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Aus: Ausgabe vom 22.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Geopolitisches Schachspiel

Chronik eines Überfalls (Teil 31), 22.5.1999: »Der Krieg wird in drei bis vier Wochen zu Ende sein.«
Von Rüdiger Göbel
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In erster Linie Marionettenarmee der NATO, in zweiter Linie bewaffneter Arm der albanischen Drogenmafia: Die kosovo-albanische UCK sucht Nachwuchs (Gnjilane im Kosovo, 17.6.1999)

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Tomislav Kresovic, Mitarbeiter im Institut für geopolitische Studien in Belgrad und Chefredakteur der Nachrichtenagentur Bina, wagt im jW-Interview vom 22. Mai 1999 die Prognose: »Dieser Krieg wird in drei bis vier Wochen zu Ende sein.« Die NATO habe in den zurückliegenden acht Wochen praktisch alle wichtigen Einrichtungen und Infrastruktur zerstört. Sie könne das in dieser Dimension nicht fortsetzen oder steigern, so mein Gesprächspartner. »Die NATO selbst steht unter dem Druck, dieser Situation ohne Gesichtsverlust zu entkommen. Daher wird es in absehbarer Zeit einen diplomatischen Durchbruch geben.« Zur großen Geopolitik führt Kresovic aus: »Russland steht gegenwärtig noch weit im Hintergrund. Jugoslawien aber ist einer der härtesten NATO-Gegner und muss daher unter Ausnutzung ethnischer Konflikte diszipliniert werden. Nach Bosnien-Herzegowina ist wahrscheinlich auch Mazedonien dabei, dem NATO-Pakt den Weg nach Osten zu öffnen. Praktisch alle Staaten des ehemaligen Warschauer Vertrages kommen nun unter den Einfluss der NATO. Dadurch wird Russland sehr verletzbar. In diesem großen Schachspiel der Macht ist Jugoslawien der Bauer. Geopolitisch soll Russland vom Balkan getrennt werden. Aber Jugoslawien hält derzeit den Korridor zu Russland offen.«

Die Rolle der kosovo-albanischen Gewaltseparatistentruppe UCK, die hierzulande selbst von manch verirrtem Linken als Befreiungsbewegung hofiert wird, ordnet Kresovic so ein: »Die UCK ist eine Marionettenarmee der NATO-Staaten. In erster Linie der USA. In zweiter Linie ist es eine bewaffnete Macht der albanischen Drogenmafia. Ein ähnliches Phänomen kennen wir aus Lateinamerika, wo die einzelnen Drogenbosse paramilitärische Verbände um sich scharen.«

***

Der italienische Philosoph und Marxist Domenico Losurdo spricht im Zusammenhang mit dem Krieg auf dem Balkan vom »zweiten großen Kolonialkrieg« nach der Auflösung der Sowjetunion und des sozialistischen Lagers. Dieser bilde einen Wendepunkt, »weil er von einer gewaltigen militärischen Koalition gegen einen souveränen Staat entfesselt worden ist, wobei diese Koalition ihr eigenes Statut verletzt, das nur Verteidigungsaktionen vorsieht«. Losurdo erinnert: »Während die Bombardierungen gegen Jugoslawien wüten, dürfen wir nicht vergessen, was im Nahen Osten vor sich geht. Der Irak, schon seit 1991 vom Krieg heimgesucht, wird weiterhin erbarmungslos gepeinigt. (…) Schrecklich sind vor allem die Auswirkungen des Embargos. (…) Heutzutage ist gerade das Embargo die Massenvernichtungswaffe im feinsten Sinne des Wortes. Statt dieser Tragödie ein Ende zu setzen, haben (US-Präsident William ›Bill‹, jW) Clinton und seine Komplizen eine weitere Tragödie von vielleicht noch katastrophaleren Ausmaßen hervorrufen wollen.« Der geopolitische Plan sei klar: »Nachdem sie den Persischen Golf in einen amerikanischen See verwandelt haben, wollen sich die Vereinigten Staaten jetzt die Kontrolle der Balkanhalbinsel sichern, indem sie das einzige Land extrem ›bestrafen‹, das in der Region nicht der NATO beigetreten ist und auch nicht den Antrag auf Beitritt gestellt hat.«

Nächster Teil am Wochenende: CIA soll UCK in Sabotage schulen. Bürgerrechtlerin Bohley will Waffen für Albaner

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