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Aus: Ausgabe vom 21.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Und dann sind sie fort

Mehr Abgrund, bitte: Isabelle Huppert wirkt als Serienkillerin »Greta« leicht unterfordert
Von Hannes Klug
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Ungetrübte Oberfläche: Isabelle Huppert räumt auf

Eine sanfte, perlende Klaviermelodie zieht sich als unheilvolles musikalisches Thema durch diesen Film: Wenn die reizende ältere Dame Greta Hedig (Isabelle Huppert) sich ans Klavier setzt oder die Nadel auf die Schallplatte herabsenkt, dann wissen wir, dass das wenig Gutes bedeutet. Im Laufe des Films entpuppt sich die gastfreundliche und allenfalls etwas zerstreute Witwe mit dem leuchtend roten Lippenstift als ebenso obsessive wie schöngeistige Serienmörderin. So kommt der »Liebestraum No. 3« von Franz Liszt hier mit kontrapunktischer Finesse zum Einsatz: als unschuldiger Soundtrack für sadistische Tötungsszenarien.

Der irische Regisseur Neil Jordan, der mit Filmen wie »Mona Lisa« (1986) oder »The Crying Game« (1992) bekannt wurde, ist inzwischen zum Altmeister gereift. Sein neuer Film »Greta« ist ein Psychothriller, der um die Leerstelle eines in Opulenz gescheiterten Lebens kreist: Die Menschen, mit denen Greta das ihre geteilt hat, gibt es nicht mehr. »Sie sind mit dir, und dann sind sie fort – nichts als ein Traum, eine Erinnerung«, sagt sie versonnen beim ersten Zusammentreffen mit der jungen New Yorker Kellnerin Frances McCullen (Chloë Grace Moretz) in ihrer Wohnung. Frances hat Gretas Handtasche in der U-Bahn gefunden, bringt sie ihr nach Hause und hat damit ihr Schicksal besiegelt. Gretas Strategie ist die einer fleischfressenden Pflanze, die ihre Opfer anlockt und ihnen noch eine leckere Mahlzeit serviert, bevor die Falle zuschnappt. Es ist die gutmütige Grundehrlichkeit von Frances, die sie prädestiniert, und die Greta ausnutzt. Dumm nur, dass Frances, als sie die Tischkerzen sucht, die falsche Schranktür öffnet und plötzlich auf eine ganze Reihe identisch präparierter Handtaschen blickt, die schon als Köder für neue Opfer bereitstehen.

Es ist ein wenig schade, dass der Film recht früh die Ebenen des Andeutens und der Doppelbödigkeit verlässt und fortan mit eindeutigen Bedrohungsszenarien operiert: Greta, von Frances düpiert, wird zur skrupellosen Stalkerin, schickt ihr ununterbrochen Nachrichten, verfolgt und drangsaliert sie sogar bei der Arbeit im Restaurant. Frances wiederum, deren Mutter vor kurzem an Krebs verstorben ist, scheint ebenfalls nicht von ihrer Verfolgerin lassen zu können, denn jedes Mal, wenn sie es schafft, sie loszuwerden, macht sie doch wieder einen Schritt auf sie zu und befördert so ihr eigenes Verhängnis – ein etwas verlegener dramaturgischer Kunstgriff, um die Handlung am Laufen zu halten.

Dabei wäre Isabelle Huppert in ihrer Rolle als Psychopathin sicher deutlich mehr an Vieldeutigkeit zuzumuten gewesen als die eher schlichten Konventionen des Serienmördergenres. Meist präsentiert sie eine süffisante Maske aus Mitleid und Unschuld, eine ungetrübte Oberfläche, die jedoch immer wieder aufreißt, wenn Greta die Beherrschung verliert. Wie Liszts »Liebestraum« zum Tötungsdelikt, so verhält sich aber offenbar auch Manhattan inzwischen zum großen globalen Durcheinander, nämlich als Gegensatz. Hier trifft man sich zufällig in der U-Bahn und läuft sich auch mal an der einen oder anderen Straßenkreuzung über den Weg, ganz so, als wäre dieser hübsche, altvertraute Stadtbezirk inzwischen kaum mehr als ein beschauliches Dorf, in dem – okay – ein paar Straßenlaternen kaputt sind.

»Greta«, Regie: Neil Jordan, USA/Irland 2018, 98 min., bereits angelaufen

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