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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 4 / Inland
»Zerstörung der CDU«

Aufregung in der Union

CDU blamiert sich mit Posse um Youtube-Video
Von Kristian Stemmler
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So einfach geht das: Youtuber Rezo

Nur wenige Tage vor der Wahl zum EU-Parlament ist die CDU komplett auf dem falschen Fuß erwischt worden. Schuld ist ein junger Mann mit blauen Haaren aus einer Welt, die vielen Menschen über 30 verschlossen ist: der Youtuber Rezo. Der 26jährige, dessen richtiger Name nicht bekannt ist, zeigte bisher auf seinen zwei Youtube-Kanälen mit immerhin mehr als zwei Millionen Abonnenten selbstproduzierte Comedy- und Musikvideos. Am Wochenende wagte er sich auf fremdes Terrain vor und sorgt seither für Aufregung im Konrad-Adenauer-Haus.

Am Sonnabend stellte Rezo ein 55minütiges Video mit dem Titel »Die Zerstörung der CDU« bei Youtube ein, das bis zum Donnerstag bereits mehr als fünf Millionen Aufrufe verzeichnete. In dem Film rechnet er, unterfüttert mit vielen Zahlen und Grafiken, mit der Union und der Regierungspolitik der letzten Jahre ab. Er gibt der Partei die Hauptschuld an der sozialen Spaltung, wirft ihr Untätigkeit etwa beim Klimaschutz vor. Das Ganze durchaus professionell, in einer auf das Zielpublikum zugeschnittenen, erfrischend direkten Sprache.

Das Video überrascht zumindest politisch interessierte kritische Köpfe nicht mit Neuigkeiten. Bemerkenswert ist aber, dass nach der Klimaschutzbewegung »Fridays for Future« hier erneut aus einer Ecke politischer Protest formuliert wird, aus der das nicht zu erwarten war. Und aufschlussreich ist auch, dass wie schon bei den Klimaprotesten die Reaktionen insbesondere konservativer Politiker und Medien hilflos und unkoordiniert erscheinen.

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer versuchte es mit Ironie. Sie habe sich gefragt, warum ihre Partei nicht auch für die »sieben ägyptischen Plagen« verantwortlich sei. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak tat das Video mit den Worten ab, er sei nicht bereit, »auf komplexe Fragen einfache Antworten zu geben«. Die Freunde von Welt zählten ihn dafür an: Er leiste damit der »Entfremdung von der Jugend« Vorschub.

Nebenbei leistete sich die CDU am Donnerstag eine peinliche Posse um ein »Antwortvideo«. Medien berichteten, die Parteichefin höchstpersönlich habe dafür den jüngsten CDU-Abgeordneten im Bundestag, Philipp Amthor, auserkoren. Beim Kurznachrichtendienst Twitter, wo Amthor wegen seines streberhaft-reaktionären Habitus eine beliebte Zielscheibe von Spott ist, wurde das hämisch kommentiert. Das Popcorn stehe schon bereit, war hier vielfach zu lesen. Doch aus dem Spaß wurde nichts. Ebenfalls gestern hieß es, der CDU-Parteivorstand habe die Veröffentlichung des fertig produzierten Videos verhindert. Bild sprach von einem »Rohrkrepierer« und einer »Kapitulation der CDU«.

Der Ausweg: Via Twitter lud Ziemiak Rezo zum Gespräch ein. »Lass uns miteinander reden. Wir machen das in der CDU seit 70 Jahren. Wir zerstören einander nicht, sondern wir hören einander zu«, schrieb der CDU-Generalsekretär. Und: »Philipp Amthor kommt auch.«

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