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Aus: Ausgabe vom 21.05.2019, Seite 4 / Inland
Halim Dener

Justiz gegen Jugendzentrum

Bielefeld: Polizei will Entfernung eines 23 Jahre alten Graf­fi­to durchsetzen
Von Volker Braun
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Eingangsbereich des AJZ Bielefeld

Wer das Arbeiterjugendzentrum (AJZ) in Bielefeld an der Heeper Straße kennt, der kennt auch das große Graf­fi­to, das auf dem Rolladen des AJZ zu sehen ist. Seit 23 Jahren wurde es nicht übermalt; es erinnert an den 16jährigen Jugendlichen Halim Dener, der in der Nacht zum 30. Juni 1994 von einem zivilen SEK-Polizisten in Hannover beim Plakatieren beobachtet und von hinten erschossen wurde.

Bielefelds Oberstaatsanwalt Udo Vennewald ließ dem Vorstand des Jugendzentrums im April einen Strafbefehl zukommen – in Höhe von 3.000 Euro. Als Grund wird angegeben, dass das AJZ der Handlungsanweisung der Bielefelder Polizei nicht folgte, das Graf­fi­to freiwillig zu übermalen. Vennewald erklärte, dass das Graf­fi­to nach neuester Beschlusslage des Bundesinnenministeriums einen Verstoß gegen das Vereinsgesetz darstelle. Der Erlass, der vorsieht, Abbildungen mit PKK-Bezug im öffentlichen Raum zu unterdrücken, wurde noch vom Exinnenminister Thomas de Maizière herausgegeben.

Halim Deners Tod jährt sich im Juni zum 25. Mal. Das Graf­fi­to mit seinem Gesicht ist ein Denkmal geworden. Die Bielefelder Polizei behauptet nun, einen »Beschuldigten« identifiziert zu haben, der das Graf­fi­to gesprüht hat. Offensichtlich will sie mit diesen Drohungen die Leute um das AJZ einschüchtern. Denn der Polizei ist mit Sicherheit bekannt, dass der Sprayer vor vielen Jahren verstarb. Er hat unter das Porträt von Halim Dener geschrieben: »Ich hoffe, daß ich nie von den Bullen beim Sprühen erschossen werde.« Er war ein junger Mann, kam aus Hamburg und hieß Eric.

Die künstlerisch bedeutsame Arbeit in Bielefeld ist auch so etwas wie sein Vermächtnis. Der Vorstand des AJZ hat angekündigt, sich juristisch zur Wehr zu setzen und zugleich um Solidarität gebeten.

Es gibt die Idee, Erics Kunstwerk zu restaurieren und einen Antrag bei der Denkmalschutzbehörde zu stellen, um es in die Liste der Kunstdenkmäler der Stadt aufnehmen zu lassen. Und es gibt die Möglichkeit, am 6. Juli um 14 Uhr auf dem Ernst- August-Platz in Hannover an einer bundesweiten Gedenkdemonstration für Halim Dener teilzunehmen.