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Aus: Ausgabe vom 10.05.2019, Seite 7 / Ausland
Militärparade auf dem Roten Platz

»Stolz und Trauer«

Traditionelle Parade zum Tag des Sieges in Moskau. Putin warnt vor »falschen Helden«
Von Reinhard Lauterbach
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Nicht nur Parade: Veteranen feiern am Donnerstag in Moskau den Tag des Sieges

Mit der traditionellen Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau hat Russland am Donnerstag den Jahrestag des sowjetischen Sieges im Zweiten Weltkrieg begangen. Eröffnet wurde sie mit dem berühmten Lied »Steh auf, du Riesenland«, zu dessen Klängen eine Gruppe Soldaten eine historische »Fahne des Sieges« trug. Mehrere tausend Ehrengäste verfolgten die Parade von einer Tribüne an der Kremlmauer aus.

Beteiligt waren insgesamt 13.000 Soldaten aller Waffengattungen und 130 Fahrzeuge. Die Kolonne wurde angeführt von einem historischen T-34-Panzer und abgeschlossen von einigen mobilen Interkontinentalraketen des modernen Typs RS-24 »Jars« (im NATO-Jargon: SS-27). Gezeigt wurden auch Kurzstreckenraketen des Typs »Iskander« und einige Exemplare des Panzers T-14 »Armata«. Die als »bester Panzer der Welt« gerühmte Konstruktion ging allerdings wegen zu hoher Kosten nicht in die Serienproduktion. Zum Schluss gab es eine Choreografie von Kadetten und Musikern der Hochschule für Militärmusik, die der Parade einen eher heiteren Ausklang verlieh. Der als Teil der Parade geplante Überflug von 74 Flugzeugen und Hubschraubern wurde wegen schlechten Wetters abgesagt.

Die Parade wurde von Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Staatspräsident Wladimir Putin abgenommen. Sie saßen vor einer himmelblauen Installation mit der Inschrift »Pobeda« (Sieg), die das Lenin-Mausoleum verdeckte. Einziger ausländischer Gast war der ehemalige kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew. Putin erklärte in einer kurzen Rede, der 9. Mai sei für Russland ein Tag des Stolzes, aber auch der Trauer. Der Krieg habe in jede sowjetische Familie Lücken gerissen, und jede Familie habe ihre eigenen Helden, derer sie mit Dankbarkeit gedenke. Die Lehren des Zweiten Weltkriegs seien weiterhin aktuell: Russland werde auch künftig alles tun, um sein militärisches Potential zu gewährleisten. Es könne nicht zugelassen werden, dass in einigen Ländern versucht werde, die Geschichte umzuschreiben und »falsche Helden« aufzubauen. Zum Abschluss gratulierte Putin dem russischen Volk als dem »Volk der Sieger«.

Mit dem doppelten Akzent auf Stolz und Trauer in seiner Rede trug Putin der sich ausdifferenzierenden Stimmung in der russischen Gesellschaft Rechnung. Nach einer Umfrage des von westlichen Stiftungen mitfinanzierten Lewada-Zentrums von Ende April empfinden 48 Prozent der Russen beim Gedanken an das Kriegsende Stolz auf den Sieg, 23 Prozent Trauer, 27 Prozent beides. In wachsendem Maße scheint aber Distanz zu den Paraden als Form des Gedenkens aufzukommen. Nur noch 23 Prozent halten diese Zeremonien für angemessen. 52 Prozent sprachen sich dafür aus, besser für die Kriegsveteranen zu sorgen, 23 Prozent wollen sich im Gedenken an die Opfer des Krieges für die Stärkung des Weltfriedens und die Beendigung aller bewaffneten Konflikte einsetzen.

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