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Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 12 / Thema
US-Polizeigewalt

Say her Name

Im Juli 2015 wurde die Black-Lives-Matter-Aktivistin Sandra Bland erhängt in ihrer Gefängniszelle gefunden. Dort hätte sie gemäß rechtsstaatlicher Grundsätze nie landen dürfen
Von Jürgen Heiser
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In Gewahrsam ohne relevanten Grund: Sandra Bland am 10. Juli 2015 im Waller County Gefängnis in Hempstead, Texas. Drei Tage später war sie tot. (Aufnahme einer Überwachungskamera)

Der Tod von Sandra Bland ist nach wie vor ungeklärt. Die 28jährige Aktivistin der antirassistischen »Black Lives Matter«-Bewegung (BLM) war im Juli 2015 in einer texanischen Polizeizelle erhängt aufgefunden worden. Ein 120-Liter-Plastikmüllsack war zum Strick gedreht worden. Die zahlreich vorgebrachten Zweifel an den Todesumständen, die sich 2015 zum Justizskandal auszuweiten drohten, erhielten jetzt neue Nahrung, als der Fernsehsender WFAA in der texanischen Metropole Dallas am Abend des 6. Mai 2019 eine aktuelle Reportage über den Fall sendete. Den Tatsachenbericht hatte die Nachrichtenredaktion des Senders nach eigenen Worten »in Partnerschaft mit der gemeinnützigen Organisation ›The Investigative Network‹« erstellt. Dank der beharrlichen Recherche des investigativen Netzwerks sah die Öffentlichkeit zum ersten Mal ein 39-Sekunden-Video, das die Behörden fast vier Jahre unter Verschluss gehalten hatten.¹ Auch Sandra Blands Familie und ihre Anwälte kannten es bislang nicht. Bland hatte es selbst mit ihrem Mobiltelefon aufgezeichnet und damit festgehalten, wie der weiße Streifenbeamte Brian Encinia aus einer Verkehrskontrolle wegen einer geringfügigen Verkehrsübertretung einen Machtkampf machte, der für Bland zunächst mit ihrer gewaltsamen Festnahme und drei Tage später mit dem Tod hinter Gittern endete.

Der überraschend kritische WFAA-Bericht umfasste neben einem Rückblick auf die Vorfälle im Juli 2015 auch Interviews mit Blands Familie und Freunden, die den Behörden nun vorwerfen, nicht nur Blands Handyvideo, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach noch weitere wichtige Informationen unterschlagen zu haben. Wären diese und das Video zu einem früheren Zeitpunkt bekanntgeworden, so die Einschätzung der Angehörigen, dann wäre ein völlig anderer Verlauf des Todesermittlungsverfahrens wahrscheinlich gewesen. Vor allem wäre weder der Polizist Brian Encinia wegen der Anwendung unverhältnismäßiger Gewalt gegen Bland straffrei geblieben, noch hätte die Staatsanwaltschaft ihren Tod vorschnell als »Selbstmord« abtun und alle Ermittlungen gegen die diensthabenden Beamten im Waller County Jail einstellen können.

Für die New York Times (NYT), den Fernsehsender CNN und weitere lokale und überregionale Medien war die WFAA-Reportage Anlass, die Vorgänge um Blands Tod in einer Gewahrsamszelle knapp vier Jahre danach noch einmal aufzurollen und die notwendigen kritischen Fragen erneut aufzuwerfen, die Bürgerrechtsorganisationen wie »Black Lives Matter« seit Jahren immer wieder gestellt haben.

Die Festnahme

Sandra Bland hatte den nationalen Feiertag am 4. Juli 2015 zu einem Besuch in ihrer Heimatstadt Naperville, einem Vorort von Chicago (Illinois), genutzt, wo ihre Mutter und vier Schwestern leben. Von diesem Ausflug kehrte sie knapp eine Woche später, am 10. Juli, nach Texas zurück, um eine Arbeitsstelle bei ihrer Alma Mater, der Prairie View A & M University, anzutreten. Die traditionell von Schwarzen besuchte staatliche Universität befindet sich im Ort Prairie View im ländlichen Südosten von Texas nahe Houston. Die Buchstaben A und M weisen sie als eine Hochschule aus, die auf Studiengänge in den Bereichen Agriculture und Mechanics spezialisiert ist. Sandra Bland freute sich auf diesen Job und fühlte sich nach Aussagen von Verwandten und Freunden beflügelt. Diese gute und kämpferische Stimmung wurde aber auch durch ihre politischen Aktivitäten als Bloggerin gegen Polizeigewalt genährt. Sie hatte das Gefühl, »etwas zu bewegen«, wie ihre Schwestern später in Internetforen erklärten, und sie sei alles andere als »depressiv und selbstmordgefährdet« gewesen.

