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Aus: Ausgabe vom 18.05.2019, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Globaler Gewerkschaftspakt

Konferenz in Frankfurt am Main: Belegschaften des global operierenden Fresenius-Konzerns vernetzen sich. Kritik an »Union Busting«
Von Daniel Behruzi
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Hohe Renditen statt öffentliche Daseinsvorsorge: Fresenius-Firmenzentrale in Bad Homburg

Die großen Konzerne agieren international. Die Gewerkschaften beschränken sich hingegen oft immer noch darauf, im nationalen Rahmen zu wirken. Beim Gesundheitskonzern Fresenius soll das anders werden. Am Donnerstag und Freitag trafen sich knapp 60 Vertreter von 21 Gewerkschaften aus 14 Ländern in Frankfurt am Main, um ein internationales Bündnis der Beschäftigten des Unternehmens mit Stammsitz im hessischen Bad Homburg zu schmieden. Hintergrund sind Vorwürfe, dass die Firma, in der 280.000 Menschen in 100 Staaten beschäftigt sind, in einigen Ländern – insbesondere in den USA, Peru und Südkorea – häufig gegen Beschäftigtenrechte verstößt.

Es ist das erste Mal, dass Gewerkschaften ein solches Bündnis in einem multinationalen Konzern des Gesundheitswesens gründen. Ihr Ziel ist es, Fresenius zu einem Rahmenabkommen zu bewegen, das die Einhaltung von Beschäftigtenrechten an allen Standorten garantiert. »Das Unternehmen muss dafür sorgen, dass sich Beschäftigte in Gewerkschaften organisieren können, ohne Repression fürchten zu müssen«, forderte Alke Boessiger, stellvertretende Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsverbands der privaten Dienstleistungswirtschaft, UNI Global Union. Neben diesem sind auch die Internationale der öffentlichen Dienste, Public Services International, der Europäische Gewerkschaftsverband für den öffentlichen Dienst (EGÖD) sowie der Verband der Industriegewerkschaften, Industriall, an der Initiative beteiligt.

An der Frankfurter Konferenz nahmen Belegschaftsvertreter aus Europa, Nord- und Südamerika, Afrika sowie Asien teil. Nicht weit entfernt kamen in der Frankfurter Messe die Aktionäre des erfolgsverwöhnten Konzerns zusammen. Dieser musste im vergangenen Jahr erstmals Prognosen nach unten korrigieren. Dennoch bleibt Fresenius ein rapide wachsendes und profitables Unternehmen. Auch 2018 wurde der Umsatz um zwei Prozent auf 33,5 Milliarden Euro gesteigert, der Gewinn legte um vier Prozent auf 1,87 Milliarden Euro zu.

Erzielt werden diese Profite in einem Bereich, der erklärtermaßen der öffentlichen Daseinsvorsorge dienen soll. In Deutschland besitzt Fresenius mit Helios die größte private Krankenhauskette mit rund 66.000 Beschäftigten. Seit der Übernahme von Quirónsalud 2016 ist das Unternehmen auch in Spanien der bedeutendste Klinikbetreiber. Mit seiner Krankenhaussparte erzielt Fresenius eine Gewinnmarge von acht Prozent – Geld, das aus Sozialversicherungsbeiträgen stammt und dem Gesundheitssystem entzogen wird. In den USA ist Fresenius der wichtigste Betreiber von Dialysekliniken. Dieses Segment ist ebenfalls hochprofitabel.

Teil des Geschäftsmodells ist es, Lohnkosten durch Tarifflucht, Outsourcing und prekäre Beschäftigung zu drücken. Dabei schreckt Fresenius offenbar auch nicht davor zurück, gegen grundlegende Beschäftigtenrechte zu verstoßen. Insbesondere aus den USA berichten die Gewerkschaften SEIU-UHW und RWDSU davon, dass sie in ihren Organisationsbemühungen behindert werden. So berichtete der Pflegehelfer Emerson Padua aus Kalifornien von heftigen Einschüchterungsversuchen gegen ihn und seine Kollegen, die einen Tarifvertrag und gewerkschaftliche Repräsentation in ihrer Klinik durchsetzen wollten. »Wir Beschäftigte müssen selbst darüber entscheiden können, ob wir uns einer Gewerkschaft anschließen wollen, ohne Einschüchterungsmethoden und Union Busting fürchten zu müssen«, so Padua, der seit 19 Jahren bei Fresenius arbeitet und Vorsitzender des örtlichen Organisationskomitees der Gewerkschaft SEIU-UHW ist. Mit »Union Busting« wird in den USA die systematische Unterdrückung gewerkschaftlicher Aktivitäten bezeichnet. »Alles, was wir wollen, ist eine Gewerkschaft, um unseren Lebensstandard und die Versorgungsqualität in den Einrichtungen zu verbessern.«

Der Bereichsleiter Betriebspolitik beim Verdi-Fachbereich Gesundheit und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende von Fresenius, Niko Stumpfögger, sagte, dass die Beschäftigtenvertreter solche Ereignisse im Aufsichtsrat zum Thema machen. Die Gewerkschaft RWDSU erzielte Ende April in Mobile, Alabama, erstmals eine Tarifvereinbarung für einen Fresenius-Standort im gewerkschaftsfeindlichen Süden der USA. Das sei auch der internationalen Zusammenarbeit und den Aktivitäten der Betriebsräte und von Verdi zu verdanken, betonten RWDSU-Vertreter.

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