Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Mai 2019, Nr. 120
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 8 / Ansichten

Zensor des Tages: Taz

Von Simon Zeise
Besetzung_der_taz_59977465.jpg

Bei der Taz wird aussortiert. Im Sinne des Internationalismus übersetzt die Redaktion regelmäßig die französische Monatszeitung Le Monde diplo­matique (LMD) – fest an der Seite der Schwestern und Brüder, die unter dem deutschen Diktat in der EU leiden müssen (siehe »abgeschrieben«).

Den Aufmacher der französischen Maiausgabe schrieb der frühere Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, Wolfgang Streeck, unter dem Titel »Un empire européen en voie d’éclatement« – zu deutsch: »Ein europäisches Imperium im Zerfall«. Imperialismus und EU? Zwei Begriffe, die für die Taz nichts miteinander zu tun haben dürfen. Der Beitrag schaffte es nicht in die deutsche Beilage.

»Was ist die Europäische Union?« fragt Streeck in besagtem Artikel, der von ATTAC ins deutsche übersetzt und veröffentlicht wurde. »Der Begriff, der mir als erstes dafür einfällt, ist der eines liberalen, oder besser gesagt, neoliberalen Imperiums: ein hierarchisch strukturierter Block aus nominell souveränen Staaten, dessen Stabilität durch das Machtgefälle vom Zentrum zur Peripherie aufrechterhalten wird.« Im Zentrum der EU stehe Deutschland, das mehr oder weniger erfolgreich versuche, sich hinter Kerneuropa, das es zusammen mit Frankreich bildet, unsichtbar zu machen, so Streeck.

Erfrischend klare Worte. Doch für die Redaktion der deutschen Ausgabe von LMD kein Grund zur Veröffentlichung. Streecks Argumentation sei in Deutschland bekannt, teilte die Redakteurin der deutschen LMD-Redaktion, Dorothee d'Aprile, gegenüber jW am Mittwoch mit. Die Redaktion müsse eine Auswahl treffen. Politische Gründe habe es nicht gegeben. »Die berechtigte Kritik am Wirtschaftshegemon Deutschland, dem EU-Neoliberalismus oder EU-Lobbyismus« sei »noch nie zu kurz« gekommen. Unter anderem habe das Blatt einen Beitrag des früheren griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis gedruckt – der träumt heute immer noch von der Demokratisierung der EU, obwohl ihm die Troika das Fell über die Ohren gezogen hat.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (16. Mai 2019 um 11:16 Uhr)
    Der Artikel könnte die eine oder andere gehässige Bemerkung provozieren, z.B., dass der Beitrag von Streeck in der LMD für die taz-leserin viel zu kompliziert ist. Oder dass er über eine Differenzierung zwischen guten westlichen Werten und bösen östlichen sowie den Koordinaten Mann versus Frau hinausgeht und somit nicht in das simple Strickmuster der Welt der taz hineinpasst. Oder dass Lindner dann die taz nicht mehr lesen würde, oder ...

    Aber bei aller berechtigten Häme: den Kampf um die Köpfe der ehemals aufmüpfigen Linken, für die sich die taz als Kommunikationsforum verstand, haben die Marxisten leider an die liberalen und später neoliberalen Ideologen verloren. Wie aber lässt sich diese Niederlage wieder ausbügeln und in einen Sieg verwandeln? Wüsste ich das, würde ich hier und jetzt einen guten Tipp geben.

Mehr aus: Ansichten