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Aus: Ausgabe vom 18.05.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Hässliche Zwerge

Von Arnold Schölzel
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Das Europaparlament ist weder europäisch noch ein Parlament. Es ist ein Puschel – zweckfrei, aber teuer. Die Wahlberechtigten betrachten die EU-Wahlen zumeist als Witz. In Tschechien, ergab eine aktuelle Umfrage, wollen etwa 15 Prozent von ihnen an der Abstimmung teilnehmen.

So könnte alles friedlich der Zettelabgabe entgegendösen, wäre da nicht der Russe. Er ist anders drauf als die lustlosen Westeuropäer und hält das Parlament in Brüssel bzw. Strasbourg und die Entscheidung über die Mandate für wichtig. Er mischt sich deswegen in den Wahlkampf ein. Um, wie sechs Autoren in einem gemeinsamen Zeit-Artikel unter dem Titel »Die Scharfmacher« raunen, »im großen Spiel der Geopolitik (…) den eigenen Einfluss auszuweiten«. Der Iwan kommt nicht mehr mit Panjewagen, sondern durchs Netz. In der Unterzeile wird zusammengefasst: »Russische Twitter-Agitatoren befeuern im Internet den politischen Streit im Westen.« Versprochen wird: »Ein Blick in ihren Maschinenraum offenbart die Methoden, mit denen die Trolle auch die Europawahl beeinflussen wollen.« Der Russe hat einfach keine Peilung, er will nur stören.

Die Behauptung selbst ist etwas abgehangen, aber so wichtig, dass die Frankfurter Rundschau dem Thema am Dienstag ebenfalls zwei Seiten widmete. Ebenso viel räumte auch die Zeit frei. Auch wenn sie nichts gefunden haben – das von ihnen bevorzugte Adjektiv ist »mutmaßlich« – muss das mitgeteilt werden. Außerdem waren es nicht nur die sechs von der Zeit: »Dieser Artikel ist das Ergebnis der ersten internationalen Recherche des ›Signals‹-Netzwerks«, zu dem außer den Hamburgern noch El Mundo aus Spanien, Mediapart aus Frankreich, Republik aus der Schweiz, The Intercept aus den USA und das Krawallblatt The Daily Telegraph aus England gehören. »Bei dieser Recherche« habe »Signals« zudem »mit der Investigativplattform Bellingcat« kooperiert. Letztere ist eine berüchtigte Vorfeldorganisation von Geheimdiensten für antirussische Öffentlichkeitsarbeit.

Herausbekommen hat diese geballte Macht, die sich als Journalismus tarnt, – nichts. Die zentrale Story lautet: Die Russen sind notorisch dumm und daher nicht in der Lage, die zur Einflussausweitung benötigte Software selbst zu entwickeln. Sie haben sie in Spanien geklaut, d. h. nichts Genaues weiß keiner, aber die Zeit veröffentlicht das schon mal. Der Russe lauert schließlich immer und überall. Und ist pampig. Der mutmaßliche Oligarch, der die angebliche russische Trollfabrik finanziert und den der BND laut Zeit als »einen Vertrauten Putins« enttarnt hat, lässt auf Anfragen antworten: »Selbstverständlich habe er die Irish Republican Army gegründet« (deren Abkürzung IRA ist dieselbe wie die der angeblichen russischen Trollhütte), mit dem Spanier, dem die Russen die Software klauten, »habe er jahrelang auf einer thailändischen Insel gelebt, und der Zeit-Reporter solle sich psychiatrische Hilfe suchen«. Man könnte das auch als hilfreichen Vorschlag bezeichnen, aber nein, da sich die »Signals«-Gemeinde den eigenen Aberglauben von keiner Recherche kaputtmachen lässt, bleibt es beim Urteil: Der Russe hat die Internetunterwanderstiefel an. Vielleicht aber auch nicht: Wie oft die russischen Tweets »wahrgenommen wurden und was sie bewirkten, lässt sich nicht eruieren. (…) Die Trolle setzten darauf, Streit anzufachen.« Hässliche Zwerge eben.

Versteht sich, dass das Schöne in solchem Text zu kurz kommt. Die sechs von der Investigativfront erwähnen in ihrem Text keine NSA, keinen Edward Snowden, kein Abhören des Kanzlerin-Handys, kein Cambridge Analytica, das für sich in Anspruch nahm, für Brexit und Donald Trump genügend Wähler beeinflusst zu haben. Egal, der Russe nimmt die EU-Wahlen ernst, meinen gleich sechs Leute auf einmal. Das sind einfach zu viele.

Der Russe nimmt die EU-Wahlen ernst, meinen gleich sechs Zeit-Leute auf einmal. Das sind einfach zu viele.

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