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Aus: Ausgabe vom 11.05.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Herrenmenschen-schreibkrampf

Von Arnold Schölzel
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Im Nachrichtensammeltext, den die Taz am Freitag auf Seite zwei veröffentlicht, heißt es: »Am 9. Mai wird in Russland (…) nicht gerüttelt: Anlässlich des ›Tags des Sieges‹ marschierten auf dem Roten Platz 13.000 russische Soldat*innen an Präsident Wladimir Putin vorbei. Panzer, mobile Luftabwehrsysteme und Flugzeuge gab es auch noch zu sehen.« In der gedruckten Taz-Ausgabe folgt dazu ein Kommentar des Moskau-Korrespondenten Klaus-Helge Donath auf Seite 14. Überschrift: »Aufdringlicher Gedenkkult«. Im Internetauftritt der Zeitung lautet die Ankündigung: »Paranoider Gedenkkult. Einst Gedenkfeier, heute ideologische Stütze: Präsident Wladimir Putin nutzt den ›Tag des Sieges‹ zusehends für seine Politik der Isolation«. Die Kommentartexte im Print und im Netz sind identisch.

Der Inhalt entspricht den Überschriften – Ein Herrenmenschenschreibkrampf. Erster Satz: »Seit langem ist der Tag des Sieges ein besonderes Ereignis in Russland.« Nun ja, wo Donath recht hat. Ein »besonderes Ereignis« ist der Tag seit 1945, als die Moskauer auf den Straßen tanzten. Nächster Satz: »Begangen wurde er erstmals 1965 – damals aus innenpolitischen Erwägungen.« Ja, was denn nun? 20 Jahre lang beging niemand den »Tag des Sieges«? Gemeint ist, zum 20. Jahrestag des Sieges über das faschistische Deutschland machte die Führung der Sowjetunion den 9. Mai zum Feiertag. »Aus innenpolitischen Erwägungen«? Donaths Andeutung ist dunkel. Selbst ein in Adenauers BRD Heranwachsender hatte ins Deutsche übersetzte Bücher oder Filme aus der Sowjetunion über den Krieg und den schwer erkämpften Sieg zur Verfügung: Z. B. Michail Kalatosows »Die Kraniche ziehen«, dessen Schluss am 9. Mai 1945 in Moskau spielt, erhielt 1958 in Cannes die »Goldene Palme«. Wer wollte, konnte ihn sich selbst in bundesdeutschen Kinos ansehen, in der DDR zog er Millionen an. Ähnlich wie Grigorij Tschuchrajs »Die Ballade vom Soldaten« (1959) oder Andrej Tarkowskijs »Iwans Kindheit« (1962, Goldener Löwe in Venedig). Aber das sind vergangene Zeiten, tiefster Kalter Krieg, heute gibt es die Grünen, ihr Vereinsblatt und Korrespondenten, die nichts verzeihen. Schon gar nicht die 27 Millionen toten Sowjetbürger des Zweiten Weltkrieges. Von Erinnerung an die Opfer ist Donaths Kommentar im Gegensatz zum Gedenken in Moskau frei. Empathie? Nicht mit denen.

Weiter in Donaths Text: »Das Fest durchlief seither viele Metamorphosen.« Wenigstens der 9. Mai blieb. Aber Donath weiß noch mehr: »In den 60er Jahren waren die Menschen nachdenklich und lebensfroh.« Und das im Unrechtsregime? Woher weiß Donath, wie »die Menschen« waren? Er weiß es nicht, benötigt aber den Kontrast zur Gegenwart: »Heute gibt es kaum noch Kriegsteilnehmer.« Diese Tatsache des Jahres 2019 stand vor 74 Jahren fest – Wehrmacht und SS hatten Millionen Kleinkinder, Heranwachsende, junge Leute erschlagen, erschossen, verbrannt, verhungern lassen. Aber um die geht es selbstverständlich nicht, wenn ein Taz-Korrespondent schreibt. Denn – nächster Satz: »Unter dem Oberkommandierenden Wladimir Putin wurde aus dem Innehalten im persönlichen Gedenken aus Freude und Leid ein völlig anderer Tag.« Wer so etwas in die Tastatur gibt, ist nicht nur unempfindlich gegen den Schmerz anderer, er ist zur Wiederholung fähig oder will sie.

Der Rest des Kommentars ist langweilig, weil vorhersehbar wie eine NATO-Stabsübung gegen Russland. Kernsätze lauten z. B.: »Moskau zelebriert Isolation, provoziert Ablehnung und erntet Gegenmaßnahmen. Es führt sich auf wie ein Paranoiker (…).«

Der erste Absatz des Donath-Kommentars bereitet diese pseudomedizinische, rassistische Einstufung vor. Donath füllt das Wörterbuch des Unmenschen auf. Die Grünen sind die schlimmste Kriegspartei des Landes, sie benötigen solche Munition.

Donath füllt das Wörterbuch des Unmenschen auf. Die Grünen sind die schlimmste Kriegspartei des Landes, sie benötigen solche Munition.

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