Es geschah dann kurz vor dem Ende ihrer Rückfahrt nach Prairie View in der Nähe des Campus auf einer Landstraße, dass Bland zunächst eine Weile von einem Polizeistreifenwagen verfolgt und schließlich von dem Beamten, der allein im Fahrzeug saß, zum Halten aufgefordert wurde. Als Grund für die Verkehrskontrolle gab Officer Brian Encinia an, Bland habe sich »verkehrswidrig verhalten«, indem sie beim Wechseln des Fahrstreifens nicht den Blinker betätigt habe. Wie Kommentatoren der Medien und die Anwälte ihrer Familie schon kurz nach dem Vorfall monierten, wäre wegen der genannten Ordnungswidrigkeit normalerweise eine mündliche Verwarnung, schlimmstenfalls die Ausstellung eines Strafzettels angebracht gewesen.

Wie das vom Sender WFAA veröffentlichte Handyvideo Blands nun beweist, war der wahre Grund, warum sich dann zwischen Bland und Encinia eine in letzter Konsequenz tödliche Auseinandersetzung entspann, ein anderer. Encinia konnte es offensichtlich nicht ertragen, dass Bland nicht vor ihm kuschte und sich seinen übergriffigen Befehlen widersetzte.

Die schon 2015 von den Ermittlungsbehörden freigegebenen Aufnahmen der Dashcam² des hinter Blands Wagen stehenden Streifenwagens hatten bereits in Bild und Ton dokumentiert, wie Officer Encinia zunächst von der Beifahrerseite an Blands Wagen herantrat, grüßte und um Fahrzeugpapiere und Führerschein bat. Encinia ging dann zum Streifenwagen zurück, und es war zu hören, wie er die Daten der Papiere zur Überprüfung an die Polizeizentrale durchgab. Als er sich dann erneut Blands Wagen näherte, trat er nun an die linke Wagentür heran und sagte zu Bland: »Sind Sie okay?« Und dann behauptete er unvermittelt, sie sei wohl »sehr irritiert«. Bland bestätigte das. Sie habe sich gewundert, von ihm gestoppt zu werden. Er habe sich ihrem Wagen von hinten sehr schnell genähert, deshalb habe sie die Spur gewechselt, um für ihn Platz zu machen. Nun hieße es plötzlich, sie habe »nicht geblinkt«. Dafür einen Strafzettel zu bekommen, wundere sie allerdings. Daraufhin notierte Encinia etwas und forderte Bland dabei auf, ihre Zigarette auszumachen. Sie antwortete ruhig, sie befinde sich in ihrem Wagen und brauche die Zigarette nicht auszumachen.

Daraufhin veränderten sich Encinias Ton und Körperhaltung sofort, was schon die Dashcam von außen zeigte. Das aus dem Inneren des Wagens von Bland aufgenommene Video belegt, wie feindlich sich Encinia nun verhielt und völlig aufdrehte. Im aggressiven Ton herrschte er sie an: »Steigen Sie sofort aus! Raus aus dem Wagen!« Sie müsse nicht aussteigen, antwortete Bland. »Sie haben nicht das Recht, das zu tun. Ich will nicht mit Ihnen reden, außer was meine Angaben zur Person betrifft!« Darauf riss der Officer wütend die Wagentür auf und forderte barsch, sie solle sofort aussteigen, oder er werde sie »herauszerren«.

Bland blieb jedoch bei ihrer Weigerung und antwortete: »Dann zerren sie mich doch heraus! Ich bin aber nicht festgenommen, also dürfen Sie das gar nicht!« »Ich nehme Sie aber fest«, schrie Encinia darauf und beugte sich in den Wagen, um Bland zu packen. »Fassen Sie mich nicht an! Nicht anfassen!« sagte Bland scharf. Encinias körperlicher Zugriff war erfolglos, weshalb er sich nun wieder zurückbeugte, über Funk Verstärkung anforderte und gleichzeitig seine Taserwaffe zog. Die Waffe hielt er Bland an den Kopf und schrie sie an, er werde sie »unter Strom setzen«, wenn sie nicht sofort aussteige. Nun beugte sich Bland der Gewalt, stieg mit erhobenen Händen aus und sagte aufgeregt: »Und das alles, weil ich nicht geblinkt haben soll? Okay, das werden wir vor Gericht klären!«

