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Aus: Ausgabe vom 20.05.2019, Seite 15 / Politisches Buch
G-20-Gipfel 2017

Beste Tage des Jahres

Mosaik einer anderen Welt: Facettenreicher Rückblick auf die Proteste gegen den G-20-Gipfel in Hamburg
Von Felix Jota
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Teilnehmerinnen und Teilnehmer der »Lieber tanz’ ich als G 20«-Demonstration (Hamburg, 5.7.2017)

Fast zwei Jahre liegt der G-20-Gipfel in Hamburg zurück. Eine Retrospektive lohnt sich nach wie vor: Ob man die Proteste gegen das Treffen der Mächtigen im heißen Juli 2017 nun als Erfolg oder Misserfolg wertet – eine Zäsur für die Linke waren sie so oder so. Mit dem Band »Das war der Gipfel« hat die fünfköpfige Hamburger Herausgebergruppe Gogogo (Petra Barz, Niels Boeing, Theo Bruns, Tina Fritsche und Sven Stillich) – selbst Teil des Netzwerkes »Recht auf Stadt« – eine lesenswerte Chronik der Ereignisse rund um den Gipfel vorgelegt.

Angesichts der vielen Facetten des Geschehens war es eine kluge Entscheidung der Gruppe, eine Vielzahl von Protagonisten der Proteste zu Wort kommen zu lassen. An die 100 Personen waren an dem Buch beteiligt und lieferten mehr als 50 Texte. Zu den Autoren gehören etwa Andreas Blechschmidt vom autonomen Zentrum »Rote Flora«, Halil Simsek von der Gruppe Roter Aufbau Hamburg oder die Strafverteidigerin Gabriele Heinecke. 40 Fotografen steuerten etwa 150 Fotos bei. Der Grafiker Andreas Homann verpasste dem Band ein auffälliges Design, das dem Gegenstand angemessen ist.

Im Vorwort heißt es zur Motivation der Herausgebergruppe, dass sie eine Vorstellung davon vermitteln wollte, weshalb es über die von den Medien verbreiteten »dystopischen Bilder« hinaus für viele der Beteiligten »die besten Tage des Jahres gewesen sind«. Das Vorhaben ist gelungen. Zwar werden Repression, Polizeigewalt oder der folterähnlichen Behandlung von Festgenommenen in der Gefangenensammelstelle viel Platz gegeben. Nicht weniger aber wird auch der ermutigenden, poetischen und utopischen Momente eingeräumt. In einem Beitrag über den Rave am 5. Juli unter dem Motto »Lieber tanz’ ich als G 20!« mit 25.000 Teilnehmern wird das in Worte gefasst. »Tausende tanzen zu wummernden Bässen auf der Straße«, heißt es da. Und: »Die Gänsehaut, die einem in dieser Situation über den Rücken kriecht, ist ein Symptom des vagen Gefühls, dass eine andere Welt möglich ist«.

Dank der vielen Beiträge entsteht ein Mosaik, das der Vielfalt der Proteste gerecht wird. Lebendige und atmosphärisch dichte Schilderungen holen die Stimmung dieser Julitage zurück. So ein Beitrag über das »Making of« und die Durchführung der Massenperformance »1.000 Gesichter«, das Tagebuch eines Aktivisten aus dem »Arrivati Park« am Neuen Pferdemarkt – damals Anlaufpunkt für Gipfelgegner – oder Berichte von den großen Kundgebungen, von der »Welcome to hell«-Demo am 6. Juli, bei der die Polizei die Gewalt bewusst eskalieren ließ, oder von der Abschlusskundgebung am 8. Juli.

Eine der wenigen Schwächen des Bandes ist, dass die Frage der medialen Aufbereitung der Proteste gegen die Politik der G 20 zu kurz kommt. Die war und ist immerhin entscheidend dafür, wie dieser Widerstand in der Gesellschaft weithin wahrgenommen wurde und wird. Ausgerechnet einem Journalisten der Zeit geben die Herausgeber die Möglichkeit, sich als objektiver Beobachter darzustellen und den Begriff »Mainstreammedien« in Zweifel zu ziehen.

Dieser Text bleibt aber ein Ausreißer; ansonsten wird von den Ereignissen durchweg aus linker Sicht erzählt. Erfreulich deutlich wird darauf hingewiesen, von wem tatsächlich Gewalt ausging und -geht: von der Politik, die der Gipfel repräsentierte. »Die G 20 sind dafür verantwortlich, dass die Lebensumstände vieler Menschen auf der Welt– gerade im globalen Süden – einer Hölle auf Erden gleichen«, heißt es in einem Beitrag. Die Devise der Auftaktkundgebung am Tag vor dem Gipfel, »Welcome to hell«, habe in dem Kontext bedeutet, »die inhaltliche Auseinandersetzung mit den G 20 und den Widerstand dagegen in Hamburg auf die Straße zu tragen«.

An anderer Stelle wird dieser Faden noch einmal aufgenommen: in einem ausführlichen Streitgespräch mit vier Bewohnern und Aktivisten aus dem Schanzenviertel über die Ereignisse am Abend des ersten Gipfeltags in dem Quartier. Dabei handelt es sich um ein Highlight des Bandes, weil der linken Kritik an Gewalt und Plünderungen in dieser Nacht Raum gelassen wird, jener Kritik jedoch mit überzeugenden Argumenten begegnet wird.

Wenn es knalle, wähne sich die »bürgerliche Gesellschaft« sofort im Bürgerkrieg, heißt es da. Über ihre eigene Gewalt rede sie aber nicht. Was damals im Schanzenviertel geschehen sei, sei »doch gar nichts, verglichen mit der Gewalt der Verhältnisse. Was an Kriegen in der Welt passiert, wie die Menschen im Mittelmeer ertrinken, die Abschottung, die Verelendung, die Austeritätspolitik«. Einer der vier Gesprächspartner zieht eine für radikale Linke gut nachvollziehbare Bilanz der Gipfelproteste. Sie seien insofern erfolgreich gewesen, »als sie sich den Raum nicht haben nehmen lassen und es in der Stadt viel Solidarität für Protest in unterschiedlichen Ausdrucksformen gab«. Es sei gelungen, den Gipfel »als Inszenierung in einer Großstadt zu deligitimieren«.

Im Schlusswort führt Sven Stillich, einer der Herausgeber, das weiter aus. Verlierer des Sommers 2017 sei keineswegs der »friedliche Protest« gewesen, sondern unterlegen seien all jene, die das Gipfeltreffen »angebahnt, organisiert und durchgeprügelt haben«. Der Widerstand dagegen sei dann ein Gewinn, »wenn das widerspenstige Gute, das dort aufgeflammt ist, weiter Funken schlagen kann«. Und wenn aus den Fehlern des Sommers 2017 gelernt werde.

Gogogo (Hrsg.): Das war der Gipfel. Die Proteste gegen G 20 in Hamburg. Assoziation A, Berlin-Hamburg 2018, 276 Seiten, 24 Euro

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