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Aus: Ausgabe vom 17.05.2019, Seite 15 / Feminismus
Emanzipation und Überleben

Der Revolutionär und das Glas Wasser

Clara Zetkins Gespräche mit Lenin über Sexualität und »Frauenfrage« neu aufgelegt
Von Nick Brauns
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Sprach mit Lenin über Sex und hielt die Diskussion in ihrem Erinnerungsbuch fest: Clara Zetkin 1897 auf einem Kongress in Zürich

Im Spätherbst 1920 diskutierte die deutsche Kommunistin und führende Exponentin der sozialistischen Frauenbewegung Clara Zetkin anlässlich der Ausarbeitung von »Richtlinien für die kommunistische Frauenbewegung« mit Wladimir Iljitsch Lenin über die »Frauenfrage«. Zetkins Wiedergabe dieser Gespräche fand in ihre nach dem Tod des sowjetischen Revolutionsführers verfassten »Erinnerungen an Lenin« Eingang und wurde erstmals 1929 als Broschüre im Verlag der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) für Literatur und Politik veröffentlicht. 90 Jahre später hat der Verlag Wiljo Heinen in einer Reihe von Klassikertexten mit dem schönen Namen »Arbeiterlogik« die »Gespräche über die Frauenfrage« wieder aufgelegt.

Zetkin präsentiert uns einen lebendigen, schlagfertigen Lenin. Dieser zeigt sich irritiert, dass die Jugend zu einem Zeitpunkt, an dem das Überleben des Sowjetstaates auf dem Spiel steht, vordringlich über freie Liebe diskutieren und ihre durch die Revolution auch auf dem Gebiet der Sexualmoral errungenen Freiheiten ausleben will. Lenin weist die damals unter jungen Kommunisten populäre »Glas-Wasser-Theorie«, nach der die Befriedigung sexueller Bedürfnisse so einfach und belanglos sei wie das Trinken eines Glases Wasser, als gänzlich unmarxistisch und unsozial zurück. »Durst will befriedigt sein. Aber wird sich der normale Mensch unter normalen Bedingungen in den Straßenkot legen und aus einer Pfütze trinken? Oder auch nur aus einem Glas, dessen Rand fettig von vielen Lippen ist?« Die Fick-App Tinder hätte Lenin wohl nicht gemocht. Der Kommunismus solle aber »nicht Askese bringen, sondern Lebensfreude, Lebenskraft auch durch erfülltes Liebesleben«, kritisierte er zugleich das andere bei Kommunisten anzutreffende Extrem – Enthaltsamkeit im Namen der revolutionären Reinheit zu predigen. Eher altbacken erscheint Lenins an die Jugend gerichteter Rat zu Sport und Studium anstelle endloser Diskussionen über sexuelle Probleme.

Den proletarischen Kampf um die Rechte der Frauen unterscheiden Lenin und Zetkin klar von der »bürgerlichen Frauenrechtelei«. Wo letztere nur auf Verbesserungen im Rahmen der kapitalistischen Ordnung zielt, die wesentlich Frauen aus höheren Klassen zugute kommen, setzt die kommunistische Bewegung auf materielle Veränderungen. Die Gründung von Gemeinschaftsküchen, Kindertagesstätten und Bildungsanstalten solle im sozialistischen Staat die Grundlagen dafür schaffen, die »Frau von der alten Haussklaverei und jeder Abhängigkeit vom Manne« zu erlösen und sie in die soziale Wirtschaft, Verwaltung, Gesetzgebung und Regierung einzugliedern.

Angesichts der heutigen postmodernen Verwirrungen akademischer Linker lohnt sich der Blick auf die Debatten vor 100 Jahren, auch wenn manche Standpunkte von Lenin und Zetkin durch die Praxis ebenso wie durch die marxistisch-feministische Theoriedebatte überholt erscheinen. So sollte es spätestens nach 1968 Gemeingut innerhalb der revolutionären Linken sein, dass die Bildung eigenständiger Frauenzusammenschlüsse nicht nur mit dem Ziel der Mobilisierung von Frauen für den Klassenkampf erfolgt, sondern auch dazu dient, den Kampf gegen patriarchale Vorbehalte und das Festhalten an männlichen Privilegien innerhalb der Linken zu führen. Dass solche existieren, war auch Lenin bewusst, wie sein Ausspruch »Kratzt den Kommunisten, und der Philister erscheint« deutlich macht.

Clara Zetkin: Erinnerungen an Lenin – Gespräche über die Frauenfrage, Verlag Wiljo Heinen, Berlin und Böklund 2019, 84 Seiten, sieben Euro

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