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Aus: Ausgabe vom 21.05.2019, Seite 7 / Ausland
Kolumbien

Armee gegen Zivilisten

US-Reporter deckt neue Taktik der kolumbianischen Streitkräfte auf. Soldaten und Offiziere unter Erfolgszwang. Unschuldige akut gefährdet
Von Julieta Daza
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Ein Polizeioffizier untersucht am 19. Februar bei Cúcuta einen mutmaßlichen Schmuggler

Nicholas Casey hat Kolumbien verlassen. Medienberichten zufolge begründete der Reporter der New York Times diesen Schritt am Wochenende mit Sicherheitsbedenken. Am Samstag hatte er den zweiten Artikel einer Serie veröffentlicht, in der er ohne Namensnennung hochrangige Offiziere und aus Dokumenten der kolumbianischen Armee zitiert. Danach haben die Befehlshaber von ihren Untergebenen verlangt, bei ihren Einsätzen bessere Ergebnisse vorzuweisen. Konkret: Die Zahl getöteter und festgenommener Gegner müsse sich verdoppeln. Die Einsätze sollen dabei auch in Gang gesetzt werden, wenn nur zu 60 bis 70 Prozent gesichert sei, dass es sich bei der Gegenseite wirklich um illegale bewaffnete Gruppen handelt, etwa Paramilitärs, Guerilleros oder Drogenbanden. Bisher musste zu 85 Prozent ausgeschlossen werden können, dass Zivilisten zu Schaden kommen. Außerdem sollen Einheiten, die zu wenige Kampfeinsätze nachweisen können, bestraft werden. Militärs dagegen, die die höchste Zahl getöteter Feinde melden, winken Belohnungen, zum Beispiel mehr Urlaubstage. Es wird auch erlaubt, sich mit illegalen Gruppen zu verbünden, wenn dies für den Kampf gegen andere Gegner nötig ist.

Letzteres bezieht sich auf die Zusammenarbeit zwischen der Armee und paramilitärischen Gruppen. Schon seit Jahrzehnten arbeiten die regulären Einheiten und die ultrarechten Todesschwadronen bei der Aufstandsbekämpfung zusammen. Auch die von der New York Times befragten Offiziere bestätigten, dass die nun wieder eingeführte Taktik der schon in den 2000er Jahren und vor dem Friedensabkommen angewandten Linie entspricht. Damals waren Tausende Zivilisten ermordet und danach von den Soldaten in angebliche Guerilla-Uniformen gesteckt worden, um sie als getötete Rebellen darzustellen. So wollten sie die Forderungen ihrer Befehlshaber erfüllen und für ihre »Arbeit« belohnt werden. Der Skandal um diese als »Falsos Positivos« bekannte Praxis zog in Kolumbien weite Kreise und führte zu Verhaftungen und zur Verurteilung von mindestens 1.600 Soldaten und Offizieren. Nach UN-Schätzungen fielen den Massakern rund 5.000 Menschen zum Opfer. Die meisten waren Zivilisten, vor allem Bauern.

Nachdem am Samstag der zweite Artikel Caseys erschienen war, veröffentlichte die Abgeordnete María Fernanda Cabal von der ultrarechten Partei »Centro Democrático« des früheren Staatschefs Álvaro Uribe Vélez via Twitter zwei Fotos des Journalisten während einer Arbeitsreise und schrieb: »Das ist der ›Journalist‹ Nicholas Casey, der 2016 mit den FARC auf einer Tour im Regenwald war. Wie viel haben sie ihm für diese Reportage bezahlt? Und jetzt für den Artikel gegen die kolumbianische Armee?« Wegen solcher und ähnlicher Äußerungen entschied sich Casey, das Land zu verlassen. Der kolumbianischen Zeitung El Espectador schrieb er, dass die von Cabal und anderen Politikern geäußerten Beschuldigungen falsch seien. Angesichts der hohen Zahl in Kolumbien ermordeter Journalisten fasse er diese jedoch als Drohung auf. Auch seine Redaktion stellte sich hinter den Reporter. In einer Antwort an Cabal erklärte sie, die New York Times ergreife nirgendwo auf der Welt Partei, sondern informiere präzise über die Vorgänge. In Kolumbien habe man schon oft hart über die FARC-Guerilla und andere Organisationen geschrieben. In diesem Fall habe man nur über den Inhalt von Dokumenten und Äußerungen von Offizieren der kolumbianischen Armee berichtet.

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