Hier endet das neu veröffentlichte Video, aber die Dashcam belegt, dass die Begegnung für Bland auf dem Seitenstreifen außerhalb des Blickfeldes der Kamera endete, wohin Encinia sie mit vorgehaltener Waffe abführte. Zu hören ist, wie er sie schließlich zu Boden warf, und ihr gegen ihren lautstarken Protest Handschellen anlegte. Bland mit verzweifelter Stimme: »Toll, wie Sie mit Frauen umgehen, Sie sind wirklich ein starker Mann! Sie brechen mir mein Handgelenk, hören Sie auf«, schrie sie. »Sie sind jetzt ein richtiger Mann, haben mich geschlagen, meinen Kopf in den Dreck gerammt! Ich habe Epilepsie!«

Dann mischte sich die Stimme einer Polizistin in die Auseinandersetzung ein, die mit weiteren Kollegen als Verstärkung eingetroffen war. Der Ton der Dashcam hielt fest, wie Encinia mit der Kollegin zusammen die nun wegen »Widerstands gegen die Staatsgewalt« Festgenommene gegen ihren Protest zum zweiten Streifenwagen schleppte. Sie schlossen die Tür, so dass Blands Stimme nur noch entfernt und unartikuliert zu hören war, bis sie mit diesem Streifenwagen abtransportiert wurde. Aus dem Off ist zu hören, wie Encinia über Handy gegenüber der Dienststelle sein Vorgehen rechtfertigte. Er sagte, er habe Bland festgenommen, weil sie sich »unbotmäßig« verhielt und seinen Anordnungen widersetzte. Er habe versucht, sie »zu beruhigen«, sie habe ihn jedoch dauernd als »Motherfucker« beschimpft und nach ihm getreten. Er sei aber »nicht ernsthaft verletzt«. Sie habe ihn aber klar »angegriffen«. Die letzten Bilder der Dashcam zeigen, wie Encinia mit der Polizistin und einem weiteren Kollegen den Wagen Blands etwa fünfzehn Minuten lang gründlich durchsuchte und im Wagen mit Dingen hantierte. Deutlich ist zu sehen, dass die Polizistin Encinia das auf dem Kofferraumdeckel liegende Handy Blands übergibt und er es zusammen mit einem flachen Gegenstand zum Streifenwagen bringt.

Sandy speaks

Die Frage ist, wie es dazu kam, dass das vom Sender WFAA erst jetzt veröffentlichte Handyvideo in die Hände der Redaktion gelangte. Darüber hinaus wurden auch weitere Fragen, die BLM-Sprecherinnen bereits 2015 aufgeworfen hatten, wieder relevant für die von Blands Familie und deren Anwälten geforderte erneute Untersuchung des Falles: Wieso kam Encinia nach Überprüfung von Blands Papieren über Funk so verändert zu ihrem Wagen zurück, dass er sich unvermittelt aggressiv verhielt, als Bland seinen willkürlichen Befehlen nicht folgte? Und wonach suchte er in Blands Wagen? Drehte er emotional so auf, weil ihm über Funk genaue Informationen darüber zugeleitet worden waren, wen er da angehalten hatte? War das mehr als der übliche Konflikt des »Racial Profiling«, also dass ein weißer Cop eine Fahrerin gestoppt hat, weil sie schwarz ist – »Driving while black«? Kam also in Blands Fall quasi »strafverschärfend« hinzu, dass sie via Internet rassistische Polizeipraktiken anprangerte? Musste man(n) »ihr mal zeigen, wo der Hammer hängt«?

Die renitente Frau, die Officer Encinia aus dem Verkehr gezogen hatte, war seit Monaten als rührige Aktivistin und Bloggerin von Black Lives Matter aufgefallen. Ihren Internetblog »#SandySpeaks« hatte sie im Januar 2015 ins Leben gerufen und sich in kurzer Zeit damit in der wachsenden Protestbewegung einen Namen gemacht. Wie die BLM-Gründerinnen Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi hatte auch Bland ihre Empörung über die wachsende Zahl von Opfern rassistischer Polizeigewalt produktiv gemacht und den Widerstand der schwarzen Bevölkerung organisiert und vernetzt. Mit den ihr zugänglichen Mitteln der sozialen Medien kritisierte sie ebenjenes »Racial Profiling«, dem sie dann selbst zum Opfer fiel. Wendepunkte waren für die Gründerinnen von BLM ebenso wie für Sandra Bland der Freispruch des Mörders von Trayvon Martin im Juli 2013 und die tödlichen Schüsse auf den schwarzen Teenager Michael Brown in Ferguson, Missouri, im August 2014.

