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Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 15 / Medien
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Regime-Change für Anfänger

Begeisterung für das US-Konzept auch bei der ARD: Mit Juan Guaidó haben Westmedien einen neuen Volkstribun kreiert
Von Volker Hermsdorf
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Voreiliger Bilderwechsel im US-Büro des zu Guaido übergelaufenen venezolanischen Militärattachés am 18. März

Übertreiben ist Medienalltag: »Er ist derzeit in Lateinamerika die bedeutendste Persönlichkeit des öffentlichen Lebens«, behauptete das US-Lifestyle-Magazins GQ (Gentlemen’s Quarterly). Die Titelgeschichte der aktuellen mexikanischen Ausgabe vom 29. April ist einer Person gewidmet, deren Namen Anfang des Jahres nicht einmal 20 Prozent der Bürger dessen eigenen Landes kannten. Trotzdem platzierte auch das US-Magazin Time den Neuling im April auf seine jährlich zusammengestellte Liste der »100 einflussreichsten Persönlichkeiten« und attestierte ihm damit eine größere weltpolitische Bedeutung als Angela Merkel. Die gehört dort seit 2017 nicht mehr dazu. Der venezolanische Putschist Juan Guaidó, der in nur vier Monaten vom Nobody zum Superstar des Mainstreams aufstieg.

Für die »Tagesschau« war der Absolvent der »Katholischen Universität Andrés Bello« in Caracas bis Anfang des Jahres kein Thema. Zum ersten Mal wurde sein Name am 10. Januar 2019 in einem Beitrag von Anne-Katrin Mellmann aus dem ARD-Studio Mexiko-Stadt über den Beginn der zweiten Amtszeit des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro erwähnt. Der war im Mai 2018 mit rund 68 Prozent der abgegebenen Stimmen gewählt worden. Die Opposition spiele in Venezuela »kaum noch eine Rolle«, das von ihr dominierte Parlament sei »kaltgestellt«. »Dessen Präsident Juan Guaidó rief die Armee dazu auf, die verfassungsmäßige Ordnung im Land wieder herzustellen, wie auch schon etliche andere Oppositionspolitiker zuvor«, schrieb Mellmann, zunächst noch etwas distanziert.

Am selben Tag traf US-Außenminister Michael »Mike« Pompeo erstmals mit dem neuen Favoriten Washingtons zusammen. »Pompeo konnte den Namen jedoch nicht einmal aussprechen, als er ihn am 25. Januar in einer Pressekonferenz erwähnte und »Juan Guido« nannte«, berichten die US-Journalisten Dan Cohen und Max Blumenthal in einem Hintergrundartikel über »The Making of Juan Guaidó« (https://www.nachdenkseiten.de/?p=49003).

Das änderte sich schnell. »Bis zum 11. Januar wurde Guaidós Wikipedia-Eintrag 37mal verändert, in dem Bemühen, das Image der zuvor unbekannten Figur aufzupeppen, die nun ein Tableau für Washingtons Regime-Change-Ambitionen darstellte. Schließlich wurde die Redaktion für seinen Eintrag dem elitär-ominösen Gremium der »Bibliothekare« von Wikipedia übergeben, das ihn zum »umstrittenen« Präsidenten von Venezuela erklärte«, haben Cohen und Blumenthal recherchiert.

Einen Tag nach Pompeos Pressekonferenz meldete tagesschau.de am 26. Januar devot, Guaidó sei »der von vielen ausländischen Regierungen anerkannte Übergangspräsident des Landes«. Der nehme »die Sorgen der Armen (...) ernst«, hieß es. Studioleiterin Xenia Böttcher versuchte im »Weltspiegel« vom 18. Februar nicht einmal mehr den Anschein einer seriösen Berichterstattung aufrecht zu erhalten. Venezuela sei »ein Land mit zwei Präsidenten«, verbreitete sie wahrheitswidrig. »Der eine, Nicolas Maduro, stützt sich auf das Militär und gefälschte Wahlen. Der andere, Juan Guaidó, selbsternannter Übergangspräsident, unterstützt durch die Massen in Venezuela und durch viele Regierungen weltweit, unter ihnen die USA.«

Trotz des unvollständigen zweiten Satzes war die Botschaft klar. Seit ihrem offenen Bekenntnis zu dem Kunstprodukt aus dem Regime-Change-Labor, wie Cohen und Blumenthal den Möchtegernpräsidenten beschreiben, betreibt die ARD Stimmungsmache für eine Intervention in Venezuela. Dabei dürfen die Korrespondenten auch lügen, dass sich die Balken biegen. Am 24. Februar verbreiteten tagesschau.de und andere Medien Fake News über Lastwagen mit Hilfsgütern aus den USA, die in Kolumbien angeblich von venezolanischen Sicherheitskräften angezündet worden seien. »Am frühen Nachmittag verbrennt das venezolanische Militär drei Transporter mit Lebensmitteln und Medikamenten«, berichtete Frau Böttcher aufgeregt, angeblich als Augenzeugin. Einziger Kommentar in dem »Tagesschau«-Beitrag: »Nur mit einer Intervention in Venezuela wird das hier enden.« Tatsächlich, so räumte die New York Times am 10. März ein, hatten Anhänger Guaidós die Lkws in Brand gesetzt.

Den gescheiterten Umsturzversuch vom 30. April bezeichnete Böttcher in einem »Tagesthemen«-Beitrag beschönigend als »Revolutionsversuch«. Zur besten Sendezeit erklärte sie dem Publikum dann, ohne dafür irgendeine Quelle zu nennen, warum der Coup scheiterte: »Die einfachen Soldaten werden, so sagt man, von Agenten des kubanischen Geheimdienstes kontrolliert und jeder Versuch des Aufstandes im Keim erstickt.«

Inzwischen ist das in Mexiko-Stadt tätige ARD-Personal längst dazu übergegangen, die Umstürzler auch mit strategischen Ratschlägen zu unterstützen. Der »Machtkampf« sei »festgefahren«, stellte Anne-Katrin Mellmann etwa am 4. Mai enttäuscht auf tagesschau.de fest. Deshalb bleibe nur noch eine Möglichkeit für den Regimewechsel. »Ohne Druck von außen scheint eine Lösung unmöglich«, bekannte sich die ARD-Korrespondentin zur ausländischen Einmischung.

Mellmanns Positionierung passt zu einer Einschätzung des argentinischen Journalisten Marcos Salgado, der laut Nachdenkseiten die Ereignisse vom 30. April »als bewusste Medieninszenierung zur weltweiten Einstimmung auf die Notwendigkeit einer Militärintervention« bewertet. Das macht deutlich, wie ungeniert sich der westliche publizistische Mainstream das Regime-Change-Konzept aus der US-Geheimdienstküche zu eigen gemacht hat.

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