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Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Sehnsucht nach dem Irrweg

Erfundene Wahrheit: John Wrays facettenreicher Roman »Gotteskind«
Von Carsten Otte
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Schmutziger Gotteskrieg: Auf dem Schlachtfeld interessiert sich niemand für die moralische Schönheit der Suren

Der Vater irrt. »Für dich ist das alles nur Spaß«, sagt er, als die achtzehnjährige Tochter ihm einen letzten Besuch abstattet, vor ihrer großen Reise nach Pakistan. Aden Grace Sawyer möchte nämlich eine Koranschule besuchen, eine der berühmt-berüchtigten Medresen im Grenzgebiet zu Afghanistan. Sie flieht vor dem als große Leere empfundenen Leben im kalifornischen Santa Rosa. Aden verabschiedet sich von dem Städtchen, indem sie noch einmal an den Schaufenstern vorbeischlendert. Als sie »eine Pyramide von Mobiltelefonen, lederne Schutzhüllen für die Handys, dazu passenden Gürtelclips aus Plastik« sieht, weiß sie genau, warum sie mit dieser Konsumwelt abgeschlossen hat. Es ist ihr bitterernst.

Aden hat sich die langen Haare abgeschnitten und trägt einen weißen Kamiz. Sie sieht nicht mehr wie ein Mädchen aus. Das ist wichtig, denn sie wird bald in eine rigide Männergesellschaft eintauchen. Für das weibliche Geschlecht ist die pakistanische Medrese eine Tabuzone. Aden scheint sich nach klaren Verhältnissen zu sehnen, auch wenn sie die Regeln am Zielort letzten Endes nicht akzeptiert. Sie ist den Heucheleien und Lebenslügen der Eltern viel näher, als sie sich eingestehen möchte: Der dominante Vater, ein Hochschullehrer für islamische Studien, den Aden durchaus verächtlich mit »lieber Lehrer« anspricht, schwärmt zeitlebens von den Erweckungserlebnissen in der fernen Heimat, genießt aber das lockere Leben in den Vereinigten Staaten. Seine Gattin hat er oft betrogen, sodass sich das Paar trennte und die gemeinsame Tochter bei der dauerbetrunkenen Mutter aufwuchs, einer Frau, die auch bei Adens Abschied noch aggressiv und hilflos auftritt.

Glaubhaft glauben

Es ist alles andere als ein Wunder, dass Aden Sawyer gegen dieses Elternhaus aufbegehrt, dass sie ausgerechnet in der strengen Koranschule ein Identitätsmodell findet, das seelische Reinigung und vielleicht auch spirituelle Glücksmomente bereithält, und dass sie letzten Endes auch zu den Waffen greift. Selbst wenn sich der angeblich Heilige Krieg gegen die bösen Usurpatoren aus der alten Heimat schon bald zum schmutzigen Kampf gegen alles entwickelt, was der jungen Gläubigen wenige Monate zuvor noch heilig war. Auf dem Schlachtfeld interessiert sich niemand für die moralische Schönheit der Suren.

Der amerikanisch-österreichische Schriftsteller John Wray, geboren 1971 in Washington, hat mit seinem neuen Roman »Gotteskind« eine Mischung aus religiöser Coming-of-Age-Geschichte, wildem Abenteuerroman und düsterem Horrormärchen vorgelegt, wobei die Genres so gekonnt miteinander verbunden sind, dass ein sehr eigener Tonfall entsteht, in dem selbst die ungeheure Sehnsucht nach dem radikalen Irrweg plausibel erscheint. Die Erzählstimme bleibt im Verlauf des Textes stets bei der Heldin, wahrt aber in der dritten Person eine kühle Distanz zu ihr. Gerade dieser Abstand ermöglicht es auch skeptischen Lesern, Aden zu folgen.

Bedrückend präzise

Erstaunlich die Macht der Dialoge: Ständig werden Koranstellen zitiert, und das blumige Geschwurbel könnte einem schon bald auf die Nerven gehen, wenn es nicht an den entscheidenden Stellen formvollendet gebrochen würde. Durch listiges Nachfragen von Seiten der Geistlichen oder Terroristen, die Zweifel haben an dieser so seltsamen Person aus dem Land des Erzfeindes. Nichts fürchten sie mehr als einen Agenten in den eigenen Reihen. Aber sie lassen sich dann doch blenden, vor allem weil Aden alias Suleyman so glaubhaft zu glauben vermag. So findet sich dann auch jemand, der wiederum an sie glaubt. Aus den Lügen wird schnell eine neue Form der Wahrheit: »Sie machte sich sämtliche Vorurteile und Klischees zunutze; und er nahm alles, was sie sagte, ohne jedes Misstrauen hin und schüttelte den Kopf in unschuldigem Vergnügen. Mit jedem weiteren Detail wurde ihre Geschichte realer, und das war das erste Geschenk, das er ihr machte: Durch ihn füllte sich die Figur Suleyman mit Leben. Mehr als seine Autorität, sein Anstand, war es dieser Glaube an sie, der sie betörte.« Was ihre Eltern ihr nicht geboten haben, liebevolle Zugewandtheit und Akzeptanz ihrer Persönlichkeit, ergaunert sich Aden in der Fremde.