Bland gehörte zu denen, die sich nicht von Barack Obamas Heilsbotschaft blenden ließen, mit der er seine »Yes We Can«-Wählerschaft in seiner zweiten Amtszeit trotz der wachsenden Bewegung und Proteste gegen rassistische Polizeigewalt weiter bei der Stange halten wollte: »Egal, ob du schwarz oder weiß bist, Latino oder Asiat oder Indianer, jung oder alt, reich oder arm, gesund oder behindert, schwul oder hetero: Du kannst es hier in Amerika schaffen, wenn du nur willens bist, es zu versuchen.« Bland wollte mit ihrem Internetblog dieser Mär etwas entgegensetzen und dazu den Dialog unter jungen Schwarzen voranbringen. »Die Sache, die ich im Kopf habe, hat sehr viel Kraft«, hatte sie optimistisch lächelnd im Auftaktvideo ihres Blogs »#SandySpeaks« erklärt.

Der Dokumentarfilm

Von dieser Hoffnung und Kraft, die Sandra Bland ausstrahlte, gingen auch die Filmemacher Kate Davis und David Heilbroner aus, die im vergangenen Dezember mit »Say Her Name: The Life and Death of Sandra Bland« einen Dokumentarfilm präsentierten, der seitdem im Netz bei HBO (Home Box Office), dem in New York City ansässigen TV-Anbieter, gestreamt werden kann.³ Bland habe in ihrem Blog »lebendige Videoaufnahmen von sich selbst hinterlassen, in denen sie sich genau mit den Problemen befasst, die sie selbst zu Fall gebracht haben«, zitierte der britische Guardian am 3. Dezember 2018 Heilbroner. »Für uns als Filmemacher war das unheimlich, zugleich aber auch prophetisch und inspirierend. Sie war so wortgewandt und intelligent, dass sie mit ihren Botschaften dazu beitrug, die in den Stoff des Films eingewebten Dialoge auf eine höhere Ebene zu heben.«

Zurückgreifen konnten die Filmemacher auf rund dreißig von Bland selbst erstellte Videos ihres Blogs (#Sandy Speaks), die es ermöglichen, die Aktivistin auf eine ganz persönliche Weise kennenzulernen. Mit den Worten von Davis und Heilbroner: »Eine selbstbewusste, starke schwarze Frau, die in scharfen, humorvollen, charismatischen Äußerungen Themen behandelt wie die Aufklärung von Kindern über die Geschichte der Schwarzen, wie wichtig es ist, sein Haar natürlich wachsen zu lassen, Polizeigewalt und die Notwendigkeit, dass Schwarz und Weiß einander besser zuhören müssen.« So habe »Sandra selbst als zentrale Stimme des Films noch aus ihrem Grab gesprochen und ihr eigenes Leben und ihren Tod in den Kontext des heutigen Amerika« gestellt.

Das Ehepaar Davis und Heilbroner hat sich in der Vergangenheit in vielen seiner Filmprojekte mit Justizthemen befasst, was sicher auch damit zusammenhängt, dass der Jurist Heilbroner früher selbst als Staatsanwalt in New York City tätig war. Dieser Hintergrund habe ihnen wahrscheinlich geholfen, überhaupt Zugang zu den Beamten zu bekommen, deren Dienststellen für Blands Tod direkt oder indirekt verantwortlich sind, erklärte Heilbroner bei der Premiere des Films. Davis äußerte die Hoffnung, der Film möge »ein Katalysator für Diskussionen und vielleicht ein Anreiz« für Polizei und Justiz sein, »Menschen mehr als Menschen zu behandeln« und Auseinandersetzungen mit ihnen »nicht nur als Gelegenheit zu sehen, Macht zu demonstrieren und die eigenen Muskeln spielen zu lassen«.

