet, dass die »Druschba«-Leitung etwa 20 Prozent des russischen Ölexports nach Europa bewältigt und dieser – nach EU-Statistiken – 2018 etwa 200 Millionen Tonnen betrug, dann bedeutet dies, dass allein die Bereitstellung dieses Öls zur Verdünnung des verdorbenen Stoffs mehr als ein halbes Jahr dauern würde. Und weil die Beimischungen zu Korrosion in den Rohren führen, müsste anschließend die gesamte Leitung auf ihre Dichtigkeit geprüft werden, was sie für weitere Monate unbenutzbar machen würde.

Angesichts dieser Situation will Russland jetzt anscheinend das betroffene Öl auf Tanker pumpen und es dann an Abnehmer in Asien zu verkauf en. Das aber ist wohl schwieriger als gedacht. Denn im Moment ist nach Berichten aus dem einschlägigen Handel kaum jemand bereit, dieses Öl zu kaufen, selbst gegen Preisnachlässe zwischen 20 und 30 Prozent nicht. Im russischen Hafen Ust-Luga bei St. Petersburg dümpeln nach Medienberichten derzeit acht mit dem Zeug vollbeladene Tanker vor sich hin. Überdies seien dadurch, dass das verunreinigte Öl durch die Leitungen des Hafenterminals gepumpt worden sei, nun auch diese Installationen belastet.

Schuldfrage offen

Bei der Suche nach den Urhebern der Verschmutzung können die Behörden bisher offenbar keinen durchschlagenden Erfolg vorweisen. Einstweilen steht ein Geschäftsmann namens Roman Truschew unter Verdacht, dass er an einer seiner Einspeisestationen im Gebiet Samara an der Wolga das verunreinigte Öl einleiten ließ. In einem Interview mit der Deutschen Welle wies Truschew diesen Verdacht zurück. Erstens habe er alle seine Ölinteressen in Russland schon im vergangenen Jahr verkauft, und zweitens sei die Kapazität der von den Behörden als mutmaßlicher Ausgangspunkt der Verschmutzung benannten Anlage viel zu gering, als dass dort eine so große Menge besagten Öls hätte eingespeist werden können. Truschew leitete den Verdacht auf die große russische Ölfirma Tatneft, die Vorhaben in Tatarstan ausbeute und in ihrem Quartalsbericht für Anfang 2019 darüber berichtet hatte, dass sie mehrere hundert weitgehend erschöpfte Bohrlöcher »mit chemischen Mitteln reaktiviert« habe. Das würde insofern passen, als dass die organischen Chloride tatsächlich benutzt werden, um aus erschöpften Bohrlöchern noch das letzte Öl »herauszuquetschen«. Andererseits hatte Tatneft auch schon 2018 über derartige Maßnahmen berichtet, ohne dass eine solche Verschmutzung beobachtet worden wäre.

Bleibt die Frage nach eventueller Sabotage. An dieses Thema traut sich in der öffentlichen Diskussion bisher niemand heran. Denn es wäre in vielerlei Hinsicht brisant. Und selbst wenn man eine solche Verschwörung nachweisen könnte, würden die russischen Pipelinebetreiber selbst auch nicht unbelastet bleiben, da sie offenbar die Qualitätskontrolle des Öls nicht sehr ernstgenommen haben. So ist einstweilen nur eines sicher: Russland wird Milliarden verlieren – wegen entgangener Exporterlöse und durch Schadenersatzzahlungen.

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