Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Mai 2019, Nr. 120
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Aus: Ausgabe vom 11.05.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Vom Sehen (und Hören)

Eine Senkrechte in der Zeit: Der Kiebitz und das Glück
Von Jürgen Roth
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(…) always an agreeable spectacle to those who love a landscape enlivened by its wild creatures.

Alfred Newton

Man kann den Städten schwerlich vorwerfen, dass sich in ihnen keine Kiebitze aufhalten. Das taten sie, die Kiebitze, nie (sieht man von ungenutzten Randarealen hie und da, die nominell zur Gemarkung zählen, ab). Die unvergleichlich beseelten Offenlandbewohner wussten stets, warum: Weil Städte schon immer Städte waren. »Die Menschenströme / Überfüllen die Geschäftsviertel / Die in der Nacht gesäubert wurden / Von dem Schmutz und den Verheerungen der Menschenströme / Vom Tag vorher«, heißt es in Brechts Gedicht »Städtische Landschaft«.

Mit der in den vergangenen Jahren vielbeachteten und -gepriesenen erstaunlichen Artenvielfalt in großen menschlichen Siedlungen geht es allerdings auch schon wieder bergab. Wen soll das wundern? Wo noch eine Ruderal- oder Brachfläche zu finden ist, klotzt man standardisierte, grottenhäßliche, aus billigsten Materialien zusammengeschusterte ­Büro- und Appartementwürfel und Wohnhochhäuser (inklusive Hundewaschanlagen) für die Geldsäcke und -säckinnen hin (dergleichen wird zu Recht »Investorenarchitektur« genannt), von den Stadträndern aus schieben sich die immer gleichen neuen Viertel wie Endmoränen in die letzten Säume dessen, was einmal eine womöglich durch Hecken, Baumgruppen und Streuobstwiesen gegliederte, parzellierte Kulturlandschaft war, und im Zuge der segensreichen Gentrifizierung werden Grünanlagen so lange »aufgewertet«, das heißt auf- und ausgeräumt, bis sogar die Amseln fliehen. Wir sprechen aus eigener Erfahrung, aus eigener Anschauung. Was seit einigen Jahren etwa in Frankfurt am Main passiert, lässt sich nur mit unflätigen Worten beschreiben. Es ist ein einziges, von der Politik blökend verbrämtes Desaster.

Ein Geschenk

Selten nur noch sind einem als innerstädtischem Bewohner dieser Tage, da die Mauerseglerbestände schwinden, die Turmfalken abziehen und selbst die durch praktisch nichts zu beeindruckenden Meisen das Weite suchen, solche Momente unerwarteten Glücks beschieden: am Morgen, am Küchenfenster stehend, die Kaffeetasse auf dem Fensterbrett. Es sind die schönsten Minuten des Tages, zumal wenn es in der Nacht sacht geregnet hat und der Hinterhof, eine graue Steinwüstenei, gütig benetzt vor einem liegt und von der Hauptstraße im Süden auf Grund der günstigen Windrichtung kein Verkehrslärm herüberdringt. Henry David Thoreau notierte in seinem Tagebuch: »Am Schöpfungsbeginn jedes Tags erfreuen wir uns einer täglichen Atempause. Am Morgen glauben wir nicht an Nützlichkeit; wir werden neu beginnen, machen kein Flickwerk, fixieren uns nicht zeitlich.«

Solche Momente nämlich: Aus dem Augenwinkel sehen wir ihn von rechts heranschnellen, und schon hockt er auf der Grundstücksmauer, nicht viel größer als die Goldhähnchen, selbstbewusst, rotzfrech, spöttisch dreinblickend, den kurzen, spachtelartigen Schwanz wie ein liebenswürdiger Geck aufgestellt, die Lage scharf und verschmitzt sondierend, ungenau bräunlich gewandet, ein mit weißen Tupfern verzierter Kugelblitz, ein angstfreier, tollkühner Kerl, ein großer kleiner mutiger Kundschafter, die winzigste lebende Welteinheit, wie uns da scheinen will, vital und frohgemut, als sei ihm all die Verunstaltung und Zerstörung rundherum vollkommen schnurzpiepegal, denn er weiß ja, dass er weiser als der Homo sapiens ist, und er weiß: Sollte der atomare Rums ausbleiben, wird es seinesgleichen auch nach den Menschen weiterhin geben.

Nun fliegt der Knopf zwei, drei Meter weiter, hinüber zum und hinein ins Gerümpel vor den Garagen. Er inspiziert die Paletten, hüpft über Stahlgestelle, untersucht Blumentöpfe, begutachtet Schubkarren und eine Mörtelmaschine, hockt sich auf einen Regenwassertank und meckert. Sein sogenannter Stimmfühlungsruf, das charakteristische »Teck-teck« oder »Tick-tick«, hackt in die Luft.

