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Aus: Ausgabe vom 14.05.2019, Seite 11 / Feuilleton

Jan Böhmermann und der Tag der Befreiung

Von Erwin Riess
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»Acht Millionen Debile«: Jan Böhmermann möchte nicht von einem 32jährigen Versicherungsvertreter regiert werden

»Jan Böhmermann war in Graz«, sagte der Dozent, während er Grolls Hand schüttelte. Als der Dozent fortsetzen wollte, schnitt Herr Groll ihm mit dem Satz »HC Strache war bei Orbán auf der Budapester Burg«, das Wort ab. Der Dozent ließ sich aber nicht beirren und wiederholte: »Jan Böhmermann war in Graz und hat dort eine Ausstellung …«

Wieder unterbrach Groll: »Die FPÖ-Spitze war auf der Budapester Burg, an jenem Ort, an dem im März 1920 Miklós Horthy als Reichsverweser einzog, staatsrechtlich war Ungarn ja eine Monarchie, aber eine ohne König, und Horthy verwaltete das Land, als Reichsverweser eben. Dass in dem Fachwort auch die Verwesung steckt, sollte sich bald zeigen. Tatsächlich war Horthy der unumschränkte Herrscher, Ungarn galt als das Land der drei Millionen Bettler, in dem das Lied ›Szomoru vasarnap‹/›Trauriger Sonntag‹ verboten war, weil so viele Menschen sich, der Werther-Hysterie ähnlich, nach dem Lied umbrachten. 24 Jahre übte der Donaufaschist Horthy, nach dem jetzt Schulen benannt und für den Dutzende Denkmäler querbeet durchs ganze Land errichtet werden, sein Verwesungsgewerbe aus. Da muss Orbán sich am Riemen reißen, wenn er diesen Rekord einstellen will. Er bemüht sich auch nach Kräften; so wie Horthy sich in den dreißiger Jahren immer mehr Hitler anbiederte, sucht Orbán offen den Schulterschluss mit dem rechtsextremen Block im Europäischen Parlament. Er tanzt den Christlichsozialen auf der Nase herum und lässt keinen Tag verstreichen, an dem er nicht Schmutzkübel über die Europäische Union ausleert und führende EU-Politiker beleidigt. Und diesem Herren huldigt eine österreichische Regierungspartei wie einem Führer. Auch die Herren von der FPÖ sind tüchtige Verweser, wofür sie von einem erklecklichen Teil der österreichischen Bevölkerung geliebt werden. Und die Europäische Volkspartei reagiert sowohl im Falle Orbán als auch im Falle ÖVP, die die österreichische Ausgabe der Donaufaschisten ja ins Boot geholt hat, mit nicht zu überbietender kriecherischer Feigheit.«

Einmal probierte es der Dozent noch: »Böhmermann war also in Graz und hat dort am Rande einer Ausstellungseröffnung im Künstlerhaus klare Worte über das gegenwärtige Österreich gefunden. So nannte er Kanzler Kurz einen gegelten 32jährigen Versicherungsvertreter. ›Habt ihr da niemand Besseres? (…) Der Ruf nach autoritärer Führung hallt aus den Bergen bis rüber nach Deutschland (…) Wird der ORF nicht bald umbenannt in FPÖ-TV? (…) dieses 'normalisierte' Land, in dem sich die Fremdenhatz so gemütlich normal anfühlt.‹

Unmittelbar nach der Ausstrahlung des Beitrags distanzierte sich die Moderatorin der Sendung, eine gewisse Clarissa Stadler, im Namen des ORF von Böhmermanns Aussagen. Eine derartig kriecherische Feigheit habe ich im ORF noch nie gesehen. Und die FPÖ schoss aus allen Rohren auf Böhmermann und den ORF. Sie lasse sich von einem Piefke nichts ins rechtsextreme Eck drängen.«

»Kunststück. Dort ist sie ja seit Jahrzehnten zu Hause«, erwiderte Groll und zitierte einen geflügelten Satz des Präsidentschaftskandidaten und nunmehrigen FPÖ-Ministers für Verkehr, Innovation und Technologie, Norbert Hofer, der zum Führungskreis der Partei zählt und mit der Erhöhung der zulässigen Geschwindigkeit auf Autobahnen und der beabsichtigten Freigabe des Drohnenflugs in den Städten wertvolle Beiträge für eine saubere Umwelt liefert. Der Satz lautet: »›Sie werden sich wundern, was noch alles möglich ist!‹ Der technikaffine Burschenschafter zählt zum Freundeskreis des Waffenproduzenten Glock, der am Kärntner Seen ein Grundstück ums andere aufkauft und darauf Apartmenthäuser hochzieht, die 51 Wochen im Jahr leer stehen. Seine 52 Jahre jüngere Ehefrau Kathrin wurde von Minister Hofer flugs in den Aufsichtsrat der Luftaufsichtsbehörde Austro Control geholt. Die verdiente Krankenpflegerin fungiert auch als Beraterin der Spanischen Hofreitschule und ist bekannt für vielfältige Charity-Aktivitäten in Milliardärskreisen.«

Die beiden gingen gemessenen Schritts (der Dozent) beziehungsweise moderaten Rollstuhllaufs (Herr Groll) zwischen dem Kunsthistorischen und dem Naturkundlichen Museum an der Ringstraße in Richtung der ehemaligen Hofstallungen, die jetzt als Museumsquartier dienen. Groll wusste dort ein beliebtes Lokal, das »Corbaci«, in dem nicht nur vorzüglicher Espresso und gute Weine kredenzt werden, sondern das auch einen barrierefreien Eingang und eine Behindertentoilette aufweist. Letzteres ist im Wien des Jahres 2019 beileibe keine Selbstverständlichkeit.

Anregend und beschaulich verlief für die beiden Freunde der Tag der Befreiung.

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