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Aus: Ausgabe vom 22.05.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Telekommunikation

Risiken und Nebenwirkungen

Trump gibt Huawei eine Gnadenfrist. US-Anbieter durch Boykott des chinesischen Unternehmens bedroht
Von Jörg Kronauer
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Seit dem Ausschluss von Huawei aus dem US-Markt sitzen diverse kleine Mobilfunkanbieter auf dem Trockenen

Regierungskunst im Washington des 21. Jahrhunderts: Kaum hat der US-Präsident, den grimmigen Weltenherrscher mimend, einen umfassenden Boykott gegen den chinesischen Telekomkonzern Huawei verhängt, um diesen zu ruinieren und Chinas Aufstieg zu stoppen, da fällt irgendwem in seiner Regierung auf, dass der Chef die Risiken und Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel nicht gelesen hat. Seit dem Ausschluss von Huawei aus dem US-Markt sitzen diverse kleine ländliche Mobilfunkanbieter auf dem Trockenen: Sie konnten ihre Nischen, die für die Branchenriesen nicht rentabel sind, nur bedienen, da sie die kostengünstige Technologie von Huawei zur Verfügung hatten. Ohne den chinesischen Konzern droht in manchen Gegenden sogar das Notrufnetz zu kollabieren. Also hat US-Handelsminister Wilbur Ross am Montag abend Huawei einen partiellen Aufschub gewährt: Bedient das Unternehmen aus Shenzhen die ländlichen Anbieter noch für 90 Tage, um ihnen wenigstens Zeit für die Suche nach Alternativen zu geben, dann wird Google ebenso lang Huawei-Smartphones aktualisieren. Das war der Stand jedenfalls bis Redaktionsschluss. Die Dinge ändern sich im Weißen Haus derzeit ja schnell.

Die Folgen des Huawei-Totalboykotts, den US-Kommentatoren immer wieder als »nukleare Option« gegen China, als ökonomische »Atomrakete« oder ähnliches bezeichnen, lassen sich nur schwer abschätzen. In aller Munde ist seit Montag früh, dass bereits verkaufte Huawei-Smartphones in Zukunft das Google-Betriebssystem Android nur noch eingeschränkt nutzen dürfen, Neuentwicklungen wohl überhaupt nicht mehr. Der Absatz des Konzerns auf den westlichen Märkten dürfte dadurch vermutlich stocken, weil wohl die wenigsten Käufer auf ihre gewohnten Apps verzichten wollen. Der in China hingegen, der zuletzt rund die Hälfte des Gesamtabsatzes ausmachte, könnte sogar weiter steigen – durch Solidaritätskäufe und weil immer weniger Chinesen der Gedanke gefällt, ihr Geld zu Apple und anderen US-Konzernen zu tragen, deren Regierung ihr Land wirtschaftlich ruinieren will.

Mittel- bis langfristig stellt sich dabei allerdings die Frage, ob der Huawei-Boykott nicht die Voraussetzungen für den Durchbruch eines neuen Betriebssystems schafft. Dass neben Android (Google) bislang nur iOS (Apple) bestehen kann, ist vielen Herstellern ein Dorn im Auge. Der US-Wirtschaftskrieg gegen China bringt nun eine neue Situation: Chinesische Konzerne (Huawei, Xiaomi, Vivo und andere), die inzwischen die Hälfte aller Android-Smartphones stellen, sind prinzipiell durchweg bedroht. Motiv und Potential für ein neues Betriebssystem sind da. Kommt es zustande, ist Google die Hälfte seines Android-Marktes los.

Entscheidend ist allerdings wohl, ob es Huawei gelingt, die Halbleiter und anderen Bauteile zu ersetzen, die der Konzern bislang aus den Vereinigten Staaten bezieht. Davon hängt nicht nur die Smartphoneproduktion ab, sondern vor allem der Aufbau der 5G-Netze, der längst im Gange ist – noch nicht wirklich in Deutschland, das sich mit der Lizenzversteigerung Zeit lässt, aber beispielsweise in Großbritannien, wo Vodafone am 3. Juli in sieben Großstädten erste Anlagen mit Huawei-Technologie in Betrieb nehmen will. Vor allem aber auch in Südostasien, wo etwa auf den Philippinen im Juni ein 5G-Pilotprojekt startet. Dank Huawei sind dort Länder, die im alten Europa gern belächelt werden, bei 5G ganz vorn dabei. Huawei-Gründer Ren Zhengfei hat jetzt bestätigt, dass es bei der Auslieferung von 5G keine Verzögerung geben soll. Zum einen hat der Konzern wohl Halbleiter und Bauteile in großem Umfang gelagert; Beobachter sprechen davon, dass dies die Produktion ein Jahr lang sichert. Ren erklärte nun außerdem: »Wir können die gleichen Chips bauen wie US-Anbieter.« Trifft dies zu, dann dürfte Huawei Trumps »nukleare Option« relativ unbeschadet überstehen.