»Na, mein Freund«, sagt man leise, mehr sich selber als an ihn gewandt. Und dann zischt er, nachdem er uns, bilden wir uns ein, noch einmal kurz angeguckt hat, davon, in die links gelegene Nachbarschaft.

Das ist etwas Einfaches, vielleicht Reines, auf jeden Fall Bewegendes. Man schaut nur, man guckt bloß, man staunt, Augenblicke gänzlich unbedeutender und deshalb wahrer, richtiger Freude. Man ist ohne jede Mühe »heimisch in der Welt« (Thoreau), und man merkt es, weil man es kaum merkt. Besser: Weil man es nicht be-merkt.

So erging es uns bis in die frühen neunziger Jahre auch jedesmal – und es war jedesmal, als sei es das erste Mal gewesen –, wenn wir in der freien Landschaft, ohne darauf erpicht gewesen zu sein, im Frühjahr die ersten Kiebitze entdeckten, unordentlich und ungeordnet, übermütig und lustbeschwingt über den hie und da noch gelbgescheckten Wiesen und den nassbraunen, schwer und matt daliegenden Äckern kurvend, schwankend und gaukelnd (beinahe jeder Ornithologe beschreibt den Flug des Kiebitzes als »gaukelnd«, es ist einfach der passende Begriff).

Der Kiebitz wird als Frühlingsbote bezeichnet, doch das »macht« ihn nicht »aus«, das trifft auf alle Zugvögel zu, die leicht zu vernehmen und zahlreich sind (oder, abermals: waren). Wir sind keine »Birder«, die, oft rastlos und von einem nagenden Ehrgeiz getrieben, der lediglich Ausdruck des schäbigsten symbolischen Gewinn-, des Prestigestrebens ist, de-­ ­luxe-touristisch durch die Welt jetten und sie dabei verpesten und vermüllen, die in den letzten Winkel des geschundenen Planeten vordringen, auf das Wohl der Natur und der Tiere so bedacht wie die Kriegsherren auf das Leben der Bevölkerungen, rücksichtslos, rüde, rigide egomanisch, nichts anderes im Sinn, denn die »Life list« zu verlängern, die buchhalterische Dokumentation der gesichteten Vogelarten zu erweitern.

Uns genügen die unablässig umtriebigen Spatzen, die in einem Straßenbaum, den sie zu ihrem Parlament erkoren haben, herumrandalieren. Nein, sie genügen uns nicht. Sie sind nie genug. Alle Vögel sind nie genug, die Krähen nicht, die Tauben nicht und nicht die Finken. Ein Waldkauz, der am Rand eines laubübersäten, in vielerlei Gelb- und Brauntönen schimmernden Weges, der sich behutsam durchs glänzende Gebäum schlängelt, auf einem nadellosen Ast, in drei Metern Höhe, schläft. Eine Bussardfamilie, die in den vor Weite juchzenden Sommerhimmel hinaufspiralt. Die Heckenbraunellen, die man am aufgegebenen alten Schwimmbad hört oder kurz meint, scheu und nervös an der Tränke unterm zerzausten, aber anheimelnd störrischen Pflaumenbaum gesehen zu haben. Das Blässhuhnpaar auf dem Teich am Rande des Dorfes, für den sich niemand interessiert.

Man will nicht scheiden und gewichten. Gleich viel wiegen die Vögel, vom Zilpzalp bis zum Seeadler. Die Sänger, die Paddler, die Luftdurchmesser, die Dahinhuschenden, die Tollkühnen, die Stoiker, die Stolzen, die Scheuen, die Taucher, die Mücken und die Macker, die Trunkenen und die Trutzigen, die Dionysischen und die Apolliniker. Die Narren im Staate Vogelhausen und die Regierungspräsidenten von Avifaunamien. Die Meister der Meere, die Bezwinger der Berge, die Gäste im Garten, die Fruchtbringenden der Flur.

Und dennoch: der Kiebitz. Irgend etwas scheint ihn, für uns, von allen anderen abzuheben. Sein Gebaren? Seine Gestalt? Lehrt er uns, seiner übersprudelnden Inkommensurabilität wegen, noch genauer als genau hinzusehen?

Wir sehen ihn ja nicht mehr. Ist es der Schmerz des Verlustes, der ihn uns noch ein wenig kostbarer erscheinen lässt als all seine wunderbaren und wundersamen Kollegen?

