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Aus: Ausgabe vom 14.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Vor und nach der Erschütterung

Bin das ich? Sasa Stanisic erkundet eine Jugend zwischen Jugoslawien und Westdeutschland
Von Werner Jung
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»Literatur ist ein schwacher Kitt« – Sasa Stanisic bleibt Realist

Das neue Buch »Herkunft« des seit 1992 in Deutschland lebenden und aus Visegrad stammenden Sasa Stanisic trägt keinen Untertitel. Man mag es als autobiographische Prosa verstehen, kann es aber auch als einen Roman lesen. So oder so adaptiert der mit allen poetologischen Erzählmustern vertraute, mühelos ebenso romantische Konventionen wie realistische Verfahren beherrschende Stanisic eine ganze Reihe stilistischer Vorbilder. Mal mäandert sein Text, dann wieder schiebt er kurze Anekdoten ein, fällt sich in bester Tradition abschweifenden Erzählens selbst ins Wort, um entweder souverän Erinnerungen zu beschwören oder sich in Selbstzweifeln zu verlieren.

Vielleicht muss das gerade so sein und ist der eigenen schwierigen Biographie geschuldet: 1978 geboren, erlebt er als Kind den Zusammenbruch Jugoslawiens und den sich schleichend ankündigenden Krieg. Die Eltern fliehen mit ihm nach Deutschland, wo sie als Fremde stigmatisiert sind und der Sohn mühsam die neue Sprache erlernt. Sie leben gemeinsam mit anderen Flüchtlingen im »Besondersviertel« (wie es lakonisch heißt) der Stadt Heidelberg, wo die Ausgegrenzten und bloß Geduldeten ihr Leben fristen, wo aber ein Lehrer die Erzähl- und Schreibtalente des phantasievollen Jungen erkennt und fördert. Frustriert übersiedeln die Eltern in die USA, er aber bleibt, beginnt ein Slawistikstudium und macht erste Erfahrungen als Schriftsteller.

Dies alles zugleich findet sich in Stanisics Text, aber noch weit mehr. Das Buch ist voller nuancenreicher Selbsterkundungen und Auskünfte, aber auch angefüllt mit Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in einem meist unbeschwerten Paradies, in einer Welt voller Mythen und Märchen, Drachen und Schlangen. Mittendrin der ruhende Pol, die Großmutter Kristina, die so etwas wie das geheime Gravitationszentrum des Erzählens bildet, denn sie verkörpert jenes (längst entschwundene) südslawische Erbe, das im Krieg, in Hass, Chauvinismus und Nationalismus untergegangen ist; die Suche nach dessen Spuren treibt den Schriftsteller an und um. Dennoch: »Literatur ist ein schwacher Kitt. Das merke ich auch bei diesem Text. Ich beschwöre das Heile und überbrücke das Kaputte, beschreibe das Leben vor und nach der Erschütterung, und in Wirklichkeit vergesse ich Geburtstage und nehme Einladungen zu Hochzeiten nicht wahr.«

Zum Ende hin heißt es in dem längsten Kapitel »Der Drachenhort«, worin sich Stanisic mit dem Tod der Großmutter beschäftigt: »Nein, kein Ende. Ein geliebter Mensch stirbt. Ist gestorben. ›Bin das ich?‹, war Großmutters letzter Satz, an niemanden und an sich und an mich gerichtet, im Altenheim von Rogatica. Das frage ich mich seit zwei Jahren in diesem Text: Bin das ich? Sohn meiner Eltern, Enkelsohn meiner Großeltern, Urenkel meiner Urgroßeltern, Kind Jugoslawiens, geflüchtet vor einem Krieg, zufällig nach Deutschland. Vater, Schriftsteller, Figur. Bin das alles ich?«

Literatur als Selbsterkundung, als Spiel mit Möglichkeiten von Wirklichkeit, als Erinnerungsnarrativ. Ein großes, ein großartiges Buch!

Sasa Stanisic: Herkunft. Luchterhand, München 2019, 368 Seiten, 22 Euro

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