Tatsächlich müssten dann die Vereinigten Staaten um so mehr fürchten, dass der Schuss der Trump-Administration nach hinten losgeht. Vielen im US-Establishment dämmert längst, dass der Boykott unangenehme Folgen auch für den Boykotteur haben kann. Das Mindeste sind Absatzeinbrüche bei Chipherstellern, die bislang Huawei belieferten; einige von ihnen, Qualcomm oder Intel beispielsweise, stürzten nach Bekanntgabe des Boykotts an der Börse ab. Davon abgesehen wird Huawei seine eigenen Fähigkeiten beschleunigt ausbauen und damit künftig in der Lage sein, auf neuen Feldern mit US-Konzernen zu konkurrieren. Bereits im Oktober hatte der Konzern etwa bekanntgegeben, neue AI-Chips (AI: Artificial Intelligence, Künstliche Intelligenz) entwickelt zu haben. Der aktuelle Marktführer bei AI-Chips, die US-Firma Nvidia, hält laut Branchenexperten aktuell einen Anteil von gut 75 Prozent. Macht Huawei, durch den Boykott unter Druck gesetzt, Nvidia Konkurrenz, dann ist dessen Marktführerschaft bedroht.

Und dann wären da natürlich noch Beijings Optionen, politisch zurückzuschlagen. Immer wieder diskutiert wird die Möglichkeit, China könne seine US-Staatsanleihen abstoßen, deren Wert sich auf rund 1,1 Billionen US-Dollar beläuft. Das dürfte in der Finanzbranche zu schweren Erschütterungen führen und Washington echte Probleme bereiten. Allerdings könnten auch chinesische Assets in den Vereinigten Staaten Schaden nehmen. Nicht zuletzt kann man die Anleihen nur einmal abstoßen; danach wäre Beijing das Drohpotential, das mit deren Besitz verbunden ist, los.

Viel schwerer wiegt, worauf Chinas Präsident Xi Jinping am Montag mit einer Reise nach Ganzhou in der Provinz Jiangxi implizit hingewiesen hat: China fördert aktuell mehr als 90 Prozent der weltweit benötigten seltenen Erden. Dies sind Rohstoffe, ohne die man keine Halbleiter, keine Smartphones und übrigens auch keine Hightechwaffen bauen kann. Die USA besitzen Lagerstätten, fördern sie allerdings aktuell nicht, weil die Volksrepublik billiger liefert. Bis der Förderprozess in Gang kommt, können laut Angaben von Experten Jahre vergehen. Xi besuchte in Ganzhou das Unternehmen JL Mag, einen der bedeutendsten Förderer seltener Erden. Auch Trump sollte verstanden haben: China steht im Hightechkrieg nicht mit leeren Händen da.

»Digitaler Eiserner Vorhang«

»Decoupling« (Entkopplung): Das ist in US-Thinktanks mit Blick auf den Wirtschaftskrieg gegen China das Schlagwort der Stunde. Es bezeichnet die mögliche weitreichende Trennung von Internet und Telekommunikation in einen von den USA und einen von China geführten Bereich. Was geschieht, wenn die Trump-Administration die US-Hightechindustrie dazu zwingt, alle Verbindungen zu Huawei zu kappen? Sofern das chinesische Unternehmen nicht kollabiert, spaltet das den globalen Online- und Telekommarkt in zwei Hälften, die jeweils nicht nur verschiedene Anwendungen nutzen – Whats-App (Westen) versus We-Chat (Osten) etwa –, sondern die auch separate Industrien, letztlich vielleicht sogar unterschiedliche Standards haben. Nach Vollzug des »Decoupling« wäre die Welt in zwei Technologieblöcke geteilt. »Digital Iron Curtain« (Digitaler Eiserner Vorhang): Das ist inzwischen ein zweites Modeschlagwort im US-Establishment.

Und dann? Nun, in einer gespaltenen Welt ist letztlich der stärker, wer die größeren und kräftigeren Bataillone hinter sich scharen kann. Washington und Beijing müssen dazu, so hat es kürzlich ein Mitarbeiter des libertären Thinktanks Cato Institute aus Washington erklärt, um »die Loyalität des Rests der Welt« kämpfen, also möglichst viele Länder »mit Zuckerbrot und Peitsche« veranlassen, sich auf ihre Seite zu schlagen, und das heißt zur Zeit ganz konkret: mit Huawei zu kooperieren oder den Konzern auszusperren. Beim Sammeln der Bataillone muss man freilich berücksichtigen, dass die globalen Kräfteverhältnisse sich stark verschieben, dass die USA und Europa ökonomisch im Vergleich zu den Schwellenländern, besonders gegenüber denjenigen Ost-, Süd- und Südostasiens, rasch an Gewicht verlieren. Deshalb sind sowohl Washington als auch Beijing zum Beispiel so stark am Aufbau der 5G-Netze in Südostasien und in Indien interessiert. Die Schwellenländer teilen dabei ein wichtiges Interesse mit China: Sie wollen die Fesseln sprengen, die einst die Kolonialmächte um sie legten und die sie bislang am Aufstieg hinderten. (jk)

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