Die Erzähldramaturgie des Romans geht auf, weil Wray dieses Spannungsverhältnis von Wahrheit und Lüge in sehr unterschiedlichen Szenen auszuloten weiß. Dicht und atmosphärisch werden die Tage in der Medrese, bedrückend präzise wird das trostlose Geschehen in den militärischen Ausbildungslagern geschildert, brutal und grotesk der lange Marsch aufs Schlachtfeld. Nicht nur einmal fragt man sich, was gut recherchiert und was gut erfunden ist. Ist der Autor selbst mal auf dem Pfad der islamischen Erleuchtung gewandelt? Wohl eher nicht, er war aber in Afghanistan unterwegs, nämlich als Journalist. Wray wollte sich über den US-amerikanischen Taliban John Walker Lindh informieren, der Ende 2001 in Afghanistan festgenommen und in einem umstrittenen Verfahren von einem US-Bundesgericht zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde. Lindh hatte sich den Kampfnamen Suleyman zugelegt, mit dem sich auch Aden ansprechen lässt. Die Realität scheint in dieser Prosa ganz nah und ganz fern zu sein. Aden möchte ihre Vergangenheit auslöschen, was nicht ganz so leicht ist, denn sie hat ja nicht nur den Namen, sondern auch das Geschlecht gewechselt. Mit einer Bandage lässt sie ihre ohnehin flachen Brüste verschwinden, im Gepäck führt sie Pillen mit sich, die Monatsblutungen unterbinden sollen.

Nun sollte man sich weder von Bezügen zu historischen Figuren noch von John Wrays auf erster Ebene realistischer Erzählweise täuschen lassen: So authentisch manche Passagen daherkommen, sie sind höchst kunstfertige Fiktion. Wray, der mit Nachnamen eigentlich Henderson heißt, ist ein Schriftsteller, der in seinen Arbeiten ohnehin auf sehr subtile Weise mit Bedeutungs- und Zeitachsen, mit medialen und literarischen Verweisen und Identitäten zu spielen weiß. Auch in »Gotteskind« lässt er Literatur- bzw. Filmgeschichte einfließen, immerhin erinnert Adens Verwandlung an den Plot von »Yentl«, einem erfolgreichen US-amerikanischen Film mit Barbra Streisand, der nach einer literarischen Vorlage von Isaac Bshevis Singer (»Yentl, the Yeshiva Boy«) die Geschichte eines Mädchens erzählt, das vom Vater heimlich in den Talmud eingeweiht wird und das sich nach dem Tod des Lehrerpapas als Mann verkleidet, um an einer jüdischen Religionsschule zugelassen zu werden.

So, wie es in »Yentl« eine verwickelte Liebesgeschichte mit dem Mitstudenten Avigdor gibt, steigert auch John Wray die Spannung, indem er Aden einen Kämpfer namens Ziar Khan zur Seite stellt. Der Mann weiß wohl bald, warum er sich zu dem »mystischen Geschöpf« hingezogen fühlt, das so ganz anders ist als all seine anderen Rekruten. Aden und Ziar kommen sich dann just in einer Zeit näher, als Flugzeuge von islamistischen Terroristen ins World Trade Center gelenkt werden. Die Liebenden flüchten vor den Drohnenbomben des US-Präsidenten, der den Urheber des Verbrechens in der afghanischen Bergwelt vermutet. Dort aber, gut versteckt in einer Höhle, werden das amerikanische Gotteskind Aden und der pakistanische Gotteskrieger Ziar zum ersten Mal miteinander schlafen.

Seltsam vertraut

John Wrays gewiefte Erzählkunst zeigt sich auch in den Nebenfiguren: Es ließe sich viel über Khizar Hayat Khan schreiben, den sanften Mufti der Religionsschule, dessen Verhältnis zum Terror dann aber eher skrupellos zu nennen ist. Auch der ruppige Terroristen-Ausbilder Abu Imam geht einem nicht mehr aus dem Sinn. Und warum wird man das Gefühl nicht los, diese und andere Typen schon mal gesehen zu haben? Warum erscheinen sie uns gerade beim Aufsagen ihrer verschwurbelten Religionsfloskeln vertraut? Sind die Figuren in der einen oder anderen Fernsehserie schon mal aufgetaucht? Wurden sie erfunden, um die eigenen Ressentiments zu bestätigen oder alle Vorurteile zu widerlegen? Nach der Lektüre von John Wrays Roman »Gotteskind« weiß man nicht mehr so genau, was noch als originäre Identität gelten mag, was schon Zitat ist und wann die Täuschung beginnt. So handelt dieses außergewöhnliche Prosawerk auch von den heutigen Bedingungen des literarischen Erzählens.

John Wray: Gotteskind. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2019, 368 Seiten, 23,70 Euro

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