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Aus: Ausgabe vom 08.05.2019, Seite 11 / Feuilleton

Klingenberg, Böhme, Kissimow

Von Jegor Jublimov
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Noch jünger: Karin Bergmann herzt Gerhard Klingenberg anlässlich seines 85. Geburtstags im Juni 2014

»Ich habe, nicht leichten Herzens, an die Überlegenheit des kapitalistischen Systems über das sozialistische zu glauben gelernt«, lautet das Fazit des späteren Direktors des Wiener Burgtheaters und des Zürcher Schauspielhauses Gerhard Klingenberg über seine Jahre in der DDR. Hier lebte der Wiener, der am Samstag 90 wird, bis 1961 einige Jahre und drehte als Regisseur und Schauspieler knapp zwei Dutzend Fernseh- und DEFA-Produktionen. Ihn, der mit 19 am St. Pöltener Theater begonnen hatte, zog es nach Berlin zu Brecht. Nach dessen Tod konnte er beim DFF arbeiten, wo er viele der in den Osten übergesiedelten Landsleute beschäftigte, wie Rudolf Wessely, Fritz Hofbauer und seine Frau Hedi Marek. Dabei inszenierte er nicht nur Klassiker der deutschen und österreichischen Literatur, sondern auch Gegenwartsautoren wie Peter Hacks, Günter Kunert und Hedda Zinner. Sein Freiheitsverständnis ließ sich aber nicht mit der Grenzsicherung vereinbaren, so dass Klingenberg die DDR grollend verließ. Immerhin ist ihm die Entdeckung Manfred Krugs zu verdanken, den er 1961 in dem FDJler-Film »Guten Tag, lieber Tag« erstmals herausstellte.

Ein Jahr darauf hatte Krug in »Auf der Sonnenseite« seinen Durchbruch, der weniger reizvoll gewesen wäre, hätte ihm nicht die blutjunge Entdeckung Marita Böhme zur Seite gestanden. Die Dresdnerin konnte gestern ihren 80. Geburtstag begehen. Ein Jahrzehnt lang blieb sie eine der beliebtesten DEFA-Schauspielerinnen in komödiantischen Rollen, etwa neben Erwin Geschonneck in »Karbid und Sauerampfer« (1963), neben Rolf Herricht in »Der Mann, der nach der Oma kam« (1972), als Titelheldin in »Minna von Barnhelm« (1962), aber auch als sich emanzipierende Frau im Sozialismus (»Lots Weib«, 1965). Nach einem Ausflug an Berliner Bühnen spielte Marita Böhme von 1970 bis 2005 in Dresden nicht nur Sprechtheater, sondern war auch Musicalstar in »My Fair Lady«. Seither hat sie sich zur Ruhe gesetzt, aber ab und an erzählt sie noch als Zeitzeugin aus ihrem aufregenden Leben vor der Kamera, das sie bis nach Bulgarien führte (»Herr Niemand«, 1969).

Ein Bulgare wurde deutscher Komödienregisseur. Kein leichtes Unterfangen! Georgi Kissimow, der ebenfalls gestern 80 geworden wäre und vor zehn Jahren starb, kam nach Babelsberg, um an der HFF Regie zu studieren, und blieb. Sein erster großer Fernsehfilm »Hochzeit in Weltzow« nach Günter de Bruyn mit Franziska Troegner und Dieter Montag war 1979 ein feines tragikomisches Meisterwerk. Es zeigte sich, dass er bei Komikern ernste Züge entdecken konnte (z. B. Rolf Herricht in »Der Baulöwe«, 1980) oder Charakterdarstellern komische Seiten abgewann (Dieter Mann in »Emil, der Versager«, 1982). Bis hin zur Serie »Spreewaldfamilie« (1991) bereicherte der sympathische Bulgare deutsche Bildschirme.

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