Was wird uns fehlen, wenn die Luft leer, wenn der Himmel bereinigt sein wird, wenn die Kreaturen, die dort seit dreißig Millionen Jahren ihre Heimstatt finden, vernichtet sein werden? Wenn sie einem Fortschritt gewichen sein werden, der, einer Prophezeiung von Günther Anders zufolge, sich als proteische, blinde Raserei, als endlich manifest gewordene »Antiquiertheit des Menschen« (und ­allen Lebens) erweisen wird? Im Dienste des Drohnen- und Lufttaxibetriebs zum Beispiel?

Es ist zum Lachen, wahrlich.

Zu sehen ist nichts

Beiläufig schreibt Arnulf Conradi in seinem zauberhaften, die eigenen Erfahrungen jahrzehntelanger Betrachtung wildlebender Vögel zusammenschauenden Buch »Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung« über seine Wahlheimat, die Uckermark, eine »unwiderruflich ruinierte Landschaft«: »Auf dem Feld stehen hohe Windräder, die zahllose Vögel erschlagen. Es ist ein trostloser Anblick. Der Förster sagt mir, dass die Zahl der Füchse enorm zugenommen hat, weil für sie jetzt das Fressen vom Himmel fällt.«

Es ist ein trostloser Anblick. Man fährt die Rheinebene hinunter, und es ist ein trostloser Anblick. Man reist vom Rhein-Main-Gebiet ins Rheinland, und es ist ein trostloser Anblick. Weiter nach Norden möchte man schon gar nicht gelangen, man weiß, was einen erwartet und was man zu sehen bekommen wird. Nicht anders im Osten, nicht anders anderswo. Womöglich ist die Fränkische Schweiz, diese verschwenderische Wuselwelt, in der Tieck und Wackenroder die deutsche Romantik gewissermaßen erfanden, noch nicht zur Gänze lädiert, plattgemacht. Wir waren länger nicht mehr dort, aus Furcht, es könnte unterdessen so sein wie überall.

Es ist ein trostloser Anblick, auch ohne Windräder. Gepeinigte Gefilde, geometrisch geordnet, abgezirkelt, durchgeplant, zugerichtet, alles Störende rausgerissen, zugeschüttet, abgefackelt. Agrarindus­trielle Exerzierplätze bis zum Horizont, und hinter ihm erstrecken sich die nächsten »traktorgerechten Agrarsteppen« (Horst Stern). Befahren, umgepflügt, vergiftet werden sie mit Hilfe von Gefährten, die dröhnen wie ein Zerstörer beim Auslaufen aus dem Hafen.

Zu sehen ist nichts mehr. Man sieht sich beim Nichtsehen zu.

Das menschliche Auge verlangt nach Vielfalt, nach Formen, Farben, Konturen, Gestalten in unabwägbarer Abwechslung. Erst in der Unübersichtlichkeit lernt es zu sehen. Es übt sich an der Überraschung. Monotonie bringt um, verdunkelt den Geist, bis zum Erlöschen. Das wussten Macht und Herrschaft seit jeher. Die Brutalität bediente sich immerzu blicktötender Tristesse, blockartiger Formationen. Zu denselben Mitteln greift der angeblich ideologiefreie Technokratismus, die letale Praxis der gestalterkaltenden Kartierung und Modellierung der lebendigen Welt.

Arnulf Conradi kommt hie und da auf den räumlichen und zeitlichen Multiperspektivismus des Sehens zu sprechen. Ohne den Pluralismus der Erscheinungen des Seienden gäbe es keine Erkenntnis, er ist der Quell des Wissens. Das Gegenteil der Erkenntnis ist der Ingenieursdirigismus, dem die gedankliche Verwandlung der Welt in einen Maschinenraum vorausgeht. Der Kommandant weiß, was er zu tun hat, aber er weiß nicht, was er damit anrichtet. Vielleicht ahnt er es bisweilen, das indes verdrängt er. Sein Wissen muss reflexionstrübe, stumpf sein. Andernfalls stellte er die Geräte, die in einer von ihm erfundenen, jedoch unverstandenen, rätselhaften Sprache die Imperative seines Handelns formulieren, ab.

Was in der ruhmreichen Geschichte des Abendlandes alles in Vergessenheit geriet … Das Wort »Theorie« leitet sich von altgriechisch »theorein« ab, anschauen, betrachten, also nichteingreifend beiwohnen. Die vorsokratische Philosophie emergiert dort: wo man in alle Richtungen blickt, übers Meer, auf den Boden, hinauf ans Firmament. War das staunende Verweilen Voraussetzung für die nutzbarmachende Manipulation, für die Durchdringung der Materie zum Zwecke ihrer Exploitation?

