Gegründet 1947 Dienstag, 18. Juni 2019, Nr. 138
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.05.2019, Seite 16 / Sport
Basketball

Nur einer auf dem Feld

Der türkischstämmige NBA-Spieler Enes Kanter ist Anhänger der Gülen-Bewegung. In seinem Heimatland macht ihn das zum Staatsfeind
Von Rouven Ahl
RTS2B3XY.jpg
»Was für ein verkorkstes Land, angeführt vom Diktator Erdogan.« Enes Kanter mag klare Botschaften

Enes Kanter und seine Portland Trail Blazers sind in der Nacht zu Dienstag im Finale der Western Conference der US-amerikanischen Basketballiga NBA ausgeschieden. Dennoch ist die diesjährige Saison ein Erfolg für das Team aus dem Bundesstaat Oregon – seit 2000 ist man nicht mehr so weit gekommen. Vor den Playoffs hätten das nur wenige Experten den Blazers zugetraut, zumal einer der besten Spieler, Center Jusuf Nurkic, verletzungsbedingt nicht für die sogenannte Postseason zur Verfügung stand. An diesem Punkt kommt Kanter ins Spiel. Der 26jährige bekleidet dieselbe Position wie Nurkic und wurde Mitte Februar als dessen Ersatz verpflichtet. Zuvor entließen ihn die New York Knicks aus seinem laufenden Vertrag. Ein gleichwertiger Ersatz für den Schlüsselspieler schien er nicht zu sein.

Doch der türkischstämmige Kanter spielte groß auf – in einem Spiel gegen Denver gelangen ihm trotz einer Verletzung 18 Punkte und 15 Rebounds. Plötzlich ist er Leistungsträger. In der Türkei könnte man also durchaus stolz auf ihn sein. Doch der Spieler ist einer der prominentesten Kritiker von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Das verändert alles.

Anfang Mai, nach dem zweiten Spiel der Denver-Serie, wurde bekannt, dass der offizielle türkische NBA-Twitter-Kanal (»NBA Türkiye«) Kanters Punkte einfach aus dem Score­board gelöscht hatte. Leistungen von Regimegegnern sollen offensichtlich nicht auch noch mit Aufmerksamkeit honoriert werden. Eine klare Botschaft. Kanter verlieh seiner Wut darüber ebenfalls via Twitter Ausdruck: »Was für ein verkorkstes Land, angeführt vom türkischen Diktator Erdogan. Es war nur ein türkischer Spieler auf dem Feld, und der offizielle türkische Twitter-Kanal zensiert mich.« Die Liga sicherte ihm umgehend Unterstützung zu und beendete die Zusammenarbeit mit dem Dienstleister, der den Account betreute. Im türkischen Fernsehen werden nun keine Spiele der Blazers ausgestrahlt, obwohl Basketball in dem Land der beliebteste Sport nach Fußball ist.

Kanter ist Anhänger der Gülen-Bewegung, die von dem islamischen Geistlichen Fethullah Gülen angeführt wird. Sie wird von Erdogan weiterhin für die Anschläge in der Türkei im Sommer 2016 verantwortlich gemacht. Für Kanter hatte das Folgen: 2017 wurde ihm bei einer Kontrolle am Flughafen von Bukarest auf Anweisung der türkischen Botschaft der Pass abgenommen. Seit diesem Zeitpunkt ist der in Zürich geborene Spieler offiziell staatenlos, weshalb er auf Auslandsreisen verzichten muss. Außerhalb der USA fürchtet er um sein Leben: »Es besteht die Möglichkeit, dass ich da draußen getötet werde. Sie haben viele Spione«, schrieb er. Nur nach Kanada darf er mit einer Ausnahmegenehmigung, um dort Spiele gegen NBA-Mitglied Toronto Raptors zu bestreiten.

Kanters Unterstützung des verfemten Predigers hat auch zum Bruch mit seiner Familie geführt, wie er 2016 in einem öffentlichen Brief bekannte. Darin schrieb er: »Mein eigener Vater wollte, dass ich meinen Nachnamen ändere. Meine Mutter, die mir meine Leben geschenkt hat, hat mich verstoßen.« Den Brief unterzeichnete er mit »Enes (Kanter) Gülen«.

Ungeachtet dieser Widrigkeiten und des wahrscheinlichen Ausscheiden gegen die Warriors – sportlich läuft es für Kanter bei seinem neuen Team in Portland außerordentlich gut. Zwar hat er noch immer Schwächen in der Defensive, doch wirft er sich in jedes Duell unter dem Korb und reißt sein Team mit. Selbst einer seiner größten Kritiker, der Journalist Zach Lowe, bekannte neulich in seinem Podcast: »Im Fall Kanter muss ich wirklich zu Kreuze kriechen.« Lowe hatte Kanter aufgrund dessen defensiver Unzulänglichkeiten einst als in den Playoffs »nicht einsetzbar« bezeichnet. Seine sportlichen Kritiker hat Kanter überwunden. Bei seinem Duell mit Erdogan dürfte das um einiges schwieriger werden.

Mehr aus: Sport