Davis und Heilbroner hatten sich schon kurz nach Blands Tod mit deren Familie in Verbindung gesetzt und darum gebeten, sie und ihre Anwälte bei ihrem Kampf um die Aufklärung der Todesumstände mit einem kleinen Filmteam begleiten zu dürfen. Ziel sei es, genau zu erfahren, was mit der politisch aktiven 28jährigen »Sandy«, wie sie allgemein genannt wurde, geschehen war. Steckte hinter »Sandras angeblichem ›Selbstmord‹ tatsächlich etwas noch viel Schlimmeres«, wie sie in einer Projektbeschreibung fragten. Auf den Protestdemonstrationen sei »von einem Lynchmord nach dem Vorbild der US-Südstaaten« gesprochen worden, und in den Medien sei ein Meinungskampf zwischen den Behörden des texanischen Waller County und Sandras Familie in Chicago entbrannt.

Zelle 95

Für die Filmmacher ergab sich daraus eine mehr als zweijährige Recherchereise zwischen Texas und Chicago. Sie hatten sich einerseits mit einem Wust von juristischen Verfahrensschritten, dem Studium und der Analyse von Vernehmungsprotokollen, behördlichen Überwachungsvideos und pathologischen Befunden zu beschäftigen, andererseits begleiteten sie die antirassistischen Protestbewegungen und führten Gespräche mit Aktivistinnen und Aktivisten. Denn schließlich starb Bland zu einer Zeit, als in den USA die »Black Lives Matter«-Bewegung großen Zulauf erhielt, wodurch Fragen, die Blands Festnahme und Tod umgaben, in rasendem Tempo zu Schlagzeilen und heftigen Debatten darüber gerieten, wieso mehr und mehr schwarze Frauen rassistischer Polizeigewalt ausgesetzt waren. Es waren gerade Frauen, die dagegen eine Bewegung wie BLM auf die Beine stellten und seit Mai 2015 eine Debatte über den Zusammenhang von rassistischer und sexistischer Unterdrückung in Gang setzten. »Auch das Leben schwarzer Frauen zählt«, war eine der Parolen, die Demonstrantinnen skandierten. Sie erinnerten an die »vergessenen Opfer der Polizeimorde«, indem sie laut die Namen der von Polizisten getöteten Mädchen und Frauen riefen. Nach dem Tod Blands führte das zur Verbreitung des Protestslogans »Say her name!« und des dazugehörigen Hashtags. Schwarze Frauen sollten als Opfer staatlicher Gewalt nicht mehr namenlos bleiben.

Im Zuge der landesweiten Demonstrationen wurde irgendwann sogar das Waller County Jail von einer wütenden Menge gestürmt, wie der Film dokumentiert. Aber auch diese mutige Aktion brachte keine Antwort auf die wichtigste offene Frage, ob nämlich mit Blands angeblichem »Selbstmord« in Wahrheit ein Verbrechen einzelner Beamter oder ganzer Behörden vertuscht werden sollte. Auch der 2018 fertiggestellte Film konnte das nicht klären. Kursierende Verschwörungstheorien über Blands Tod machte das Filmteam sich nicht zu eigen. Es hielt sich an die nachprüfbaren Fakten und kam zu dem Schluss, dass Wachbeamte ihrer Rechenschaftspflicht, Blands Wohlbefinden wie das anderer Inhaftierter permanent zu überprüfen, nicht ernsthaft nachgekommen waren. Sie hatten vielmehr nachträglich Berichte fabriziert, die Ungereimtheiten und Lücken aufwiesen und weiteren Verdacht schürten. Wieso war Bland ausgerechnet in der abgelegenen »Zelle 95« am Ende des Frauentrakts untergebracht, wo es keine Videoüberwachung gab, dafür aber eine Stahltür, die keinen Einblick in die Zelle erlaubte? Andere Zellen waren dagegen mit Gittertüren versehen, und die dort vorhandene Videoüberwachung erfasste auch die Insassinnen.

Allein schon durch das Aufzeigen dieser Widersprüche und der anhand der Dienstakten erkennbaren Nachlässigkeiten und Fehler stellt das Werk von Davis und Heilbroner in seiner Ausrichtung eine scharfe Anklage gegen das Polizei- und Justizsystem dar, in dessen Verantwortungsbereich Bland zu Tode kam. »Ob jemand ihre Zelle betrat und sie mit bloßen Händen tötete«, sagte Heilbroner dem Guardian, »oder ob sie unter Bedingungen misshandelt und isoliert wurde, die sie in Verzweiflung trieben«, es sei letztlich »die Aufgabe staatlicher Behörden, sich um die zu kümmern, die sie in Gewahrsam genommen haben«. Wäre alles korrekt gelaufen, »dann würde Sandra jetzt immer noch unter uns sein«, schlussfolgerte der Filmautor.

