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Aus: Ausgabe vom 22.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Phantastik

Mehr ist immer drin

Bessere Welten und die Kämpfe für sie: Ein Diskussion mit Dietmar Dath in Frankfurt am Main über emanzipatorische Science-Fiction
Von Milan Nowak
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Erst, wenn wir es nicht mehr verstehen, sind wir frei: Eine tatsächliche Emanzipation der Frau bleibt fürs erste Science-Fiction (Feministischer Protest in Avilés, 2016)

Kann Science-Fiction Kapitalismus und Patriarchat in Frage stellen – oder ist sie einfach Unterhaltung? Warum gibt es scheinbar wenige Autorinnen – sind sie nur unbekannt? Zu diesen Fragen lud am Montag abend der Literatursalon »A Room of Our Own« ins Café Koz an der Goethe-Universität Frankfurt am Main ein. Eingeladen war der Autor Dietmar Dath (zuletzt »Der Schnitt durch die Sonne«, 2017). Da es um feministische Science-Fiction ging, wäre seiner Meinung nach Anja Kümmel (»V oder die Vierte Wand«, 2016) als Referentin geeigneter gewesen, so Dath. Er stellte sein Werk zurück und einige Autorinnen vor, insbesondere Joanna Russ.

Schon in ihrem Debüt »Picnic on Paradise« (1968) bemüht sich Russ um eine neue Sprache zur Kritik der gesellschaftlichen Verhältnissen, erläuterte Dath. Die Phönizierin Alyx wird in die Zukunft entführt, um eine Touristengruppe aus einer Kriegszone zu retten. Hierbei machen ihr die vom Luxus verwöhnten Begleiter zu schaffen. Alyx wird wegen ihrer Fähigkeiten gebraucht, aber soll den Normen der Auftraggeber entsprechen. In »The Female Man« (1975) entwirft Russ eine Utopie auf dem Planeten »Whileaway«, wo es Frauen möglich ist, ein freies Leben zu führen – und konfrontiert das mit den USA der 1960er. Russ’ »How to Suppress Women’s Writing« (1983) gestaltet Ausschlussmechanismen als sarkastische Ratgeberliteratur. Frauen würden durch Vorenthaltung von Schreibwerkzeug und Ignoranz am Schreiben gehindert. Bis in den 60er Jahren, als Autorinnen wie Russ und Pamela Zoline (»The Heat Death of the Universe«, 1967) prominent wurden, hatten weibliche Beiträge zur Science-Fiction einen schweren Stand. Aber auch später noch kämpften Frauen mit Benachteiligungen, so die Drehbuchautorin Leigh Brackett (»Star Wars Episode V: The Empire strikes back«, 1980).

Eine paradoxe Situation, wurde das Genre doch immerhin durch Mary Shelley (»Frankenstein«, 1818) gewissermaßen erfunden, wie Dath betonte. Phantastik, zu der Science-Fiction zählt, werde nicht passiv geglaubt wie Religion, sondern sei »willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit«. Das wissenschaftliche Durchspielen eines Gedankenexperiments erlaube es, mögliche Freiheiten der Menschen auf dem jeweiligen Stand der Unabhängigkeit von der Naturnot aufzuzeigen. Nicht zu allen Zeiten sei gleich viel machbar, zumeist jedoch mehr als gemacht werde, wie Dietmar Dath und Barbara Kirchner in »Der Implex« (2012) erläutern.

Diskutiert wurde im Anschluss an den Vortrag über den regelrechten Boom von Dystopien seit Ende des Realsozialismus. Dieses habe bei vielen zu der pessimistischen Überzeugung geführt, »etwas anderes als der Kapitalismus geht wohl nicht«. Die Frage von Utopie oder Dystopie ist für Dath aber nicht entscheidend: Es gebe Utopien, die eine perfekte Welt entwürfen und den Leser durch Aussparung der nötigen Kämpfe entmündigten, aber auch affirmative Dystopien nach dem Prinzip: »Zum Glück leben wir hier und nicht dort!« Beides seien Techniken der Weltenkonstruktion, nicht Moralfabriken.

Wie aber muss emanzipatorische Science-Fiction verfahren? Laut Dath brauche sie Zukunftsbewusstsein, müsse aber auch historische Erfahrungen nutzen, um Variablen und Invarianten gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zu reflektieren. Vor allem müsse sie jene erreichen, die für eine bessere Welt kämpfen – und nicht nur in Unis oder im stillen Kämmerlein gelesen werden. Erfolgreich sei sie letztlich erst dann, wenn sie sich aufhebe: »Do not get glum when You are no longer understood (…). Rejoice, little book! For on that day, we will be free.« (»Sei nicht niedergeschlagen, wenn du nicht mehr verstanden wirst (…). Freue dich, kleines Buch! Denn an diesem Tag werden wir frei sein.« Joanna Russ, »Female Man«).

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