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Aus: Ausgabe vom 18.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Bemerkenswert gleich

Zwischen Symbolpolitik und Problemverschiebung: Berliner Theatertreffen führt eine Frauenquote ein
Von Erik Zielke
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Immerhin, die Quote stimmt: Die Jury des Theatertreffens 2019

Seit 1964 findet in Berlins Westen das alljährliche Theatertreffen statt. Eine Jury aus Kritikern wird berufen, um zehn »bemerkenswerte« Inszenierungen aus der aktuellen Spielzeit zu entdecken und in die Theatermetropole einzuladen. Die diesjährige Bestenschau endet am Montag. Es ergibt sich bislang ein ähnliches Bild wie in all den Jahren zuvor: Theater- und Medienbetrieb finden bei alkoholhaltigen Getränken zusammen und lassen sich präsentieren, was in herausragender Weise die deutschsprachige Theatergegenwart widerspiegelt. Man kennt sich und beteiligt sich gerne am Szeneklatsch.

In den beiden kommenden Jahren soll nun alles anders werden: Die Juroren haben sich für die Auswahl 2020 und 2021 für eine Regisseurinnenquote von mindestens 50 Prozent entschieden. Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, die das Theatertreffen jährlich ausrichten, sprach in seiner Eröffnungsrede Anfang Mai sogar davon, dass diese Frauenquote Notwehr sei. Haltungsstärke ist ein Vorzug künstlerischer Leiter. Nur darf man an der Aufrichtigkeit der Worte zweifeln, kommt es doch selten vor, dass echte Notwehr so pressewirksam und zeitlich auf zwei Jahre begrenzt geleistet wird.

Seit jeher ist die (Über-)Bewertung von Regisseurinnen und Regisseuren Gegenstand der Kritik. Hier soll sie zementiert werden: Dramatikerinnen, Kostüm- und Bühnenbildnerinnen, Theatermusikerinnen und Dramaturginnen, selbst Schauspielerinnen, haben scheinbar keine Bedeutung.

Über Quoten lässt sich trefflich streiten. Wenn nun aber bei der Bestimmung von bemerkenswerten Theaterereignissen das Geschlecht der Regieführenden zum Entscheidungsmerkmal wird, muss man doch stark an der Sinnhaftigkeit eines solchen Vorstoßes zweifeln. Ein schönes Zeichen sei das, kann man einwenden. Tatsächlich ist es auch ein gutes Zeichen, dass eine Frau Regierungsoberhaupt dieses Landes ist und sein kann. Es hilft nur der weiblichen Bevölkerung so wenig wie die Theatertreffenquote einer Regisseurin an einer der kleineren Bühnen der Republik, die schlechter bezahlt wird als ihre männlichen Kollegen. Die Probleme der alleinerziehenden, arbeitslosen Schauspielerin, der um ihren Job bangenden Souffleuse oder der auf Minijobbasis beschäftigten Requisiteurin sind damit noch gar nicht berührt. Ein solches Zeichen kann sogar schädlich sein, wenn es die Debatte, etwa über Lohngerechtigkeit, zu ersticken droht.

Mit Blick auf die Einladungspolitik der letzten zehn Jahre kommt es einem fast so vor, als gäbe es bereits jetzt Quotierungen, die die Auswahl bestimmen, die dann als »bemerkenswert« gelabelt wird. In neun von zehn Fällen waren Inszenierungen aus Österreich vertreten – jedesmal am Burgtheater Wien –, ebenfalls neun- von zehnmal berücksichtigt wurden die Münchner Kammerspiele, jedes Jahr ist mindestens eine Berliner Spielstätte dabei, und kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht auch eine Schweizer und eine Hamburger Produktion eingeladen werden. Die Auswahl wirkt oft berechenbar und mutlos. Wirklich mutig wären Juryentscheidungen, die die Arbeitsbedingungen nicht ausblenden, unter denen beachtliche Kunstwerke entstehen. Wenn im nächsten Jahr dann weniger als zehn Produktionen eingeladen würden, wäre auch das ein Zeichen, das zu denken gibt.

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