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Waldbaden

Von Helmut Höge
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Wo steckt Aragorn? Unbekannte auf Waldgang

Für die Schriftstellerin Thea Dorn wurzeln die Gedanken Ernst Jüngers aus »Der Waldgang« (1951) im Mythos des deutschen Waldes – er habe darin die »radikalste Verknüpfung von Wald und Freiheit« in der deutschen Literatur entworfen. Das ist zuviel des Guten: Der Offiziersliterat wehrte damit bloß die Amerikanisierung der BRD ab, indem er auf einem weiteren essayistischen Holzweg verschwand. Er lebte in einem oberschwäbischen Forsthaus. Der mit ihm geistig verwandte Philosoph Martin Heidegger lebte im Schwarzwald und veröffentlichte 1949 einen Aufsatz mit dem Titel »Der Feldweg«, in bzw. auf dem er einen ganz ähnlichen Gedanken fasste: »Die Gefahr droht, dass, was einmal Heimat hieß, sich auflöst und verfällt.« In den Zwanziger Jahren bekam er das Angebot, in Japan zu lehren. Er entschied sich jedoch, in Deutschland zu bleiben, weil er hier als einer der »geistigen Führer« gebraucht werde. Immerhin beschäftigte er sich dann mit japanischer Poesie und kommentierte Akira Kurosawas Film »Rashomon« (Das Lustwäldchen, 1950).

Umgekehrt hat sich die in Bayern lebende japanische Kulturanthropologin Miki Sakamoto mit dem deutschen Wald beschäftigt, indem sie eine ganze Serie von »Waldgängen« unternahm, die sie nun unter dem Titel »Eintauchen in den Wald« (Hanserblau) veröffentlichte. Ihr Eintauchen ist eine »nach außen gerichtete Meditation«, die aus Japan stammt und dort »Shinrinyoku« (wörtlich: »Waldbaden«) genannt wird. Die Autorin lebt auf einem Hof nahe Altötting, bei ihren fast täglichen Spaziergängen kann sie zwischen verschiedenen Wäldern wählen: »Es gibt Fichtenhochwald, Buchenhochwald und Mischwald im Staatsforst und in Privatwäldern. Hinzu kommen wildwüchsige Hang- und Schluchtwälder und die Auwälder am Fluss« (der Inn). Sie werden unterschiedlich genutzt, ihr dienen sie zum Wiederfinden eines Gleichgewichts zwischen Körper und Geist oder Bewusstsein. Das ist das Meditative an ihren Waldgängen, eine immer genauere Wahrnehmung der Umgebung über die Jahreszeiten hinweg. Im Wald lassen sich Zeit und Raum nicht voneinander trennen. Miki Sakamotos Buch ist voll von solchen Wahrnehmungen. Sie zeugen von einem großen botanischen und zoologischen Wissen. Erfreulich ist auch ihre sehr schöne Erzählweise, ein Beispiel: »Eigentlich hatte ich mich nur erfreuen wollen an den ersten Kuckucksrufen. Aber dann kam doch das Wissen um sein Wesen hinzu und erzwang das Nachdenken. Im Weiterdenken finde ich das Gleichgewicht zwischen Hörgenuss und emotionaler Anteilnahme am Schicksal der kleinen Wirtsvögel«.

Zwischendurch denkt die Autorin auch immer wieder über die menschlichen Nutzer des Waldes nach: »Die freie Zugänglichkeit der Wälder in Deutschland ist etwas Großartiges. Sie bedeutet aber, dass höchst unterschiedliche Lebensstile und Vorstellungen von Nutzung und Erholung in der Natur – etwa von Förstern, Jägern und Radfahrern – mitunter ganz heftig aufeinanderprallen.« Nicht zu vergessen sind die völlig auf sich bezogenen Jogger und die mit riesigen lauten Geräten ausgerüsteten Waldarbeiter der Holzkonzerne, die dazu noch überflüssigerweise die blühenden Ränder der Waldwege abmähen. Einerseits schätzt Miki Sakamoto es sehr, in Deutschland »als Individuum zu leben«, andererseits lassen die nicht zu vereinbarenden Waldnutzungen sie »manchmal am Individualismus, wie er in Europa herrscht, doch ein wenig zweifeln. Aus diesen Konflikten heraus verstehe ich, warum der Waldgang der Japaner, ihr Shinrinyoku, etwas anderes ist als seine Übertragung auf die europäischen Verhältnisse. Am liebsten hätte ich natürlich das Beste von beidem. Doch das ist ein unrealistischer Wunschtraum.« Obwohl Shinrinyoku »gesund ist und der Gesellschaft nützt«.

Immerhin rückt der Wald immer mehr in die allgemeine Wahrnehmung. Veränderungen in der Forstwirtschaft und -wissenschaft machen sich bemerkbar, so wird Totholz nicht mehr komplett entsorgt, es werden Mischwälder angepflanzt und Biber, Füchse und Wölfe etc. häufiger leben gelassen. Es mehren sich auch die Bücher über den Wald. Gerade erschien Richard Powers’ »Die Wurzeln des Lebens«, das davon handelt »wie man sich durch die Schönheit der Wälder radikalisiert«. Sehr erfolgreich war Peter Wohllebens »Gebrauchsanweisung für den Wald« (2017).

Anweisungen liegen Miki Sakamoto fern. Zum Shinrinyoku gehört, »die Welt der Menschenstimmen« auszublenden – sie stören. Über den deutschen Wald schreibt sie am Ende: »Zu sehr wird überall an ihm herumgewirtschaftet.« Und fragt sich: »Vielleicht passe ich mit meiner japanischen Art gar nicht so gut in die deutschen Wälder.«

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