Arnulf Conradi ist ein fabelhafter Landschaftsbeschreiber, ja Landschaftsmaler. Treten in der Darstellung die Vögel hinzu, erschließt sich allerdings eine weitere, schwer fassbare impressive Dimension: »Dieses Bild der vielen Enten in der von Schneeflocken erfüllten Luft vor dem Grau des Seewassers und dem gedämpften Graugrün und Gelbbraun von Schilf und Büschen am Ufer hätte niemand malen können.« – »Es sind erlebte Bilder, und natürlich hat weder die Fotografie noch das Gemälde die Kraft, an ihre Stelle zu treten. Es geht ja nicht nur um die Optik, es geht um die Laute der Vögel, um den Wind (…), um den steingrauen Himmel (…). Kein Fotoalbum, kein Bild an der Wand, kein Film wird diesen Eindruck später wachrufen, allein die Erinnerung ist dazu in der Lage. Und je tiefer sich ein solches Erleben einbrennt, um so lebhafter ist später die Erinnerung, um so intensiver die Bereicherung durch diesen kurzen Augenblick.«

Hier fallen die »Wirklichkeit des unmittelbaren Augenblicks«, die reine Gegenwärtigkeit, die stille Emphase der Jetzt-Erfahrung, und das Überdauern jener Momente einer Welterschließung zusammen, die Conradi an Hand von Rilkes Vorstellung einer einfühlenden, belebenden und unerschöpflichen »Einsicht« illustriert und die, etwas hölzern ausgedrückt, die Logik der instrumentellen Vernunft suspendiert, die die reduktionistische rationale, gebieterische Haltung des Subjekts gegenüber dem Objekt aufhebt beziehungsweise -löst: »Sie überwindet (…) die Distanz zwischen Beobachter und Beobachtetem und führt zu dem Gefühl von Einheit und Harmonie, welches auch das Wesen der Meditation ist.«

Conradis begriffliches Rüstzeug entstammt einerseits den Lehren des Zen-Buddhismus, andererseits der Lebensphilosophie. Von Henri Bergson übernimmt er die Unterscheidung zwischen (quantifizierter) Zeit und Dauer. Der objektivierten, mechanisierten, gleichförmigen und gleichgültigen Zeit des schematisierten Alltagsvollzugs steht die dem ruhig-intensiven, subjektiven Erleben entströmende, nach innen und zugleich ins Außen gerichtete Dauer entgegen – ein je unvermittelter und daher einzigartiger Zeit-Raum, in dem der Zwang, den die »bewirtschaftete Zeit« (Rüdiger Safranski), die »komprimierte Zeit« (Harald Lesch) in sich trägt, abgestreift wird und sich der unvorhergesehene »Augenblick in beiden Bedeutungen« entfaltet (er entfaltet sich, weil sich das eigentlich punktuelle Jetzt dehnt): »dem Sehen und dem Jetzt«.

Die Natur macht keinen Lärm

Es ist diese elementare Erfahrung, in der das Sehen (der Landschaft, der Pflanzen, der Tiere, der Vögel) und das Hören (der Stille, der Gesänge und Rufe der Vögel) die plane, endlos geschäftige, zerhackte Empirie transzendieren und ein utopisches Moment der Versöhnung offenbaren. Das alte Erbe der Einheit von Sinnlichkeit und (Selbst-)Erkenntnis hatte die Frühromantik wieder angetreten, Thoreau, der in der deutschen Philosophie bewandert war, griff die Idee der ästhetischen Bildung des Subjekts, die zugleich eine moralische ist, auf.

»Die Natur macht keinen Lärm«, hielt Thoreau fest. »Der heulende Sturm, das raschelnde Blatt, der prasselnde Regen stören nicht; ihnen wohnt eine wesentliche und unerforschte Harmonie inne.« Und in diesem irreduziblen, unerklärlich gefügten Ganzen der äußeren Welt zeigt sich die klangliche und körperliche Gestalt der Möglichkeit des Nichtentfremdeten, der Freiheit von Betriebsamkeit und Bedrückung.

