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Aus: Ausgabe vom 21.05.2019, Seite 2 / Inland
Risiken der E-Mobilität

»Nicht nur Blinde und Sehbehinderte gefährdet«

Nahverkehr in Großstädten längst nicht vollständig barrierefrei. Elektrofahrzeuge müssen hörbar sein. Ein Gespräch mit Manfred Scharbach
Interview: Oliver Rast
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Leise unterwegs: E-Roller sind kaum zu hören und erhöhen dadurch das Unfallrisiko

Der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) hat jüngst im Rahmen einer bundesweiten Aktion darauf aufmerksam gemacht, dass Elektrofahrzeuge hörbar sein müssen. Worin besteht die Gefahr?

Dass die lauten und umweltbelastenden Benziner durch elektrisch betriebene Fahrzeuge abgelöst werden sollen, ist gut. Denn wir alle wünschen uns saubere Luft und weniger Lärmbelastung. Doch diese sehr leisen Elektrofahrzeuge stellen für Fußgänger und Radfahrer eine erhöhte Unfallgefahr dar. Insbesondere blinde und sehbehinderte Menschen sind im Verkehr dringend auf die Wahrnehmung von Fahrzeuggeräuschen angewiesen.

Welche Lösung schlagen Sie vor?

Unter dem Motto »Elektrisch fahren tut hörbar gut!« weist der ABSV gemeinsam mit seinem Dachverband DBSV darauf hin, dass es wichtig ist, Elektrofahrzeuge sofort mit einem künstlichen Warngeräusch – dem Acoustic Vehicle Alerting System, AVAS – auszurüsten und nicht zu warten, bis dieses für alle erstmals zugelassenen Fahrzeuge ab 2021 gesetzlich vorgeschrieben ist.

Welche Chancen hat die Umsetzung Ihrer Forderung nach einem sofortigen AVAS?

Dass ein verpflichtendes Warngeräusch kommt, ist ja bereits gesetzlich geregelt. Allerdings werden alle Elektrofahrzeuge, die bis zur gesetzlichen Verpflichtung ohne diese Technologie zugelassen werden, dauerhaft gefährlich bleiben. Uns geht es deshalb um ein AVAS jetzt! Wir möchten möglichst viele Autofahrer und Fuhrparkbetreiber hinsichtlich der leisen Gefahr sensibilisieren. Dabei setzen wir voraus, dass jeder Fahrer ein Interesse an größtmöglicher Sicherheit für sich selbst, aber auch für andere Verkehrsteilnehmer hat. Die Möglichkeit, ein AVAS als Sonderausstattung gleich beim Kauf des Fahrzeuges zu berücksichtigen, ist leider vielen gar nicht bekannt.

Dazu werben wir bei verschiedenen Verbänden und Organisationen um Unterstützung. Denn gefährdet sind nicht nur blinde und sehbehinderte Menschen, sondern auch Kinder, Fahrradfahrer, ältere und unaufmerksame Verkehrsteilnehmer. Wir werden zudem die Öffentlichkeit fortlaufend und regelmäßig informieren. Außerdem kontaktieren wir Politiker und Unternehmen auf direktem Weg.

Welchen Gefahren sind blinde und sehbehinderte Menschen im Straßenverkehr, insbesondere in Großstädten, grundsätzlich ausgesetzt?

Blinde und sehbehinderte Menschen nutzen ja naturgemäß am ehesten den Gehweg. Der ist aber längst kein Raum mehr, den man gefahrlos nutzen kann. Wir weisen regelmäßig auf Hindernisse hin, wie sperrig abgestellte Fahrräder oder die Tische und Stühle von Straßencafés. Durch Leihfahrräder und demnächst auch E-Roller, die kreuz und quer auf den Gehwegen abgestellt werden, steigt die Unfallgefahr drastisch an.

Dass E-Roller und andere Elektrokleinstfahrzeuge nicht auch noch auf dem Gehweg fahren dürfen, konnte in letzter Minute durch den Protest blinder und sehbehinderter Menschen, weiterer Verbände und Organisationen sowie von Verkehrs- und Versicherungsexperten verhindert werden.

Mit welchem Ansatz streiten Sie für mehr Verkehrssicherheit für Blinde und Sehbehinderte?

In unseren Schulungen zum Thema Orientierung und Mobilität vermitteln wir blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen, sich mit Hilfe des weißen Langstockes in einer Großstadt zu bewegen. Auf Mängel bei der Barrierefreiheit weisen wir regelmäßig hin – bei Begehungen sowie in Arbeitskreisen und Behindertenbeiräten des Landes Berlin und der Bezirke.

Von der Stadt Berlin müssen die Voraussetzungen für die sichere Teilnahme am Straßenverkehr für alle Menschen geschaffen werden – egal, ob mit oder ohne Mobilitätseinschränkungen. Der Countdown läuft – bis Ende 2021 muss der öffentliche Nahverkehr barrierefrei sein.

Wie sieht insgesamt ein verkehrspolitisches Inklusionskonzept aus der Sicht des ABSV aus?

Das ist eigentlich ganz einfach: Blinde sehbehinderte Menschen müssen die Chance haben, sich in der Hauptstadt sicher und gefahrlos bewegen zu können. Doch solange nicht alle Ampeln mit akustischer Grünphase ausgestattet sind und Busse sowie Straßenbahnen weder Linie noch Fahrziel ansagen, ist noch viel zu tun.

Manfred Scharbach ist Geschäftsführer des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin (ABSV)

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