Für Brian Encinia als Auslöser der für Bland so verhängnisvollen Ereignisse hatten die Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden keine strafrechtlichen Konsequenzen. Er wurde 2015 nur wegen Meineids angeklagt, weil er die ermittelnde Grand Jury bezüglich der Frage, warum er Bland kontrolliert und festgenommen hatte, unter Eid belogen hatte. Die Videobeweise hatten klar ergeben, dass Bland weder »Widerstand gegen die Staatsgewalt« geleistet noch »einen Officer angegriffen« hatte, wie es Encinia zuerst behauptet hatte. Trotzdem wurde das Verfahren gegen ihn im Juni 2017 eingestellt, nachdem er wie gefordert den Polizeidienst quittiert hatte. Da auch alle Ermittlungen gegen Gewahrsamsbeamte im Sande verlaufen waren, ist letzten Endes niemand für den Tod von Sandra Bland oder ihre faktisch widerrechtliche Festnahme strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden. Blands Schwester Shante Needham kommentierte diese Tatsache erst kürzlich erneut vor der Presse mit den Worten, sie sei sich »absolut nicht sicher«, was in der texanischen Gewahrsamszelle geschehen sei. »Aufgrund des Mangels an Informationen werden wir es wohl nie erfahren, und das macht es für uns um so schwieriger, richtig zu trauern«, sagte sie. Das Problem ist, dass die texanischen Behörden die Akten unter dem Vorwand, es liege »Selbstmord« vor, zu früh geschlossen und sowieso nur in eine Richtung ermittelt haben.

Staatliches Eingeständnis

Blands Familie erreichte 2016 mit einer Zivilklage lediglich, dass der Staat 1,9 Millionen US-Dollar »wegen widerrechtlicher Tötung« an sie zahlen musste. Wenn es aber eine »widerrechtliche Tötung« gab, so kommentierten es Rechtsexperten, dann müsse der Schluss gezogen werden, dass es klar gesetzwidrig sei, wenn alle Verantwortlichen straffrei blieben.

Die Filmemacher konnten diesen Behörden an Schuldeingeständnissen lediglich entlocken, was Sheriff Glenn Smith aussagte, der damals die Aufsicht über den Gewahrsam führte. Im Film erklärt er zwar trotzig, seine Dienststelle habe »rechtlich nichts falsch gemacht«, räumte aber ein, man habe »moralisch« gegenüber Bland und ihrer Familie »versagt«. Blands Schwester Sharon Cooper sagte dazu, dies sei das Äußerste, was ihnen gegenüber von Behördenseite jemals als Entschuldigung oder als Eingeständnis von Fehlverhalten zum Ausdruck gebracht worden sei.

Sandra Blands Familie verbindet mit dem Film und mit der durch das aktuell veröffentlichte Handyvideo wie auch mit der in den Medien neu erhobenen Forderung nach Wiederaufnahme der Todesermittlungen die Hoffnung, dass weiterhin wenigstens »Sandras Name genannt« werde und die Öffentlichkeit sich wieder stärker um Fragen von Polizeigewalt und staatliches Unrecht kümmert, »insbesondere jetzt, da die Aufmerksamkeit im Land in so viele andere Richtungen gelenkt« werde, sagte Cooper. In den Medien finde »eine Hinwendung zu einer spaltenden Rhetorik statt«, die das Problem in dem Sinne verstärke, »dass niemand mehr über diese Themen spricht«. Für Angehörige und Freunde steht indes heute mehr denn je fest, dass sowohl die Ereignisse um das rechtswidrige Vorgehen der Polizei gegen Bland als auch die Vorgänge in der »Zelle 95« im Frauentrakt des Waller County Jail »nicht den Hauch einer Spur erkennen lassen«, dass ihre Tochter, Schwester, Freundin und Kampfgefährtin durch einen »Selbstmord« ums Leben gekommen ist.

Anmerkungen

1 Sandra Blands Handyvideo: https://www.youtube.com/watch?time_continue=39&v=hevRqm40RvM

2 Dashcam-Video (47 Min.) von Officer Encinia: https://www.youtube.com/watch?v=2kI7mzowxus

3 Der HBO-Film »Say Her Name« über Sandra Bland: https://www.hbo.com/documentaries/say-her-name-the-life-and-death-of-sandra-bland

Jürgen Heiser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 20. April 2019 über ein neues Verfahren im Fall Mumia Abu-Jamal.

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