»Wahrheit, Güte, Schönheit« seien eins, dekretierte Thoreau, verfluchend »geschwätzige und lärmende Epochen, die keinen Klang mehr zulassen«. Ersetzt man »Klang« durch »Form«, sagt Peter Handke (hier: in einem Fernsehinterview von 2016) etwas ganz Ähnliches: »Alle ästhetischen Probleme sind für mich auch moralische Probleme. Oder, ich mag das Wort ›Moral‹ nicht, aber Ethik und Ästhetik gehören für mich zusammen. (…) Die Form ist alles, das Geformte.«

Und das liest sich bei Conradi beispielsweise so: »Durch das Glas konnte ich erkennen, dass es ein junger Wanderalbatros war, das Gefieder noch nicht makellos weiß wie beim ausgewachsenen Wanderalbatros, sondern gefleckt, mit dunkelbraunen Streifen an den Armflügeln, mit dichtem Schwarz an den Flügelspitzen, das, zunehmend weiß gesprenkelt, bis zur Hälfte der Flügellänge reichte. Die helle Tüpfelung der Schwingen nahm mit der Nähe zum Körper deutlich zu und ging dann in ein strahlendes Weiß über, das nur von einem einzigen dunkelbraunen Streifen unterbrochen wurde. Der rundliche, kräftige Körper selbst war ganz weiß, nur der Schwanz trug eine schwarze Endbinde, die von schmalen weißen Längsstreifen durchbrochen war. (…) Ich verschwand in dem magischen Gleiten des großen Vogels, der da langsam auf mich zukam. In der Beobachtung wurde ich für lange Minuten Teil seines Fluges, Teil dieser Leichtigkeit und Schönheit. Es war ein Jetzt, ein Augenblick, der sich tief einprägt – eine Senkrechte in der Zeit.«

Augenblick, verweile doch … Einen solchen trägt einem die Welt heute eher noch in der Antarktis als hierzulande zu: »Der Anblick ist wie ein Stoß, und die Erfahrung geht durch den ganzen Körper – es ist offensichtlich kein nur zerebrales Ereignis, sondern wird sinnlich wahrgenommen« – da können die Herren Hirnforscher quatschen, solange sie wollen –, »es erfüllt einen ganz und gar. (…) Wenn man den Albatros sieht, ist man ganz bei dem Albatros und zugleich bei sich. Da gibt es eine schwer zu erklärende Identität zwischen dem Sehenden und dem, was er sieht.«

Warum verwehrt man uns dergleichen auf den hiesigen Fluren? Wer beraubte uns der Gelegenheiten des Glücks, bei denen wir einen wilden Haufen von Kiebitzen, flackernd illuminiert vom durch Wolken gebrochenen, zögerlichen Frühjahrs­sonnenlicht, über Feldpfützen und schlafenden Weiden sein weltliebendes Spiel zelebrieren sahen?

Rausreißen muss es bei Conradi der Graureiher: »Eines Tages flog ein Graureiher bei wolkenlosem Himmel mit seinen langsamen Flügelschlägen lautlos dieses Fließ hinunter, er war über der dunklen Oberfläche des stehenden Wassers im Schatten der Bäume kaum zu sehen, aber wann immer er durch eine Schneise des Sonnenlichts glitt, leuchtete das unvergleichliche Grau seines Federkleids geradezu auf. Solche Momente, wenn man stehenbleibt und diesem phantastischen Bild nachhängt, erschließen einem nicht nur die Ästhetik des fliegenden Reihers, das Dunkelgrau der Deckfedern auf dem Rücken des Vogels und das Lichtgrau seines zum S gebogenen, zurückgelegten Halses, sondern die ganze Schönheit der Natur.«

Conradis aufs schönste schweifender und abschweifender Text ist nur ein Beispiel für die Vielzahl an fachlich und zugleich literarisch versierten natur- und insbesondere vogelkundlichen Büchern, die in jüngerer Zeit erschienen sind. Es dürfte dies kaum anders denn als Symptom zu deuten sein. Was aus der Welt, von den meisten kaum wahrgenommen, entweicht, wird von einigen in Buchstaben konserviert. Eine Kadenz. Ein Endgeflüster.

Bestenfalls tröstet das. Es lässt zeitweilig, in den Stunden der Lektüre, jene Katastrophe vergessen, die sich vor den Augen derer, die das Sehen nicht verlernt haben, Tag für Tag offenbart.

Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch von den Vögeln schweigen. Vom Kiebitz zuallererst.

(Alright, vom Graureiher nicht unbedingt. Der hat’s ja vorerst irgendwie gepackt.)

Der vorliegende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch »Unser Freund, der Kiebitz« von Jürgen und Thomas Roth mit Illustrationen von F. W. Bernstein, das Mitte des Monats im Haffmans-Verlag bei Zweitausendeins erscheint. Wir danken Verlag und Autor für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. Der erwähnte Band »Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung« von Arnulf Conradi ist Anfang März im Verlag Antje Kunstmann erschienen. (jW)

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er lebt in Frankfurt am Main. An dieser Stelle schrieb er zuletzt in der Ausgabe vom 2./3. März über »Die Sache mit der Parkbank. Geschichten rund um eine Frankfurter Trinkhalle«.

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